DIE RICHTIGE DOSIS MENSCH
Warum wir einander offenbar als Medizin brauchen – und Alleinsein trotzdem eine unterschätzte Superkraft ist

Jetzt kann man Menschen also verschreiben. Kein Scherz. Das Konzept heißt Social Prescribing und funktioniert, vereinfacht gesagt, so: Wenn ein Arzt feststellt, dass hinter Beschwerden womöglich nicht nur irgendein biochemisches Ungemach steckt, sondern Einsamkeit, fehlende soziale Kontakte, finanzielle Sorgen oder das Gefühl, irgendwie aus der Welt gefallen zu sein, gibt es nicht automatisch die nächste Tablette. In Großbritannien werden Menschen schon seit Längerem an sogenannte Link Worker vermittelt. Die schauen dann gemeinsam mit ihnen, was helfen könnte: Sportverein, Chor, Gartenprojekt, Kunstkurs, ehrenamtliches Engagement, Wandergruppe, Beratung, Nachbarschaftsangebot.
Menschen auf Rezept also. Ich finde die Idee großartig. Und gleichzeitig möchte ich prophylaktisch festhalten: Bitte verschreibt mir keinen Verein. Ich hasse Vereine. Ich treibe sehr gerne allein Sport. Ich gehe gerne allein spazieren. Ich arbeite gerne allein. Ich bin sogar erstaunlich glücklich, wenn eine gewisse Zeit lang einfach niemand etwas von mir will. Sollte mein Hausarzt mir eines Tages wegen akuter Sozialkontaktunterversorgung einen Töpferkurs in der Gruppe empfehlen, könnte das möglicherweise erst jene Symptome auslösen, wegen derer ich vorher überhaupt nicht in Behandlung war.
Und genau deshalb ist dieses Thema so interessant. Denn wenn wir darüber sprechen, dass Menschen andere Menschen brauchen, geraten sehr schnell Dinge durcheinander, die ziemlich wenig miteinander zu tun haben: Gesellschaft. Verbundenheit. Alleinsein. Einsamkeit.
Allein ist nicht einsam
Einsamkeit bedeutet nicht, allein zu sein. Und allein zu sein bedeutet noch lange nicht, einsam zu sein. Man kann am Samstagabend allein auf dem Sofa sitzen, Nudeln essen, ein Buch lesen und vollkommen zufrieden mit der Welt sein. Und man kann mit 40 Menschen auf einer Geburtstagsparty stehen, drei WhatsApp-Gruppen gleichzeitig bedienen und sich fühlen, als wäre man auf einem fremden Planeten ausgesetzt worden.
Die WHO unterscheidet deshalb ziemlich sinnvoll zwischen sozialer Isolation und Einsamkeit. Isolation beschreibt zunächst einmal den objektiven Zustand: Wie viele Beziehungen, Rollen und Kontakte hat ein Mensch? Einsamkeit dagegen ist subjektiv. Sie entsteht, wenn zwischen den Beziehungen, die wir haben, und denen, die wir uns wünschen oder brauchen, eine Lücke klafft. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Denn damit wird aus der simplen Gleichung „allein = schlecht, Gesellschaft = gut“ eine sehr viel interessantere Frage: Kann ich wählen? Kann ich mich zurückziehen, weil ich Ruhe brauche – und anschließend wieder irgendwo anklopfen? Gibt es Menschen, zu denen ich gehen kann, wenn die Welt wackelt? Gibt es jemanden, der merkt, wenn ich fehle? Und kann ich gleichzeitig eine Tür schließen, ohne dass ich deshalb aus der Welt verschwinde?
Genau darin liegt womöglich ein unterschätzter Teil unseres Wohlbefindens. (Über die Magie des Alleinseins) Studien über freiwilliges Alleinsein zeigen inzwischen nämlich ebenfalls etwas Interessantes: Zeit allein kann Stress reduzieren, Autonomie stärken und durchaus zum Wohlbefinden beitragen. Entscheidend scheint unter anderem zu sein, ob wir dieses Alleinsein selbst gewählt haben. Wer allein sein will, erlebt etwas völlig anderes als jemand, der allein sein muss.
Was wiederum ziemlich logisch klingt. Trotzdem brauchen wir offenbar regelmäßig Forschung, damit wir Dinge offiziell glauben dürfen, die Menschen seit Jahrhunderten intuitiv wissen.
