Stell dir vor, du bist der reichste Mensch der Welt. Milliarden auf dem Konto, Häuser, Yachten, Champagnerfrühstück mit Aussicht. Oder du bist jemand, der kaum über die Runden kommt, der jeden Cent dreimal umdreht. Vielleicht bist du 19 und hast das Gefühl, die Welt steht dir offen, oder du bist 89 und fragst dich, wo die Zeit geblieben ist.
Egal, wer du bist, egal, wo du stehst: Eine Sache ist für uns alle gleich: Zeit.
Jeder Tag bringt 24 Stunden. 1.440 Minuten. 86.400 Sekunden. Niemand kann sich eine Extrastunde kaufen, kein Multimilliardär der Welt kann den Tag auf 28 Stunden strecken. Zeit ist die ultimative Demokratie. Die vielleicht gerechteste, unbestechlichste, unverhandelbarste Ressource, die es gibt. Und trotzdem fühlt es sich nicht so an, oder?
Die Epidemie der Zeitarmut
Wir leben in einer Welt, die uns permanent einredet, dass wir nicht genug Zeit haben. Zu viele To-dos, zu wenig Stunden. Ständig rennen wir von A nach B, jonglieren Jobs, Familie, Fitness, Social Life, Steuern, Arzttermine, und dann kommt jemand und sagt: Du musst mehr Selfcare machen! Ah, ja. Vielleicht zwischen zwei Meetings und der dritten ungeöffneten Rechnung und nachdem ich den trotzigen Dreijährigen ins Bett gebracht habe (was ca. 90 Minuten dauert)?
Aber was, wenn das Problem gar nicht die Zeit selbst ist, sondern unsere Haltung dazu? Was, wenn wir nicht zu wenigZeit haben, sondern uns einfach die falschen Geschichten über Zeit erzählen?
Was, wenn wir alle genug Zeit hätten?
Wir alle glauben, dass mehr Zeit die Lösung wäre. Wären die Tage länger, dann würde es endlich klappen mit den Yogastunden, den gesunden Mahlzeiten, dem Schreiben dieses Romans. Aber seien wir ehrlich: Würden wir dann wirklich in Ruhe in der Sonne sitzen und Tee trinken? Oder würden wir einfach nur noch mehr Dinge auf die To-do-Liste packen?
Mehr Zeit allein bringt nichts. Sie bewusst zu nutzen, das ist der Trick. Und zwar so, dass es sich gut anfühlt. Sinnvoll. Bereichernd. Dass wir nicht nur durch unseren Kalender hetzen, sondern auch spüren, was wir da eigentlich tun.
Der Sweet Spot zwischen Burnout und Boreout
Die Wissenschaft bestätigt: Menschen haben einen angeborenen Drang, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. Aber sinnvoll ist eben für jeden anders. Für den einen heißt es, einen Marathon zu laufen, für den anderen, sich durch drei Staffeln einer Serie zu bingen. Das Problem ist, dass wir uns ständig von außen diktieren lassen, was "wertvolle" Zeit ist. Und was "Zeitverschwendung".
Wirklich wertvoll wird unsere Zeit, wenn wir sie mit etwas verbringen, das uns erfüllt. Etwas, das Sinn macht – für uns. Ob das Arbeit ist, ein Hobby, oder das pure, unproduktive Sein.
Die 5-Warum-Methode: Ist deine Zeit gut investiert?
Ein kleines Gedankenexperiment: Stell dir vor, du fährst deine Kinder zum Fußballtraining. Das kann total nervig sein, du kannst dabei total gestresst sein, weil du eigentlich noch 100 andere Dinge zu erledigen hast oder auch, weil du einfach mal gern eine Stunde Zeit für dich hättest. Und dennoch kannst du diese Zeit mit einer anderen Haltung verbringen, wenn diese konform mit deinen Werten ist.
Dabei hilft es, dir fünf mal die Warum-Frage zu stellen und so in die Tiefe zu gehen und an den Kern zu kommen, ob das, wofür du gerade deine Zeit verwendest, wirklich etwas ist, was dir wichtig ist. Beispiel:
Warum also fährst du gerade deine Kids zum Fußballtraining? Weil es mir wichtig ist, dass sie Sport machen.
Warum ist dir das wichtig? Weil Bewegung ihnen gut tut.
Warum ist dir das wichtig? Weil ich will, dass sie gesund sind.
Warum ist dir das wichtig? Weil ich möchte, dass sie ein gutes Leben haben.
Warum ist dir das wichtig? Weil mir meine Familie am Herzen liegt.
Und zack – aus einer "Pflicht" wird ein Wert. Eine bewusste Entscheidung. Und auf einmal fühlt es sich nicht mehr wie Zeitverschwendung an. Und du sitzt gelassen und gut gelaunt im Auto.
Distraction Shaming: Warum Frauen nie genug Zeit haben
Eine kurze Randnotiz zu einem Phänomen, das mir in den letzten Jahren immer wieder begegnet: Frauen auf Spielplätzen, die ihr Handy checken, werden verurteilt. "Sie kümmert sich nicht um ihr Kind!" Gleichzeitig sind diese Frauen aber die Hauptorganisatorinnen von ALLEM! Und damit meine ich wirklich - ALLEM. Mental Load en masse: Arzttermine, Kindergeburtstage, Schulangelegenheiten, Familienlogistik. Sie planen das Leben aller um sich herum – aber wann erleben sie es eigentlich selbst?
Zeit ist nicht nur das, was wir tun, sondern auch, was wir wahrnehmen. Und wenn unsere Zeit permanent darin besteht, das Erleben anderer zu möglich zu machen, fehlt uns etwas. Denn wir erleben das, was wir für andere organisieren, gar nicht selbst. Und genau das erzeugt dieses Gefühl von Zeitarmut.
Bist du mit deiner Zeit im Reinen?
Am Ende bleibt eine Frage: Verbringst du deine Zeit mit dem, was dir wirklich wichtig ist? Und falls nicht – was genau würde es brauchen, um das zu ändern? Denn Zeit ist die demokratischste Ressource der Welt. Aber wie wir sie nutzen, das ist unsere Entscheidung.
Über die Autorin:
Henriette Frädrich ist Keynote-Speakerin, Moderatorin und Storytelling-Profi. Mit Energie, Humor und Tiefgang nimmt sie ihre Zuhörer:innen mit auf eine Reise durch Themen, die bewegen: von Veränderung und Resilienz über Motivation, Innovation und künstliche Intelligenz bis hin zu Kommunikation und Leadership.
Ihre Mission? Komplexes einfach machen, Köpfe öffnen und Herzen berühren. Ob auf großen Bühnen oder in interaktiven Workshops – sie kombiniert fundiertes Wissen mit emotionalem Storytelling und schafft so nachhaltige Aha-Momente. Ihre Vorträge sind mitreißende Erlebnisse, die inspirieren und Mut machen, den nächsten Schritt zu gehen.