Advice Pollution – oder: Halt. Die. Fre**e. Mit. Deinen. Lebensregeln.
Alle erklären dir, wie Leben geht. In Reels, Listen und „Things I’ve learned“. Von Menschen, die kaum gelebt haben. Fünf Dinge, die dein Leben verändern. Sieben Regeln fürs Glück. 45 Learnings aus 45 Minuten Lebenserfahrung. You name it. “Advice Pollution” nennt man dieses Dauerfeuer aus ungefragten Lebensregeln. Es macht müde, unsicher und abhängig. Ein nerviger Trend und ein Symptom unseres Social-Media-Systems.
oder auch “Ratgeber-Verschmutzung” …
Man möge meine ungehobelte Überschrift verzeihen. Aber wir haben ein neues Umweltproblem. Unsichtbar, allgegenwärtig und unendlich nervig. Es liegt nicht in der Luft, sondern im Feed. Es ist “Advice Pollution” - ein Begriff, über den ich letztens gestolpert bin und der einer merkwürdigen Entwicklung einen Namen gibt, die ich bisher nicht benennen und greifen konnte.
Überall Menschen, die mir erklären, wie ich zu leben habe. Wie ich esse. Wie ich arbeite. Wie ich schlafe. Wie ich liebe. Wie ich investiere. Wie ich atme. Wie ich endlich mein verdammtes Nervensystem reguliere.
Und zwar Menschen, die meistens 20 Jahre alt sind, seit drei Wochen ein Notion-Template benutzen, einmal in Lissabon umgestiegen sind und jetzt „45 Dinge über Portugal“ wissen – und deren größte Lebenskrise bisher ein Algorithmus-Update war. Willkommen im Zeitalter von “Things I´ve learned”. Seit wann sind denn eigentlich alle so wissbegierig auf´s Lernen? Ganz einfach: Seitdem man daraus Reichweite, Show, Fame, Likes und Klicks auf Social Media machen kann.
Die infantile Allwissenheit der Gegenwart
„Things I’ve learned.“ Dieser Satz ist der neue Weihrauch. Whohooo. Ja, bitte, ich will es wissen. Was hast du gelernt? Lass mich teilhaben an deiner Katharsis! Er wird gesprochen, geflüstert, gepostet – in Endlosschleife. Und er kommt immer mit Bulletpoints. Die passen so gut auf die Social-Media-Quadrat-Slides.
„5 Dinge, die dein Gehirn sofort verändern.“
(Achtung: Die Person ist keine Neurowissenschaftlerin.)
„Meine Ernährungsregeln.“
(Gesprochen von jemandem mit Teenager-Stoffwechsel und Ringlicht.)
„Was du über Beziehungen verstehen musst.“
(Quelle: zwei Situationships und ein Podcast.)
Es ist eine Kakophonie aus Halbverstand, Selbstgewissheit und Canva-Ästhetik. Und sie macht etwas mit uns: Sie macht uns müde, dümmer und vor allem unsicher.
Wenn Möchtegern-Weisheit zur Dauerbeschallung wird
Früher war das Internet ein Ort für Katzenvideos, kaputte Blogs und viel zu lange Texte über fremde Ehen.
Heute ist es ein Dauer-Coaching-Seminar, aus dem man nicht mehr rausfindet. Alle sind sie selbst ernannte Experten und Möchtegern-Gurus. Alles ist ein Optimierungsplan. Alles eine Checkliste. Alles ein „So machst du es richtig“. (Ergo: Alles was du bisher in deinem Leben gemacht hast, war falsch! Nicht richtig! Unter deinem Potential! Ein Wunder, dass du es überhaupt bis hierhin geschafft hast!) Aktuell beliebt und zigfach geposted:
Ruhe priorisieren.
Grenzen setzen.
Intuitiv essen.
In die Natur gehen.
Neugierig bleiben.
Kindlich sein.
Freunde kontaktieren.
Handy weglegen.
Danke. Wirklich.
Ich hatte keine Ahnung!
Advice Pollution ist kein Zufall. Sie ist ein Geschäftsmodell.
Niemand zwingt uns, das zu konsumieren. Klar. Aber wir tun es trotzdem. Weil wir unsicher sind. Wir wollen ja alles richtig machen. Advice verkauft sich. Advice klickt gut. Weil wir überfordert sind.
Weil wir uns verloren fühlen. Weil wir denken, irgendwo da draußen hat jemand den Plan – und wir nicht.
Also scrollen wir weiter. Und klicken. Und speichern. Aber fühlen wir uns je wirklich weiser danach? Setzen wir diese Tipps jemals um? Die Lösung für unsere Verwirrung, unsere Probleme, unseren Struggle und unsere individuellen Herausforderungen kommt nicht aus Reels und Stories.