Die meisten unserer Probleme haben schließlich mit Menschen zu tun
Es gibt außerdem einen kleinen Schönheitsfehler an der These, dass andere Menschen grundsätzlich wahnsinnig gesund für uns seien: Andere Menschen. Wer verursacht schließlich einen beträchtlichen Anteil unseres täglichen Stresses? Der Chef. Die Kollegin. Der Partner. Die Ex-Partnerin. Die Kinder. Die Eltern. Der Nachbar mit dem Laubbläser. Die Frau im Elternchat, die sonntags um 21.43 Uhr noch einmal wissen möchte, ob für Dienstag wirklich alle den grünen Schnellhefter besorgt haben.
Menschen sind wundervoll. Menschen sind allerdings auch anstrengend. Wir lieben sie, wir brauchen sie, sie tragen uns durch Katastrophen und bringen uns gleichzeitig zuverlässig dazu, von einer einsamen Hütte irgendwo in der Provence zu fantasieren, in der es keinen Mobilfunkempfang und insbesondere keinen Familienchat gibt. Das Bemerkenswerte ist: Beides kann wahr sein. Wir brauchen Verbindung und wir brauchen Rückzug. Wir brauchen andere Menschen, um uns sicher, gesehen und getragen zu fühlen, und wir brauchen Räume, in denen niemand etwas von uns erwartet und wir unsere eigenen Gedanken überhaupt noch hören können.
Die Dosis macht auch hier das Gift. (Was ist eigentlich … Stress? Eine Reise in die Tiefen unseres Getriebenseins)
Verbundenheit ist ein Resilienzfaktor
Spannend wird Social Prescribing für mich vor allem beim Thema Resilienz. Denn Resilienz wird gerne als höchst individuelle Fähigkeit verkauft. Sei stärker. Denk positiver. Meditiere. Atme. Reguliere dich. Mach Yoga. Kauf dir womöglich noch irgendeinen Planer mit Morgenroutine und schreibe drei Dinge hinein, für die du dankbar bist. Alles nicht falsch. Nur sind Menschen eben keine vollständig autonomen Selbstregulierungsmaschinen.
Wir regulieren uns auch gegenseitig. Ein Gespräch kann Stress verändern. Eine vertraute Person kann eine Situation relativieren, die sich im eigenen Kopf bereits zur Apokalypse entwickelt hat. Jemand kann helfen, wenn Geld, Gesundheit, Beziehung oder Leben gerade kompliziert werden. Freunde leihen uns manchmal gewissermaßen ihren präfrontalen Kortex, während unser eigener unter Stress schon hektisch durch die Gegend rennt und Feuer schreit.
Das soziale Netz ist deshalb auch ein Sicherheitsnetz. (Psychologische Sicherheit: Neuer Hype oder Fehlerkultur in fancy?) Und wahrscheinlich besteht Resilienz aus beidem: aus der Fähigkeit, mit sich selbst zurechtzukommen, und aus der Gewissheit, es im Ernstfall nicht alleine tun zu müssen. Das eine ersetzt das andere nicht. (Resilienz ist kein Gummiband: Was ist Mentale Stärke im 21. Jahrhundert?) Wer ohne andere Menschen überhaupt nicht sein kann, hat ebenso wenig Freiheit wie jemand, der niemanden hat, zu dem er gehen könnte.
Wir haben 800 Kontakte. Aber wen rufen wir an?
Und dann wäre da natürlich noch unsere große moderne Spezialdisziplin: Social Media. Noch nie konnten wir mit derart vielen Menschen gleichzeitig irgendwie in Verbindung stehen. Wir wissen, wer gerade auf Mallorca ist, wer geheiratet hat, wer sich getrennt hat, wer heute Morgen fünf Kilometer gelaufen ist, wer einen schlechten Tag hatte, wer endlich gelernt hat, Grenzen zu setzen und wer gerade in einer zehnteiligen Story erklärt, weshalb man unbedingt lernen muss, Grenzen zu setzen.
Wir sind permanent informiert über andere Menschen. Das bedeutet erstaunlicherweise noch lange nicht, dass wir ihnen nah sind. Die Forschung zur Verbindung zwischen Social Media und Einsamkeit ist übrigens komplizierter, als die übliche Erzählung „Instagram macht einsam“ vermuten lässt. Es gibt keinen simplen Automatismus. Digitale Kommunikation kann Verbindung durchaus stärken. Wer über WhatsApp mit Freunden spricht, jemanden anruft, sich austauscht oder über digitale Wege reale Beziehungen pflegt, benutzt Technik schließlich genau dafür: für Beziehung.
