Magazin/Führung
·14 Min. Lesezeit

Geh aufs Klo! Die erstaunlichste Methode für echte Schlagfertigkeit

Schlagfertigkeit kann man nicht lernen. Jedenfalls nicht so.

Frau verlässt während einer angespannten Besprechung einen modernen Büroflur in Richtung Toilette – Sinnbild für Pause, Selbstführung und Schlagfertigkeit unter Stress.

Vergiss Schlagfertigkeit! Was wir wirklich brauchen ist Antwortsouveränität. Warum uns der beste Konter nichts nützt, wenn unser Gehirn gerade Alarm schlägt. Ich halte die meisten Schlagfertigkeitstrainings für einen ziemlichen Denkfehler.

Da lernt man schlagfertige Sätze. Techniken. Konter. Irgendwelche wunderbar souveränen Antworten auf dumme Bemerkungen. „Wie reagieren Sie, wenn jemand sagt …?“ Dann sitzt man da im Seminarraum, Kaffee vor sich, Puls 72, alle sind freundlich, und denkt: Ja klar. Genau DAS sage ich beim nächsten Mal.

Und dann kommt das nächste Mal. Jemand fährt uns im Meeting vor versammelter Mannschaft über den Mund. Der Chef zerlegt eine Idee, an der wir drei Wochen gearbeitet haben. Eine Kollegin macht eine fiese Bemerkung. Der Partner drückt exakt den einen Knopf, von dem er verdammt gut weiß, wo er sitzt. Jemand wird laut. Unverschämt. Ungerecht. Eine Politesse steht vor uns und erklärt uns in diesem ganz speziellen Ton, dass wir gerade etwas falsch gemacht haben. Und was sagen wir? Nichts. Oder noch schlimmer: irgendeinen Käse.

Zwanzig Minuten später sitzen wir im Auto und plötzlich ist er da. DER Satz. Natürlich. „Das hätte ich sagen müssen!“ Willkommen beim Treppenwitz.

Die Franzosen haben dafür sogar einen wunderbaren Begriff: l’esprit de l’escalier, der Geist der Treppe. Denis Diderot beschrieb schon im 18. Jahrhundert dieses Phänomen: Die perfekte Antwort fällt uns ein, wenn wir die Gesellschaft längst verlassen haben und auf der Treppe nach unten sind. Ich würde sagen: Diderot hatte ein Cortexproblem.

Dein Problem ist nicht, dass dir der richtige Satz fehlt

Wir behandeln Schlagfertigkeit meistens wie eine Wissensfrage. Als müssten wir nur genügend gute Antworten in unserem Kopf abspeichern und könnten sie bei Bedarf aus dem Regal ziehen. „Was sage ich, wenn jemand mich persönlich angreift?“ „Was sage ich bei einem unfairen Vorwurf?“ „Was sage ich, wenn jemand meine Kompetenz infrage stellt?“ Also lernen wir Antworten.

Das Problem ist nur: Ausgerechnet in dem Moment, in dem wir dieses Wissen brauchen, arbeitet unser Gehirn anders als in dem Moment, in dem wir es gelernt haben. Das ist der Teil, den ich in meinen Vorträgen stark vereinfacht meine Cortex-Theorie nenne.

Unser präfrontaler Cortex ist unter anderem an genau den Dingen beteiligt, die wir in solchen Situationen dringend benötigen: Arbeitsgedächtnis, Planung, Impulskontrolle, flexible Reaktionen, Abwägen, Perspektivwechsel. Er hilft uns dabei, einen Schritt zurückzutreten und nicht jedem ersten Impuls hinterherzurennen. Und dieser Teil unseres Denkapparats ist erstaunlich stressempfindlich.

Akuter, als unkontrollierbar empfundener Stress kann die Leistungsfähigkeit präfrontaler Netzwerke sehr schnell beeinträchtigen. Studien zeigen unter anderem schlechtere Leistungen beim Arbeitsgedächtnis und bei kognitiver Flexibilität. Gleichzeitig bekommt das Gehirn eine stärkere Tendenz zu schnellen, eingeübten und emotionalen Reaktionen. Vereinfacht gesagt: Es verschiebt sich von „erst einmal klug darüber nachdenken“ Richtung „mach irgendwas, aber mach es schnell“.

Evolutionär ist das ziemlich sinnvoll. Wenn der Säbelzahntiger vor dir steht, brauchst du keine brillante Replik. Du brauchst Beine. Im Meeting ist es leider meistens ungünstig. Mehr zu diesem Alarmsystem steht auch in Was ist eigentlich Stress?.