Und die Ironie des Ganzen: Das Schönste an diesem ganzen Advice-Zirkus ist ja: Je mehr dir jemand erklärt, wie das Leben funktioniert, desto weniger lebt diese Person meistens selbst darin. Leben lässt sich nicht zusammenfassen. Nicht bulletpointen. Nicht kuratieren. Nicht algorithmisch ausspielen. Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig wissen. Sondern dass wir zu viel hören und sehen von anderen und zu wenig von uns selbst spüren.
Vielleicht ist Advice Pollution der Anfang vom Ende
Vielleicht ist dieses Übermaß an ungefragter Lebenshilfe genau das, was uns irgendwann wirklich von Social Media wegtreibt. Weil wir erschöpft sind von all dem. Weil wir keine Lust mehr haben, uns permanent erklären zu lassen, wie wir sein sollten, statt einfach mal zu sein.
Advice Pollution ist kein isoliertes Phänomen. Sie ist nicht nur nerviger Trend, sie ist ein Symptom. Ein Symptom eines Systems, das uns permanent sagt, dass wir nicht richtig sind. Nicht klug genug. Nicht reflektiert genug. Nicht optimiert genug.
Social Media lebt aber nun mal davon, uns in einem subtilen Dauerzustand von „Du könntest besser sein“ zu halten. Denn wer sich selbst misstraut, bleibt online. Wer Orientierung sucht, klickt weiter. Und wer glaubt, irgendwo da draußen gäbe es die eine richtige Anleitung fürs Leben, wird nie aufhören zu scrollen. It´s a rabbit hole.
“Advice Pollution” ist die neue Nikotinwolke, nur eben unsichtbar, normalisiert und überall. Wir atmen sie ein, ohne zu merken, wie sehr sie uns den Kopf vernebelt. Genau darum geht es in meinem Buch „Quit the Feed! - Social Media ist wie Rauchen“. Warum trauen wir uns selbst so wenig zu, dass wir Fremden im Internet erlauben, unser Denken, Fühlen und Leben zu strukturieren? Warum glauben wir, Orientierung müsse von außen kommen? Warum brauchen wir permanent Input und Reize?
Social Media ist kein neutrales Werkzeug sondern ein perfekt gebautes Abhängigkeitssystem, das von Überforderung, Vergleich und Dauerberatung lebt. Der Ausstieg beginnt nicht damit, das Handy wegzulegen. Er beginnt damit, zu erkennen, dass du kein weiteres Reel brauchst, das dir erklärt, wie Leben geht.
Denn du lebst ja bereits. Und vielleicht ist genau dieser Moment, in dem du genervt bist von all den Regeln, Routinen und Lebenslisten, der Anfang von etwas viel Gesünderem: Stille. Eigenes Denken. Und der Mut, dir selbst wieder zu glauben. Du brauchst kein besseres Mindset. Du brauchst einfach nur frische Luft und ein bißchen Stille.
Und ja, jetzt kommt die letzte Ironie: Während ich das hier schreibe, gebe ich natürlich auch einen Rat. Aber vielleicht ist es kein Rat. Vielleicht ist es nur ein Gedanke. Und vielleicht reicht das auch.
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Über die Autorin:
Henriette Frädrich ist Keynote-Speakerin, Moderatorin, Creative Mind, Entdeckerin, Ausprobiererin, Herausfinderin und Storytelling-Profi. Ihr Background: Gründerin, Unternehmerin, Journalistin und Autorin. Mit Energie, Humor und Tiefgang nimmt sie ihre Zuhörer:innen mit auf eine Reise durch Themen, die bewegen: von Veränderung und Resilienz über Motivation, Innovation und künstliche Intelligenz bis hin zu Kommunikation und Leadership.
Ihre Mission? Komplexes einfach machen, Köpfe öffnen und Herzen berühren. Ob auf großen Bühnen oder in interaktiven Workshops – sie kombiniert fundiertes Wissen mit emotionalem Storytelling und schafft so nachhaltige Aha-Momente. Ihre Vorträge sind mitreißende Erlebnisse, die inspirieren und Mut machen, den nächsten Schritt zu gehen.
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Jeder Mensch braucht andere Menschen um sich herum. Aber jeder Mensch braucht auch dringend das Alleinsein. Letzteres wird komischerweise immer noch als ein seltsames Ding betrachtet. Jeder, der gern allein ist, wird komisch beäugt. Wie, du bist lieber allein zu Hause als raus Downtown zu gehen und Party zu machen? Da kann was nicht stimmen. Die Gesellschaft befeuert extrovertiertes Verhalten. Und stellt Introvertiertheit in Frage.