Problematischer wird es offenbar dort, wo aus Verbindung Konsum wird. Wo wir andere Menschen hauptsächlich beobachten. Wo wir durch Leben scrollen, statt daran teilzunehmen. Problematische oder zwanghafte Social-Media-Nutzung hängt in Studien deutlicher mit Einsamkeit zusammen als die bloße Zahl der Minuten, die jemand auf einer Plattform verbringt. Das ergibt Sinn. Denn ein Like ist eben noch keine Zuwendung.
Ein Follower ist noch kein Freund. Und 1.800 Menschen, die wissen, was ich zum Frühstück gegessen habe, helfen mir nicht automatisch dabei, an einem richtig beschissenen Dienstagabend nicht allein zu sein. Möglicherweise haben wir Kontaktfläche mit Verbindung verwechselt. (Scheiß auf Reichweite! - Social Media neu denken) Wir haben die Zahl der Menschen erhöht, die etwas von uns sehen, und dabei manchmal vergessen, wie wenige uns wirklich sehen. (Der neidische Blick nach oben: Warum Social Media unser Glück vergiftet)
Eine Tablette kann keinen Dienstagabend ersetzen
Und genau hier bekommt Social Prescribing für mich seinen eigentlichen Reiz. Denn dahinter steckt eine beinahe radikale Idee für ein Gesundheitssystem, das traditionell hervorragend darin ist, einzelne Körperteile, Laborwerte und Symptome zu betrachten: Ein Teil dessen, woran Menschen leiden, lässt sich nicht im Körper reparieren. Manchmal fehlt kein Wirkstoff. Manchmal fehlt jemand. Oder etwas. Eine Aufgabe. Ein Ort. Zugehörigkeit. Struktur. Das Gefühl, gebraucht zu werden. Ein Grund, am Dienstag um zehn Uhr irgendwo hinzugehen. Ein Mensch, der fragt, warum man letzte Woche nicht da war.
Dafür gibt es keine Tablette. Und natürlich muss man an dieser Stelle aufpassen, aus einer schönen Idee nicht vorschnell das nächste medizinische Wundermittel zu machen. Die Forschung zu Social Prescribing ist noch keineswegs eindeutig. Die Programme unterscheiden sich stark, viele ältere Untersuchungen waren methodisch dünn, und auch bei der Frage, ob dadurch tatsächlich Gesundheitskosten sinken, ist die Beweislage bislang weniger spektakulär als manche Schlagzeile.
Neuere Untersuchungen werden allerdings interessanter. Sie finden positive Effekte unter anderem auf Wohlbefinden, Einsamkeit, körperliche Aktivität und teilweise auf die Nutzung medizinischer Angebote. Besonders aufschlussreich finde ich dabei eine Erkenntnis: Entscheidend scheint weniger die Überweisung als die tatsächliche Teilnahme zu sein. Natürlich. Ein Rezept für einen Chor wirkt nicht, wenn es anschließend drei Monate auf dem Küchentisch liegt.
Der medizinische Akt besteht also womöglich gar nicht darin, jemandem Gemeinschaft zu verordnen. Die eigentliche Wirkung beginnt dort, wo aus einem Vorschlag eine Erfahrung wird. Wo jemand hingeht. Wo jemand wieder hingeht. Wo jemand irgendwann dazugehört. Das ist ein großer Unterschied.
Und dann hätten wir da noch die Kunst des Alleinseins
Bei aller berechtigten Sorge über Einsamkeit würde ich deshalb gerne noch etwas anderes retten: das Alleinsein. Wir leben in einer Welt, in der fast jede freie Sekunde sofort mit Außenwelt gefüllt werden kann. Podcast beim Kochen. Nachrichten beim Warten. Instagram auf dem Klo. WhatsApp beim Spazierengehen. Serie beim Essen. AirPods beim Einkaufen. Kaum entsteht irgendwo ein kleiner leerer Raum, stopfen wir einen anderen Menschen hinein.
Seine Stimme. Seine Meinung. Sein Gesicht. Seine Nachricht. Sein Leben. Dabei brauchen wir womöglich auch genau das Gegenteil von Social Prescribing: gelegentlich eine Verordnung zum Klappehalten. Allein spazieren gehen. Ohne Podcast. Ohne Telefonat. Ohne irgendjemandem anschließend mitzuteilen, wie heilsam es war, allein spazieren zu gehen. Einfach mit sich selbst. Das kann erstaunlich unbequem sein. Denn dann tauchen Gedanken auf, die sich nicht wegscrollen lassen. Langeweile. Fragen. Zweifel. Ideen. Man merkt plötzlich, wie man eigentlich gerade lebt und ob man das überhaupt gut findet.
