Über die Magie des Alleinseins
Einsamkeit und Alleinsein sind zwei völlig verschiedene Schuhe. Vom selben Paar. Ein Plädoyer für Stille, Selbstbegegnung und Psychohygiene.

Einsamkeit und Alleinsein sind zwei völlig verschiedene Schuhe. Vom selben Paar. Wer einsam ist, leidet. Wer allein ist, genießt. Ein Plädoyer für Stille, Selbstbegegnung und die vielleicht wichtigste Form von Psychohygiene, die wir uns gönnen können.
Alles im Leben braucht seine zwei Seiten. Seine Balance. Seinen Ausgleich. Yin und Yang. Laut und leise. Hell und dunkel. Trubel und Ruhe. Hektik und Stille. Alle Pole dürfen da sein. So lange sich die beiden Seiten einer Medaille schön brav in pari halten, ist alles in bester Ordnung. In der Psychotherapie spricht man nicht umsonst davon, dass jedes extrem ausgebildete Persönlichkeitsmerkmal zu einer Persönlichkeitsstörung führt. Wir tragen alle Tendenzen von Mutter Theresa bis hin zu Arschloch in uns. Wenn das ausgeglichen ist, sind wir relativ „normal".
Mit dieser etwas ungelenken Einleitung möchte ich lediglich darauf hinweisen, wie wichtig die Balance im Leben ist. Und dass, das wusste schon Paracelsus, die Dosis das Gift macht. Genauso ist es mit der Ruhe und dem Trubel. Etwas, worüber wir in Lockdown-Zeiten viel nachdenken konnten: Wer in Familien- oder Partnerkonstellationen lebt, hat plötzlich zu viel Trubel und zu wenig Ruhe. Wer allein ist, hat es andersherum. Ruhe, die einen fast erdrückt.
Einsamkeit und Alleinsein: Zwei völlig verschiedene Schuhe. Vom selben Paar.
Auch wenn viel über die dunklen Seiten der Lockdown-Einsamkeit geschrieben wurde, möchte ich von der Magie des Alleinseins schwärmen. Wer einsam ist, leidet. Wer allein ist, genießt.
Jeder Mensch braucht andere Menschen um sich herum. Aber jeder Mensch braucht auch dringend das Alleinsein. Letzteres wird komischerweise immer noch als ein seltsames Ding betrachtet. Jeder, der gern allein ist, wird komisch beäugt. Wie, du bist lieber allein zu Hause als raus Downtown zu gehen und Party zu machen? Da kann was nicht stimmen. Die Gesellschaft befeuert extrovertiertes Verhalten. Und stellt Introvertiertheit in Frage.
Ich zum Beispiel bin beides. Ich habe Extro-Phasen. Mag Jubel, Trubel, Heiterkeit. Verabredungen. Musik. Gespräche. Bin selbst auf Bühnen unterwegs. Aber nach drei Stunden Party und vier Gläsern Wein oder einer Stunde Update-Quatschen mit einer Freundin und Kaffee Latte literweise reicht es mir dann. Dann bin ich „alle", im wahrsten Sinne des Wortes. Dann will und muss ich zurück in mein Schneckenhaus und bin froh, nicht mehr reden zu müssen. Und überhaupt einfach nichts mehr zu müssen.
Wie sehr graut es mir vor der großen Verabschiedungsrunde auf Parties. „Wie, du gehst schon? Aber bleib doch noch!" Nein, danke. I had enough. Ich will jetzt nur noch zurück zu mir. Ja, ich mag den „Englischen" oder den „Polnischen", wo man sich einfach still, leise und heimlich davon stiehlt. Man sagt, das sei nicht höflich. Aber einen Gast nicht gehen zu lassen, oder ihn sich dabei schlecht fühlen zu lassen, wenn er/sie gehen möchte, ist es auch nicht.
Alleinsein ist Tankstelle und Psychohygiene
Alleinsein ist pure Magie. Ich liebe es, allein zu sein. So sehr ich meine Lieblingsmenschen auch liebe und sie gern um mich herum habe. Und hier ist schon das erste Etikett, was man dem Alleinsein gerne anheftet: Wenn man hin und wieder gern allein sein möchte, heißt das überhaupt nicht, dass man ein Misanthrop ist, also ein Mensch, der andere Menschen nicht leiden kann. Oder dass man sein Kind nicht liebt und eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater ist. Oder dass man was vor Schatzi zu verbergen hat und ihn/sie nicht mehr will. Nee, Mann. Ganz im Gegenteil.
