Ambidextrie – oder: Können Unternehmen wirklich beidhändig denken?

Stell dir vor, du bist Rechtshänder:in. Dein Leben lang hast du alles mit rechts gemacht – geschrieben, gegessen, Türgriffe gedrückt. Und dann kommt jemand und sagt: "So, ab jetzt machst du das alles auch mit links. Gleichzeitig." Ähm, wie bitte?! Genau das bedeutet Ambidextrie. Und genau das verlangt man gerade von Unternehmen und Führungskräften: Beidhändigkeit. Gleichzeitig Altes bewahren und Neues erfinden. Stabilität sichern und Innovation vorantreiben. Klingt wie Multitasking auf Steroiden? Ist es auch.

Ambidextrie: Gleichzeitig Altes bewahren und Neues erfinden.

Ambidextrie: Gleichzeitig Altes bewahren und Neues erfinden.

Ambidextrie: Trendbegriff oder echte Strategie?

Ambidextrie (oder auf Englisch: "organizational ambidexterity") ist die schicke Art zu sagen: Unternehmen müssen zwei völlig unterschiedliche Dinge gleichzeitig tun. Nach dem Motto, wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Sie sollen Exploration (Neues ausprobieren, Innovation, Zukunft) und Exploitation (Bestehendes optimieren, Prozesse effizienter machen, Gegenwart sichern) parallel hinbekommen.

Bislang hieß es oft: „Entweder sind wir eine coole Start-up-Klitsche und disrupten alles, oder wir sind ein etablierter Konzern und optimieren uns zu Tode.“ Aber jetzt? Jetzt müssen alle Unternehmen plötzlich beides sein. Warum? Weil die Welt sich immer schneller dreht und niemand sich mehr leisten kann, nur auf einem Bein zu hüpfen. Digitalisierung, KI, Nachhaltigkeit, Fachkräftemangel – Willkommen im Zirkus der modernen Wirtschaft. Siehe auch Symbiotic Work: Wie Teams aus Menschen und KI-Agenten die Arbeit der Zukunft prägen

Ambidextrie vs. Innovation vs. Exnovation

Ambidextrie ist eigentlich die elegante Antwort auf eine zentrale Unternehmensfrage: Wie bekommen wir Innovation UND Exnovation unter einen Hut?

  • Innovation: Neues erfinden, sich selbst disrupten, mutig ins Ungewisse springen.

  • Exnovation: Alte, überholte Prozesse und Technologien loslassen, Ballast abwerfen, Platz für Neues schaffen.

  • Ambidextrie: Beides zur gleichen Zeit tun, ohne dass das eine das andere torpediert.

Kurz gesagt: Während du die neueste KI-gestützte Software in dein Unternehmen einführst, musst du gleichzeitig entscheiden, welche alten Prozesse aus den 90ern endlich rausfliegen. Das ist der schmale Grat zwischen Zukunftsvision und betriebswirtschaftlichem Realitätssinn.

Exnovation ≠ Bewahren, sondern bewusstes Loslassen

Tatsächlich wird Exnovation oft missverstanden. Es klingt so, als würde es um das Bewahren von Bewährtem gehen – das ist es aber nicht. Exnovation bedeutet gezieltes Abschaffen überholter Prozesse, Technologien oder Strukturen, um Platz für Neues zu schaffen. Es ist quasi das „Un-Innovieren“.

Während Innovation neue Ideen einführt, sorgt Exnovation dafür, dass alte, ineffiziente oder hinderliche Dinge nicht weiter mitgeschleppt werden. Es geht nicht darum, Bewährtes zu beschützen, sondern um eine Art „organisierte Entsorgung“.

Beispiel:

  • Innovation: Einführung von Elektroautos.

  • Exnovation: Abschaffung von Verbrennungsmotoren in der Produktion.

Oder auf Unternehmensebene:

  • Ein Unternehmen kann eine alte IT-Infrastruktur durch eine Cloud-Lösung ersetzen (Exnovation).

  • Ein Konzern stellt fest, dass ein Geschäftsmodell nicht mehr zeitgemäß ist und fährt es bewusst herunter, anstatt es ausbluten zu lassen.

Warum ist Exnovation wichtig?