Vereinfachte Architektur des GehirnsVier übereinander angeordnete Ebenen zeigen Hirnstamm, Mittelhirn, limbisches System und Cortex. Unter Alarm dominieren schnelle Reflexe; der Cortex steht für flexibles, ruhiges und kreatives Denken.Architektur des Gehirns · stark vereinfachtCortexflexibel · gelassen · empathisch · kreativLimbisches SystemEmotion · Bewertung · BindungMittelhirnAlarm · Erregung · ReflexHirnstammKampf · Flucht · ErstarrenRichtung reflektiertes DenkenUnter Stress verschiebt sich die Balance Richtung schneller Reaktion
Vereinfachtes Gehirnmodell. Für eine kluge, flexible Antwort brauchen wir Zugriff auf unseren Cortex. Unter Stress, Druck, Frust, Ärger und Angst ist der Zugang zum Cortex aber blockiert. 

Genau dann sollen wir plötzlich besonders geistreich sein

Und jetzt schauen wir uns einmal an, wann Schlagfertigkeit überhaupt gefragt ist. Fast nie in Situationen, in denen wir tiefenentspannt auf einer Liege liegen. Schlagfertigkeit brauchen wir genau dann, wenn etwas passiert, mit dem wir nicht gerechnet haben. Jemand greift uns an. Jemand überschreitet eine Grenze. Wir fühlen uns bloßgestellt, ungerecht behandelt, ertappt, unterlegen, beschämt oder wütend. Mit anderen Worten: Unser System registriert irgendeine Form von Bedrohung.

Und ausgerechnet jetzt stellen wir an unser Gehirn die Anforderung: So, und nun bitte möglichst schnell eine intelligente, kreative, humorvolle, empathische und souveräne Antwort formulieren. Das ist schon ein bisschen lustig. Wir erwarten Höchstleistungen von genau den kognitiven Funktionen, die gerade unter Druck geraten.

Eine große Metaanalyse zu akutem Stress fand beispielsweise Beeinträchtigungen beim Arbeitsgedächtnis und bei der kognitiven Flexibilität. Genau diese Flexibilität brauche ich aber, um innerhalb weniger Sekunden mehrere mögliche Reaktionen zu erzeugen, sie gegeneinander abzuwägen, den Kontext zu berücksichtigen und mich dann für die beste zu entscheiden.

Ich sage auf Bühnen manchmal salopp: Unter Stress werden wir gefühlt doppelt so doof. Und das ist sogar wissenschaftlich bewiesen: Unser IQ halbiert sich, wenn wir nicht im Cortex sind. Oder anders ausgedrückt: Nicht im Cortex - und wir sind doppelt so doof und verhalten uns auch entsprechend. (z.B. nachgewiesen im Buch über Traumaheilung vom Neurowissenschaftler Dr. Bruce Perry "Was ist dein Schmerz"). Ausgerechnet jene geistigen Werkzeuge, die wir in einer schwierigen sozialen Situation dringend benötigen, stehen uns also weniger zuverlässig zur Verfügung, wenn wir gestresst sind. Und genau so fühlt es sich an: Blackout. Leer. Nebel. Und hinterher: Feuerwerk.

Zustandsabhängige geistige LeistungsfähigkeitEin Balkendiagramm zeigt die im Präsentationsmodell angenommene Spannweite: von niedrigerer funktionaler Leistungsfähigkeit bei großer Angst bis zur höchsten Leistungsfähigkeit in Ruhe und im Cortex.Zustandsabhängiges Funktionieren608010012064HirnstammGrosse Angst76MittelhirnAngst88Limb. SystemAlarm102Limb. SystemWachsam120CortexRuheFunktionaler IQ · PräsentationsmodellAlarmzustand ← dominanter Zustand → Ruhe
Je mehr wir Richtung Cortex wandern, desto höher unser IQ - doppelt so hoch! Nicht im Cortex? Nur noch halber IQ, ergo doppelt so doof! 

Deswegen fällt dir die Antwort unter der Dusche ein

Das Gemeine daran ist, dass wir uns nachher häufig auch noch über uns selbst ärgern. „Warum habe ich nichts gesagt?“ „Wieso habe ich mich so überrumpeln lassen?“ „Warum ist mir DAS denn nicht eingefallen?“ Weil du zwanzig Minuten später in einem anderen Zustand bist.