Wenn ich mit dem Zug reise, dann nur im Ruhe-Abteil. Ich reise grundsätzlich nie ohne Oropax und Noise-Cancelling-Kopfhörer. Ich schotte mich von der Welt ab, wo ich es nur kann. Nicht, weil ich die Welt nicht mag. Sondern weil sie mir zu viel und viel zu laut geworden ist. Ich ertrage es einfach nicht (mehr). Die Dauerbeschallung ÜBERALL macht mich fertig. Energetisch, körperlich, psychisch, mental. Ich giere nach Ruhe. Stille ist mein safe space.
Was passiert in unserem Gehirn unter Zeitdruck? Warum verlieren wir unter Stress unsere Klugheit, Empathie und Entscheidungsfähigkeit? Warum wir nicht mehr richtig denken können – und was Plato, dein Cortex und dein stressiger Alltag damit zu tun haben. Ein Plädoyer für Pausen, Tiefgang und das radikale Recht auf Langsamkeit in einer sich immer schneller werdenden Welt, die durchdreht.
Bekenntnisse einer Unsichtbaren mit Wirkung: Ich habe einfach keine Lust, keinen Bock, keine Zeit, keine Energie auf und für LinkedIn. Und ja, manchmal fühle ich mich damit so, als müsste ich mich dafür erklären und rechtfertigen wie jemand, der auf einer Party keinen Alkohol trinken will. Kein LinkedIn, keine Personal Brand-Show – und trotzdem sichtbar? Ja, das geht. Warum ich als Selbstständige eben nicht auf LinkedIn rumturne, wie ich ohne Algorithmus Kund:innen gewinne – und was wir alle vom digitalen “Unsichtbarsein” lernen können.
Wenn alles laut ist, wird Stille zum Luxus. Wenn alle um Sichtbarkeit kämpfen, wird Unsichtbarkeit zur Superkraft. Willkommen im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie – einem System, in dem nicht mehr der gewinnt, der wirklich etwas zu sagen hat, sondern der, der am lautesten brüllt, sich am besten inszeniert oder den cleversten Algorithmus füttert. Aber was wäre, wenn wir dieses Spiel nicht mehr mitspielen? Was, wenn es eine klügere Strategie gibt – nämlich die des bewussten Rückzugs?
Du sitzt in einem großen, offenen Büro. Links von dir tippt jemand mit der Leidenschaft eines Heavy-Metal-Drummers auf seine Tastatur. Rechts klingelt ein Handy mit dem neuesten Sommerhit. Und während du versuchst, deine Gedanken wieder einzufangen, leuchtet dein Handy auf: drei neue E-Mails, zwei Slack-Nachrichten, ein Whatsapp-Ping. Willkommen in der modernen Arbeitswelt. Willkommen im Chaos. Fokus? Konzentration? Innovation? Fehlanzeige.
Wenn alles nur noch digital ist, ist das der point of no return? Machen hochdigitalisierte, aalglatte, streamlinige und getouchscreent-bis-zum Get-No-More- Autos/Küchengeräte/etc wirklich mehr Spaß als die guten alten Knatterkisten mit echten Zeiger-Anzeigen, Hebeln und Knöpfen? Manchmal vermisse und will ich einfach nur ein paar echte Knöppe im Auto. Und in Hotels bitte einfach nur Lichtschalter!
Woran orientiert sich eigentlich die Algorithmen-Forschung? An unserem Gehirn. Denn auch unser Hirn ist nichts anderes als einfach nur ein Algorithmus. Es folgt Mustern und Gewohnheiten, scannt, vergleicht, gleicht ab, trifft Entscheidungen, oft in Mikrosekunden. Algorithmen - online und auch in unserem Gehirn - bestätigen uns in uns selbst. Warum das auf Dauer nicht wirklich gut ist und warum wir immer mal wieder raus aus unseren Bubbles müssen.
Irgendwie scheinen wir mehr und mehr unseren Verstand zu verlieren, überall erhitzen sich die Gemüter, politisch und gesellschaftlich, zu viel Meinung, zu viel Kampf, zu viel Verteidigung, zu viel Gegeneinander, zu viel Ich, zu viele Emotionen, zu wenig Empathie, zu wenig Verständnis, zu wenig Solidarität, zu wenig Miteinander, zu wenig Konsens, zu wenig Wir. Woran das liegt? An unserem Gehirn. Und wie wir es nutzen.
Warum verhalten wir uns anders oder komisch, wenn wir uns beobachtet fühlen? Und was haben Quantenphysik, Schrödingers Katze und Instagram damit zu tun? Ein berühmtes Gedankenexperiment der Quantenphysik stellt uns vor die Frage, wie sich das Verhalten eines Objekts ändert, wenn es beobachtet wird. Ein Beispiel dafür ist die Auswirkung der Beobachtung auf unser Verhalten und wie diese Dynamik im Zeitalter von Instagram verstärkt wird.