Weil Unternehmen sonst in der Legacy-Falle landen: Sie erfinden ständig Neues, hängen aber noch an alten Prozessen, die Innovationen ausbremsen. Exnovation ist also der notwendige Gegenpart zur Innovation, damit Fortschritt nicht von Altlasten ausgebremst wird.

Ambidextrie + Exnovation?

Hier schließt sich der Kreis zur Ambidextrie: Unternehmen müssen beidhändig agieren – sie brauchen die Fähigkeit, gleichzeitig Neues zu erschaffen (Innovation) und das Überholte loszulassen (Exnovation). Ohne Exnovation wird Innovation oft ineffizient, weil Altes und Neues gleichzeitig nebeneinander existieren, sich aber gegenseitig behindern.

Kurz gesagt: Exnovation ist kein Bewahren, sondern ein strategisches Entrümpeln – damit Innovationen wirklich wirken können.

Aber wie setzt man das um?

Theorie ist schön, Praxis ist oft ein Albtraum. Wie also schaffen es Unternehmen, beidhändig zu denken? Ein paar Strategien:

  1. Strukturelle Ambidextrie – Manche Unternehmen gründen eigene Innovations-Hubs oder Abteilungen, die sich NUR mit Zukunft beschäftigen, während das Kerngeschäft stabil weiterläuft. Think: Google X für radikale Innovationen, während Google Search Geld druckt.

  2. Kontextuelle Ambidextrie – Hier sollen Mitarbeitende in ihrem Alltag sowohl effizient als auch innovativ sein. Sprich: Morgens KPIs und Quartalszahlen optimieren, nachmittags ein Zukunftsprodukt brainstormen.

  3. Führung mit Ambidextrie-Mindset – Führungskräfte müssen verstehen, dass sie sich nicht für eins entscheiden dürfen. Sie müssen das Spagat-Talent entwickeln, das Bestehende zu schützen und gleichzeitig das Neue zu ermöglichen – ohne die Leute in den Wahnsinn zu treiben.

Funktioniert das wirklich?

Gute Frage. Es gibt Unternehmen, die Ambidextrie richtig gut hinbekommen. Ambidextrie funktioniert, wenn Unternehmen alte Erfolgsmodelle loslassen können, während sie gleichzeitig mutig in die Zukunft investieren. Siehe auch Menschen sind keine Update-Maschinen: Motivation war gestern & warum Veränderung eine neue Sprache braucht

Netflix – Vom DVD-Verleiher zum Streaming-Giganten

  • Innovation: Netflix hat das Streaming revolutioniert und sich vom klassischen DVD-Verleih zu einer der größten Streaming-Plattformen entwickelt.

  • Exnovation: Sie haben ihr ursprüngliches DVD-Geschäft (das 1997 gestartet wurde) komplett abgeschaltet – obwohl es profitabel war. 2023 wurde die letzte DVD verschickt. Stattdessen haben sie sich voll auf das digitale Geschäftsmodell fokussiert.

  • Warum ist das ambidexter? Netflix hat einerseits seine bestehenden Daten- und Algorithmen-Modelle perfektioniert (Exploitation), aber gleichzeitig massiv in Originals, KI-basierte Content-Empfehlungen und neue Geschäftsmodelle wie werbefinanziertes Streaming investiert (Exploration)

Apple – iPhone vs. iPod

  • Innovation: Apple brachte das iPhone als Smartphone-Revolution auf den Markt und baute damit ein neues digitales Ökosystem auf.

  • Exnovation: Der iPod war einst Apples Vorzeigeprodukt, aber anstatt ihn künstlich am Leben zu halten, wurde er 2022 offiziell eingestellt. Das iPhone übernahm die komplette Rolle des iPods und mehr.

  • Warum ist das ambidexter? Apple perfektioniert bestehende Produkte wie MacBooks und AirPods (Exploitation), investiert aber parallel massiv in neue Technologien wie KI, Mixed Reality (Vision Pro) und Apple Silicon Chips (Exploration).

Volkswagen – Elektro vs. Verbrenner

  • Innovation: VW setzt mit der ID-Reihe voll auf Elektromobilität und plant, ab 2033 in Europa keine Verbrenner mehr zu produzieren.