Die Situation ist vorbei. Dein Gegenüber steht nicht mehr vor dir. Der soziale Druck sinkt. Dein Körper fährt herunter. Du bekommst Distanz. Plötzlich kannst du einordnen, was passiert ist. Du siehst Zusammenhänge. Dir fallen Alternativen ein. Und auf einmal bist du wieder wahnsinnig schlagfertig. Unter der Dusche. Im Auto. Auf dem Fahrrad. Um drei Uhr morgens. Herzlichen Glückwunsch. Dein Cortex ist wieder da.

Natürlich war er vorher nicht wirklich „weg“. Unser Gehirn schaltet keine komplette Etage aus und später wieder ein. Das Bild ist eine Vereinfachung. Die Forschung zeigt allerdings sehr deutlich, dass Stress die Balance zwischen verschiedenen Gehirnsystemen verändert und reflektiertes, flexibles Denken erschweren kann. Die Neurowissenschaftlerin Amy Arnsten beschreibt diesen Wechsel sehr anschaulich als Verschiebung von eher reflektierter zu stärker reflexhafter Kontrolle des Verhaltens. Und daraus ergibt sich für mich eine völlig andere Idee von Schlagfertigkeit. Vertiefend dazu: Cortex, Baby!

Die schlagfertigste Antwort könnte lauten: „Moment.“

Was wäre, wenn Schlagfertigkeit überhaupt nichts mit Geschwindigkeit zu tun hätte? Was wäre, wenn wir den Begriff seit Jahren falsch verstehen? Wir glauben, souverän sei derjenige, der innerhalb von 0,8 Sekunden einen Satz raushaut, nach dem der komplette Konferenzraum schweigt und irgendwo im Hintergrund innerlich ein Gong ertönt.

Ich halte inzwischen etwas anderes für viel souveräner: Zeit gewinnen. „Moment. Darüber möchte ich kurz nachdenken.“ Oder: „Das lasse ich gerade einmal kurz bei mir ankommen.“ Oder sogar: „Ich antworte Ihnen darauf gleich.“

Stell dir das einmal in einem Meeting vor. Jemand setzt dir einen ziemlich heftigen Satz vor die Nase. Alle schauen dich an und erwarten reflexartig irgendeine Reaktion. Und du sagst ruhig: „Okay. Geben Sie mir kurz fünf Minuten. Ich möchte darauf nicht aus dem ersten Impuls heraus antworten.“ Das ist doch großartig. Allein damit durchbrichst du das komplette Spiel.

Dein Gegenüber hat mit Rechtfertigung gerechnet. Mit Gegenangriff. Mit Verteidigung. Mit Kleinwerden. Mit irgendeiner der üblichen automatischen Reaktionen. Und du? Gehst aufs Klo. Ich meine das ernst.

Geh aufs Klo

Wir unterschätzen vollkommen, wie mächtig es sein kann, eine Situation für wenige Minuten zu verlassen. Aufstehen. Rausgehen. Atmen. Ein Glas Wasser holen. Einmal den Flur runter. Auf die Toilette. Abstand herstellen. Nicht drei Tage. Fünf Minuten können schon einen Unterschied machen.

Du merkst: Mein Herz schlägt schneller. Ich bin sauer. Ich fühle mich angegriffen. Ich will mich verteidigen. Ich will ihm jetzt richtig einen reinwürgen. Perfekt. Das ist keine Aufforderung zum Zurückschießen. Das ist eine Warnlampe: Achtung. Alarmzustand. Gerade besser keine wichtigen Sätze produzieren.

Und genau das halte ich für trainierbar. Nicht 48 schlagfertige Antworten auf toxische Kollegen. Den Moment erkennen, in dem ich gerade nicht besonders geeignet bin, eine gute Antwort zu produzieren. Das ist Selbstführung — und genau darum ging es auch im „Cortex, Baby!“-Workshop für das ÖBB-Moderator:innen-Netzwerk.

Ich hatte meinen Schlagfertigkeitsmoment mit einer Politesse

Mir ist genau das vor Kurzem passiert. Ich hatte falsch geparkt. Nicht so: „Ach, man könnte darüber diskutieren, ob dieses Schild eventuell interpretationsfähig …“ Nein. Falsch geparkt. Und dann kam die Politesse.

Sie war in einem Ton unterwegs, den mein Gehirn in diesem Moment als maximal unangenehm einsortierte. Sehr bestimmt, sehr regelorientiert, sehr: Sie stehen hier falsch, das ist ein Verstoß, Sie bekommen jetzt ein Knöllchen. Mein erster Impuls? Natürlich Gegenwehr. Erklären. Rechtfertigen. Zurückpampen. Ich merkte richtig, wie innen das kleine Verteidigungsministerium schon die Arbeit aufgenommen hatte.