Auch das ist eine Fähigkeit. Alleinsein können bedeutet, sich selbst aushalten zu können, ohne permanent Publikum, Bestätigung, Ablenkung oder Unterhaltung zu benötigen. Und gerade deshalb ist freiwilliges Alleinsein etwas völlig anderes als Einsamkeit. Das eine erweitert Freiheit. Das andere nimmt sie.
Der wahre Luxus: eine Tür, die in beide Richtungen aufgeht
Am Ende geht es deshalb womöglich gar nicht darum, möglichst viele Menschen um sich herum zu versammeln. Es geht um soziale Souveränität. Darum, zwischen Nähe und Rückzug wechseln zu können. Menschen zu haben, ohne permanent Menschen haben zu müssen. Allein sein zu können, ohne allein gelassen zu sein. Eine Gemeinschaft zu besitzen, zu der man zurückkehren kann, und gleichzeitig einen inneren Ort, an dem man niemanden braucht.
Das ist vermutlich auch die interessanteste Form von Resilienz: nicht vollständige Unabhängigkeit, denn die gibt es bei Menschen ohnehin kaum. Und ebenso wenig die permanente Flucht in Gesellschaft. Es ist die Fähigkeit, sich selbst tragen zu können und sich tragen lassen zu dürfen. Vielleicht ist deshalb das Schönste an Social Prescribing gar nicht die Vorstellung, dass uns Ärzte demnächst Chorproben, Fußballvereine und gemeinschaftliches Gärtnern verschreiben.
Sondern die Erinnerung daran, dass Gesundheit weit über Blutwerte, Bewegung und Ernährung hinausgeht. Dass ein Mensch, der weiß, wo er hingehört, anders durchs Leben geht als einer, der nirgends erwartet wird. Und dass es gleichzeitig ausgesprochen gesund sein kann, gelegentlich die Tür hinter sich zuzumachen und froh darüber zu sein, dass gerade wirklich niemand klingelt. Zu wenig Mensch kann krank machen.
Zu viel Mensch, das erlaube ich mir aus eigener Erfahrung zu ergänzen, kann durchaus ebenfalls Symptome verursachen. Wie so oft liegt die Kunst irgendwo dazwischen. Die richtige Dosis Mensch eben.
FAQ
FAQ – Alleinsein, Einsamkeit und Resilienz
Was ist Social Prescribing?+
Social Prescribing vermittelt Menschen mit sozialen oder alltagsbezogenen Belastungen an nichtmedizinische Angebote. Link Worker suchen gemeinsam passende Unterstützung, etwa Bewegung, Beratung, Kultur oder Begegnung. Es ergänzt medizinische Versorgung und ersetzt notwendige Behandlung nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?+
Alleinsein beschreibt zunächst eine Situation. Einsamkeit ist das subjektive Gefühl, dass die vorhandenen Beziehungen nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Freiwilliger Rückzug kann wohltuend sein; auch unter vielen Menschen kann man sich einsam fühlen. Mehr dazu: Über die Magie des Alleinseins.
Wie stärkt soziale Verbundenheit die Resilienz?+
Vertraute Beziehungen können helfen, Stress einzuordnen, Unterstützung anzunehmen und schwierige Situationen nicht allein bewältigen zu müssen. Resilienz entsteht deshalb nicht nur im Einzelnen, sondern auch zwischen Menschen. Gleichzeitig braucht es Raum für selbst gewählte Erholung.
Ist freiwilliges Alleinsein gesund?+
Selbst gewählte Zeit allein kann Erholung und Autonomie fördern. Entscheidend ist, ob Rückzug gewollt ist und Verbindung weiterhin möglich bleibt. Es gibt keine für alle Menschen passende Anzahl von Kontakten oder Stunden allein.
Macht Social Media einsam?+
Es gibt keinen einfachen Automatismus. Digitale Kommunikation kann reale Beziehungen stärken. Beobachten und zwanghafter Konsum sind etwas anderes als gegenseitiger Austausch; ein Follower ersetzt keine verlässliche Beziehung.
Wie gut ist die Wirkung von Social Prescribing belegt?+
Die Studienlage ist uneinheitlich: Angebote, Teilnahme und Untersuchungsmethoden unterscheiden sich. Manche Studien finden Verbesserungen des Wohlbefindens oder der Einsamkeit. Ein allgemeines Heilversprechen oder sichere Einsparungen im Gesundheitssystem lassen sich daraus nicht ableiten.
Gibt es einen Vortrag über Resilienz und mentale Gesundheit?+
Henriette Hochstein-Frädrich spricht in ihrer Keynote zu Resilienz, Stressmanagement und Mental Health über mentale Stärke, Selbstführung und gesunde Zusammenarbeit. Vortrag anfragen.