  • Exnovation: Langfristig bedeutet das das Ausstiegsprogramm für Diesel- und Benzinmotoren. VW hat sich strategisch entschieden, sich von traditionellen Antrieben zu verabschieden.

  • Warum ist das ambidexter? Einerseits laufen klassische Golf- und Passat-Modelle noch auf Hochtouren (Exploitation), andererseits treibt VW die E-Mobilität, Software-Integration und autonomes Fahren massiv voran (Exploration).

Microsoft – Cloud vs. Windows

  • Innovation: Microsoft hat mit Azure eine der weltweit führenden Cloud-Plattformen aufgebaut, die inzwischen mehr Umsatz macht als das klassische Windows-Business.

  • Exnovation: Microsoft hat sich schrittweise von On-Premise-Lösungen getrennt und rückt Cloud-first-Strategien in den Fokus. Office gibt es fast nur noch als Abo-Modell, Windows-Updates sind Cloud-integriert, und klassische Server-Software wird heruntergefahren.

  • Warum ist das ambidexter? Microsoft sichert sich mit bestehenden Softwareprodukten wie Office und Windows stabile Einnahmen (Exploitation), während sie gleichzeitig in KI, Cloud-Technologien und Gaming (z. B. Xbox Game Pass) investieren (Exploration).

Amazon – E-Commerce vs. Cloud & KI

  • Innovation: Amazon war ursprünglich ein reiner Online-Buchhändler. Heute ist es ein globales Tech-Unternehmen mit starken Innovationsfeldern in Cloud-Technologie (AWS), Künstlicher Intelligenz (Alexa, generative KI), autonomer Logistik (Drohnenlieferung) und Smart Devices (Echo, Fire TV).

  • Exnovation: Während Amazon auf Zukunftstechnologien setzt, trennt es sich gezielt von Geschäftsmodellen oder Technologien, die nicht mehr funktionieren. Beispiele:

    • Amazon Dash Buttons (die physischen Knöpfe für Nachbestellungen) wurden 2019 abgeschafft, weil smarte Sprachassistenten effizienter sind.

    • Fire Phone – 2014 gelauncht, 2015 eingestellt. Statt an einem erfolglosen Produkt festzuhalten (Kill your Darlings!), fokussierte sich Amazon auf Echo & Alexa, was deutlich erfolgreicher wurde.

    • Bestimmte physische Läden wie Amazon Books wurden 2022 wieder geschlossen, weil sie nicht rentabel waren – obwohl sie als Innovation gestartet waren.

  • Warum ist das ambidexter? Amazon optimiert das bestehende Kerngeschäft (E-Commerce, Prime, Logistik) bis zur Perfektion (Exploitation), während es gleichzeitig in bahnbrechende Technologien wie KI, Cloud (AWS) und smarte Lieferprozesse massiv investiert (Exploration). Wenn Innovation nicht funktioniert, wird sie konsequent exnoviert.

Bosch – Traditionelle Technik vs. Zukunftstechnologien

  • Innovation: Bosch ist seit Jahrzehnten ein führender Hersteller von Automobiltechnik, Haushaltsgeräten und Industrielösungen. Doch anstatt sich nur auf das Altbewährte zu verlassen, investiert Bosch stark in Wasserstofftechnologien, IoT, smarte Gebäudeautomation und nachhaltige Energiesysteme.

  • Exnovation:

    • Dieselmotor-Technologie: Bosch war jahrzehntelang führend in der Dieseltechnik, hat aber 2021 angekündigt, die Entwicklung neuer Diesel-Pkw-Systeme einzustellen. Stattdessen investiert das Unternehmen in Brennstoffzellen, E-Mobilität und Wasserstofftechnologien.

    • Klassische Verbrenner-Zündkerzen: Früher ein Bosch-Kerngeschäft, heute ein schrumpfender Markt. Bosch verschiebt den Fokus hin zu Batterietechnologie und neuen Antriebssystemen.

    • Mechanische Steuerungen: Statt rein mechanischer Lösungen setzt Bosch zunehmend auf Software, Automatisierung und KI-gestützte Sensortechnik in Fahrzeugen und Industrieanlagen.