Und dann habe ich erst einmal gar nichts gemacht. Ich habe sie reden lassen. Habe geguckt. Habe das Ganze kurz durch meinen Kopf laufen lassen. Und irgendwann war der Gedanke da: Moment mal. Sie hat recht. Ich habe falsch geparkt.

Also sagte ich sinngemäß: „Sie haben recht. Ich habe hier falsch geparkt. Ich erspare Ihnen auch meine Erklärungen. Ich habe einen Fehler gemacht und übernehme die Verantwortung dafür.“ Und jetzt passierte etwas Interessantes. Sie war völlig verdutzt. Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet.

Denn selbstverständlich kennt jemand, der beruflich Strafzettel verteilt, vermutlich sämtliche Varianten menschlicher Rechtfertigung. „Ich war nur zwei Minuten weg.“ „Ich musste ganz dringend …“ „Hier ist doch genug Platz.“ „Haben Sie nichts Besseres zu tun?“ Und plötzlich steht da jemand und sagt: Ja. Stimmt. Mein Fehler.

Ich fand das im Nachhinein übrigens ziemlich schlagfertig. Es war kein genialer Spruch dabei. Kein Konter. Kein Gewinner. Nur eine Reaktion, die zur Situation gepasst hat. Und genau darum geht es.

Schlagfertigkeit bedeutet nicht, den anderen fertigzumachen

Auch das ist so ein merkwürdiges Missverständnis. In vielen Vorstellungen von Schlagfertigkeit gibt es einen Sieger und einen Verlierer. Einer schießt, der andere kontert noch härter, Publikum lacht, fertig. Das funktioniert wunderbar in Fernsehshows.

Im echten Leben wollen wir mit den meisten Menschen anschließend noch weiterarbeiten, zusammenleben, verheiratet bleiben oder wenigstens halbwegs würdevoll denselben Aufzug benutzen können. Die klügste Antwort muss deshalb gar nicht besonders lustig sein. Sie kann eine Frage sein. Sie kann eine Grenze sein. Sie kann ein Eingeständnis sein. Sie kann lauten: „So möchte ich gerade nicht mit Ihnen sprechen.“ Sie kann lauten: „Was genau möchten Sie mir damit sagen?“ Oder eben: „Sie haben recht.“

Und um herauszufinden, welche dieser Antworten gerade die richtige ist, brauche ich etwas viel Wertvolleres als einen auswendig gelernten Konter. Ich brauche Zugriff auf mich selbst. Gute Kommunikation ist keine Ansammlung fertiger Sätze; sie braucht Sicherheit, Klarheit und die Fähigkeit, Reibung auszuhalten. Dazu passen auch Psychologische Sicherheit und Vertrauen ist stärker als Kontrolle.

Heißt das, Schlagfertigkeitsseminare sind komplett nutzlos?

Ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Aus der Stressforschung gibt es einen interessanten Hinweis: Gut eingeübte, automatisierte Reaktionen können unter Stress vergleichsweise stabil bleiben, während komplexes, flexibles Denken stärker leidet. Genau deshalb trainieren Menschen für Notfallsituationen Abläufe immer und immer wieder.

Ein Satz, den ich hundertmal wirklich geübt habe, kann mir also durchaus helfen. Zum Beispiel: „Darauf möchte ich kurz später antworten.“ Aber das ist etwas anderes, als an einem Nachmittag zwanzig brillante Konter aufzuschreiben und davon auszugehen, dass sie sechs Wochen später während einer Eskalation im Jour fixe zuverlässig aus dem Gehirn hüpfen.

Wenn wir Schlagfertigkeit trainieren wollen, müssten wir deshalb viel stärker Situationen trainieren: Stress wahrnehmen. Impulse erkennen. Pausieren. Distanz herstellen. Den eigenen Zustand regulieren. Und erst dann überlegen: Was will ich hier eigentlich erreichen? DAS wäre für mich ein Schlagfertigkeitstraining.

Die fünf Minuten sind keine Schwäche

Ich glaube, genau daran scheitert es häufig. Wir denken, wir müssten sofort antworten. Sonst haben wir verloren. Sonst wirkt es schwach. Sonst denkt der andere, uns sei nichts eingefallen. Und damit setzen wir uns noch stärker unter Druck.

