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Cortex, Baby! Warum unsere Welt so bescheuert ist — und was das mit unserem Gehirn zu tun hat

Nur im Cortex sind wir klug, empathisch und ruhig. Warum eine permanent zugeballerte Welt uns in unseren niederen Hirnarealen festhält — und wie wir uns unseren Cortex zurückerobern.

Cinematisches Schwarz-Weiß-Editorial-Stillleben auf dunklem Holz: eine anatomische Gehirn-Skulptur aus poliertem Silber, deren obere Krone (der Cortex) warm-golden glüht als einzige Farbe im monochromen Bild — Metapher für den Cortex als Ort des klaren, ruhigen, empathischen Denkens.

Warum ist unsere Welt eigentlich so bescheuert — und was hat das mit unserem Gehirn zu tun?

So schön unsere Welt ist, so bescheuert ist sie. Wir schlagen uns die Köppe ein, im wahrsten Sinne des Wortes in sinnlosen Kriegen, aber auch im übertragenen Sinne, in den Medien, auf Social Media, und, wenn wir ganz ehrlich sind, regelmäßig auch in beruflichen und unternehmerischen aber auch familiären und privaten Kontexten.

Irgendwie scheinen wir mehr und mehr unseren Verstand zu verlieren, überall erhitzen sich die Gemüter, politisch und gesellschaftlich, zu viel Meinung, zu viel Kampf, zu viel Verteidigung, zu viel Gegeneinander, zu viel Ich, zu viele Emotionen, zu wenig Empathie, zu wenig Verständnis, zu wenig Solidarität, zu wenig Miteinander, zu wenig Konsens, zu wenig Wir.

Und dann klappte mir beim Lesen des Buches „Was ist dein Schmerz?" von Oprah Winfrey und dem Neurowissenschaftler Bruce D. Perry regelrecht die Kinnlade runter. In dem Buch geht es um Trauma und seelische Verletzungen — wie sie entstehen, was sie mit uns machen (auch über Generationen und Genetik hinweg), wie sie uns unbewusst prägen und beeinflussen — und wie wir uns aus ihnen befreien und unseren Frieden damit machen können. Alles im Kontext dessen, wie unser Gehirn funktioniert. Absolute Leseempfehlung.

Neben vielen anderen unglaublich wertvollen Erkenntnissen hat mich besonders eine völlig umgehauen. Sie liefert auch zeitgleich die Erklärung dafür, was gerade alles schief läuft, wie wir jeden Tag voll und immer wieder in unsere eigenen Neuro-Fallen tappen — und wie genau das instrumentalisiert wird. Ja, z.B. auch von Instagram, Facebook, Twitter, TikTok und allen Medienunternehmen, die einfach viele Klicks, viel Reichweite und viel „Involvement und Engagement" brauchen und wollen. Und die wiederum von gefährlichen Menschen- und Demokratieverachtenden Organisationen, Menschen, Parteien ge- und benutzt werden.

Heiliger Cortex!

Kurz zusammengefasst: Unser Gehirn ist in verschiedenen Schichten aufgebaut. Zentrales Nervensystem, limbisches System, Cortex. Alle Informationen müssen erst durch das ZNS wandern, dann ins limbische System, und dann gelangen sie in den Cortex.

Das Spannende ist nun: Nur im Cortex sind wir in der Lage, smart und klug, vernünftig und empathisch zu denken, zu fühlen und zu agieren. Dort haben wir auch mit Abstand den größten IQ. Je weiter vorne bzw. unten also eine Information im Hirn „stecken bleibt", desto „dümmer" sind wir, desto dümmer denken wir, desto dümmer verhalten wir uns.

Nur im Cortex sind wir in der Lage, smart und klug, vernünftig und empathisch zu denken, zu fühlen und zu agieren. Je weiter vorne bzw. unten eine Information im Hirn stecken bleibt, desto dümmer sind wir.

Als ich die Grafik in dem Buch vor mir sah, die verdeutlicht, dass unser IQ ansteigt, je mehr wir Richtung Cortex kommen, und mit welchen Zuständen die einzelnen Gehirnareale verknüpft sind (von Angst über Alarmiertheit hin zur Ruhe), fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wir leben in einer Welt, die mittlerweile so gestrickt ist, dass wir überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen. Denn ja, um in unseren Cortex zu kommen, brauchen wir Ruhe und Zeit. Es ist die berühmte Nacht drüber schlafen, es ist der Abstand, es ist die Distanz, es ist das umfassende sacken lassen, darüber nachdenken, aus verschiedenen Perspektiven betrachten — BEVOR wir auf etwas reagieren oder unsere Meinung äußern. (Ähem, gilt übrigens auch für Beziehungsstress … Leute, Finger weg von diesem Scheiß-Whatsapp!) Und jetzt kommt auch noch die künstliche Intelligenz mit all ihren Lichtgeschwindigkeits-Beschleunigern und macht alles NOCH absurd schneller.

Unsere Welt gibt uns keinen Raum und keine Ruhe mehr

Unsere Welt gibt uns diese Ruhe und diesen Raum, die wir so dringend benötigen, nicht mehr. Wir werden zugeballert mit Informationen, mit emotionalem FastFood überall (Instagram und Co.), alles muss immer sofort kommentiert und bearbeitet werden, eMail-Terror, Whatsapp-Stress und und und. Während früher z.B. Journalisten bei aktuellen Geschehnissen noch halbwegs Zeit hatten, sich ein Bild davon zu machen und dann darüber zu berichten, sind wir empört, wenn es 10 Minuten nach einem großen News-Ding noch keinen Bericht dazu gibt.

Dieses Zugeballert-Werden hält uns aber in unseren „niederen" Gehirnarealen fest, dort, wo unsere Emotionen Harakiri spielen und oft mehr Schaden verursachen als dass sie uns dienen.

Und genau das machen sich z.B. oben genannte Firmen zu nutze. TikTok, Instagram und Co. bespielen genau das. Beiträge, die viele Emotionen triggern, ob gut oder schlecht, triggern uns. Und halten uns da drin. Und uns da drin zu halten, ist wirtschaftlich und geschäftlich für diese Unternehmen von größtem Interesse.

Cortex, Baby! Genau das muss unser Mantra werden. Nehmen wir uns Zeit. Gönnen wir uns Ruhe. Und ´nen fett hohen IQ. Erobern wir uns unseren Cortex zurück.


Weiterlesen zu Ruhe, Fokus und dem Weg zurück in den Cortex: Man kann nicht denken, wenn man es eilig hat, Ruhe, bitte! – Noise Pollution, Deep Work ist das neue New Work und Warum macht Social Media süchtig?

Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich

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