  • Warum ist das ambidexter? Bosch hält an seinen erfolgreichen, stabilen Geschäftsbereichen fest (z. B. Haushaltsgeräte, Sensorik für Maschinen), optimiert und verbessert diese (Exploitation). Gleichzeitig treibt das Unternehmen Zukunftstechnologien voran (Exploration) – insbesondere im Bereich nachhaltiger Mobilität, IoT und KI.


Aber es gibt auch Firmen, die sich mit Ambidextrie schwertun. Die einen, weil sie sich nicht trauen, alte Zöpfe abzuschneiden. Die anderen, weil sie sich so sehr in der Innovation verlieren, dass sie vergessen, dass ein Unternehmen auch heute noch Rechnungen bezahlen muss.

Ambidextrie – Muss das sein?

Kurz gesagt: Ja. Unternehmen, die nicht beidhändig denken, werden entweder von Innovationen überrollt oder erstarren im Optimierungswahn. Ambidextrie ist kein nettes Management-Buzzword, sondern die Überlebensstrategie für das 21. Jahrhundert. Die große Kunst besteht darin, die richtige Balance zu finden – und nicht am Ende mit zwei linken Händen dazustehen. Und nun? Beidhändig üben! Vielleicht erst mal mit Messer und Gabel… Siehe auch Führung ist kein Titel mehr – sie ist ein permanenter Trainingszustand


LESETIPPS & EXPERT:INNEN


Vortrag über moderne Führung, Leadership und Zusammenarbeit gesucht?

Wenn Sie genau an dieser Schnittstelle stehen …

… zwischen Veränderungsdruck, neuen Erwartungen an Führung, hybrider Zusammenarbeit, KI, Überforderung und der Frage, wie Menschen in Organisationen heute wirklich wirksam bleiben: Dann ist genau das der Raum, in dem Henriette Hochstein-Frädrichs Vorträge ansetzen.

Nicht als weiterer Leadership-Baukasten. Nicht als Sammlung austauschbarer Management-Modelle.
Sondern als kluger, inspirierender und psychologisch fundierter Impuls darüber, was Führung heute wirklich bedeutet. Wie geben Führungskräfte Orientierung, wenn vieles unsicher ist? Wie entsteht Motivation jenseits von Druck, Kontrolle und Durchhalteparolen? Wie gelingt Kommunikation, die nicht nur informiert, sondern verbindet? Und wie schaffen Unternehmen eine Führungskultur, in der Menschen Verantwortung übernehmen, Vertrauen entwickeln und handlungsfähig bleiben?

Henriette Hochstein-Frädrich spricht über Führung als permanente Praxis: über Selbstführung, Klarheit, Motivation, Kommunikation, psychologische Sicherheit, Vertrauen und die Kunst, in komplexen Zeiten nicht nur zu verwalten — sondern zu gestalten.

Hier mehr über Henriettes Vorträge rund um moderne Führung und Leadership erfahren.


Über die Autorin:

Henriette Hochstein-Frädrich ist Keynote Speakerin, Autorin und Unternehmerin. Sie spricht über Veränderung, Motivation, Resilienz, Künstliche Intelligenz, Kommunikation und moderne Führung — immer mit einem besonderen Blick für das, was Menschen in Zeiten von Wandel wirklich bewegt.

Ihre Vorträge verbinden psychologisches Wissen, neurowissenschaftliche Perspektiven, unternehmerisches Denken, gesellschaftliche Beobachtung und persönliche Klarheit. Dabei geht es nie um Theorie um der Theorie willen. Sondern um die Frage: Was bedeutet das konkret für Menschen, Teams und Organisationen?

Henriette Hochstein-Frädrich steht für Vorträge mit Substanz, Tiefgang, Humor und hoher Anschlussfähigkeit — für Unternehmen, die Führung nicht als Managementfloskel behandeln, sondern als echten Hebel für Zukunftsfähigkeit. MEHR ERFAHREN


Mehr zum Thema “Führung”


Referenzen, News, Termine

Zurück
Zurück

Zeit: Die demokratischste und gerechteste Ressource der Welt

Weiter
Weiter

Das Gegenteil von Aufmerksamkeits-Ökonomie: Die Kunst des Unaufdringlichen als Super-Skill