Dabei ist die Fähigkeit, eine Pause auszuhalten, vermutlich eines der souveränsten Dinge, die ein Mensch tun kann. Wer sofort reagieren muss, wird vom Gegenüber getaktet. Wer entscheiden kann, wann er reagiert, übernimmt wieder Führung.

Und manchmal reicht schon ein Satz: „Moment.“ Dieses eine Wort kann die komplette Dynamik verändern. Es verschafft meinem Gehirn die Chance, aus dem automatischen Reaktionsmodus herauszukommen. Es gibt mir Zeit, das Gesagte einzuordnen. Und es erinnert mich daran, dass ich nicht jede hingeworfene Provokation sofort fangen muss. Manche darf auch einfach auf den Boden fallen.

Souveränität ist langsamer, als wir denken

Wir leben in einer Kultur, die Geschwindigkeit mit Kompetenz verwechselt. Schnelle Antwort. Schnelle Meinung. Schnelle Reaktion. Wer sofort etwas sagen kann, wirkt klug. Dabei entstehen einige unserer dümmsten Aussagen genau aus diesem Zwang.

Schlagfertigkeit müsste deshalb dringend umdefiniert werden. Es geht weniger darum, besonders schnell zu sprechen. Es geht darum, schnell zu merken, wenn man gerade besser noch nicht sprechen sollte. Den eigenen Alarm wahrnehmen. Sich Raum verschaffen. Wieder klarer sehen. Und dann entscheiden.

Manchmal kommt dabei ein sensationell kluger Satz heraus. Manchmal eine Frage. Manchmal ein Nein. Manchmal ein „Sie haben recht“. Und manchmal die Erkenntnis, dass überhaupt keine Antwort nötig ist.

Das ist für mich echte Schlagfertigkeit. Nicht schneller sein als der andere. Sondern schnell genug merken, wann man selbst gerade zu langsam im Kopf ist. Und sich die Zeit nehmen, wieder klug zu werden.

Weiterlesen über klare Kommunikation und Selbstführung unter Druck: Alles in Watte packen?, Weniger meckern, besser führen und Führung ist ein permanenter Trainingszustand. Praxisbeispiele liefern außerdem die Führungskräftekonferenz von Stromnetz Berlin und der Resilienz-Workshop für Advantest.

Antwortsouveränität statt Schlagfertigkeit

„Schlagfertigkeit“ ist also eigentlich das komplett falsche Wort. Denn dieses Wort sagt: Schlag auf Schlag, sofort reagieren, sofort zurückfeuern. Und genau darum geht es ja nun nicht. Denn der Kern ist ja nicht: Wie schnell kann ich kontern? Sondern: Wie schnell merke ich, dass ich gerade nicht klar denken kann – und wie souverän schaffe ich mir den Raum, wieder klar zu werden?

Deshalb finde ich „Antwortsouveränität“ viel besser. Das trifft ziemlich genau das, worum es eigentlich geht, wenn wir souverän agieren und reagieren möchten: Eben nicht schnell sein müssen, sondern erst einmal den eigenen Zustand regulieren, die Situation einordnen und dann bewusst entscheiden, ob, wann und wie man antwortet.

Auch stark wären:

  • Reaktionssouveränität – etwas sachlicher, aber sehr präzise;
  • Präsenz – schöner und größer gedacht, weil es um Bei-sich-Bleiben unter Druck geht;
  • Selbstführung – trifft die innere Kompetenz dahinter, ist aber weniger spezifisch auf Kommunikation ausgerichtet;
  • Geistesgegenwart – eigentlich ein großartiges altes Wort dafür, weil es genau meint, in einem schwierigen Moment geistig präsent und handlungsfähig zu bleiben.

Wir brauchen gar nicht mehr Schlagfertigkeit. Wir brauchen etwas ganz anderes: Antwortsouveränität. Die Fähigkeit, unter Druck nicht sofort reagieren zu müssen, sondern erst einmal bei sich zu bleiben. Zu merken: Mein System ist gerade auf Alarm. Mein Denken ist enger geworden. Ich muss hier jetzt nichts beweisen. Ich darf mir Zeit nehmen. Echte Souveränität zeigt sich eben nicht darin, wie schnell uns ein Konter einfällt, sondern darin, wie gut wir unseren eigenen Zustand führen können. Und vielleicht ist das die schönere Form von Geistesgegenwart: nicht schneller zu sein als der andere, sondern schnell genug zu merken, wann man sich selbst erst einmal wieder zurückholen muss.

Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich

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