Das Alleinsein ist wie eine Art Tankstelle, an der man sich mit sich selbst und Ruhe und Stille und Runterkommen und absoluter Freiheit betankt. Absolute Freiheit, weil man nur im Alleinsein komplett man selbst sein kann und rücksichtslos sein darf. Sich mit niemandem anderen abzusprechen oder eine gewisse Rolle (Partner:in, Mutter/Vater etc.) spielen zu müssen, spart total viel Energie. Energie, die einen selbst wieder auffüllt.
Sich regelmäßig Zeiten des Alleinseins zu gönnen, ist Psychohygiene. Gerade in einer Beziehung, gerade in einer Familie.
Denn auch hier gelten die Gesetze der Balance. Es braucht Nähe. Und es braucht Distanz. Schön im Wechsel. Das ist vielleicht sogar das eigentliche große Beziehungsgeheimnis. Wer allein sein kann und allein sein darf, entlastet die Beziehung und vor allem den Partner, der nicht für alles heran gezogen werden muss. Die Spannung bleibt aufrecht. Wer allein sein darf, sich seine Gedanken macht und dann vollbetankt wieder „zurück" kommt, hat viel zu erzählen. Das schafft wieder Nähe und Vertrauen, Neugier und Interesse. Das berühmte Gummiband zwischen zwei Menschen, das sich laut John Gray, Autor des Beziehungsbestseller-Klassikers Männer sind anders, Frauen auch, nur durch das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz nicht ausleiert.
Ein befreundetes Pärchen erwischte die große Corona-Lockdown-wir-hängen-nur-zusammen-Krise rigoros. Seit Monaten hingen die beiden in ihrer Bude aufeinander. Das kann nicht gut gehen. Dafür muss man nicht Psychologie studiert haben. Auf den Vorschlag, ja nu, findet doch bitte Lösungen, dass ihr nicht die ganze Zeit aufeinander hängt (AirBnB? Hotel? Zu den Eltern gehen?), reagierten beide erst mal irritiert. Das darf man doch nicht, das würde ja bedeuten, wir lieben uns nicht mehr. Ähm nein, es ist das komplette Gegenteil. Es bedeutet: Wir lieben uns so sehr und übernehmen deshalb die Verantwortung dafür, dass wir es nicht verkacken.
Ja, wir dürfen allein sein. Müssen es sogar.
Alleinsein ist nicht nur in Krisenzeiten wichtig, auch im völlig normalen Alltag. Eine Freundin steckt derzeit in einer heftigen Beziehungskrise, die ihr bisheriges Lebensmodell auf den Kopf stellt. Eine der ersten akuten Hilfsmaßnahmen, die ich ihr angeboten habe: meinen Lieblingsmenschen aus seiner Wohnung heraus zu bugsieren und sie dort für ein paar Tage einzuquartieren. Ihr das sprichwörtliche „mal raus aus allem" zu ermöglichen. Den Raum, hemmungslos zu heulen und Netflix-Binge-zu-watchen, den Raum, um sich zu sortieren, den Raum, um einfach mal allein zu sein.
Meine Freundin hat zwei kleine Kinder. Und ja, sie hat es sich erlaubt, sich dieses „Lonely-Retreat" zu ermöglichen. Viele würden schon daran scheitern. Weil sie glauben, das geht doch nicht, das kann ich nicht machen, erst recht nicht, wenn ich Mutter bin und kleine Kinder habe. Oh doch, verdammt. GERADE dann ist es überlebenswichtig, sich, bevor man zu Hause durchdreht, in Sicherheit zu bringen und ein paar Tage raus zu nehmen. Sie hat sich selbst betankt. Konnte erst mal wieder halbwegs klar kommen. Und einfach auch mal nur sich um sich selbst kümmern.
Auch ich brauche jede Woche meine Tage oder zumindest halbe Tage, wo ich allein sein kann und darf. Ich liebe es, in Stille zu arbeiten. Ich brauche die Stille. Ich kann mich nicht konzentrieren und fokussieren, wenn eine halbe Familie um mich herum springt. Dafür muss man aber auch wissen, wer man ist, wie man tickt, was man braucht und was einem gut tut. Andere wiederum brauchen genau den Trubel, um aufzublühen, der mich zum Durchdrehen bringen würde.
Ich weiß auch, dass mein Partner genau dieses Alleinsein ebenso braucht. Wir vermissen uns, und in unserem Patchwork-Trubel kommt gemeinsame Zeit gefühlt immer zu kurz. Aber wir wissen auch, wie unglaublich wichtig diese Tage oder Abende sind, wo jeder für sich ist und sein Ding macht. Deshalb stellen wir damit auch nicht unsere Liebe füreinander in Frage. Sondern es ist das Gegenteil. Gerade weil wir ziemlich crazy in love sind, gestehen wir uns diese Tage und Abende zu, ohne da ein Drama draus zu machen.
Ein Roadtrip mit dir selbst
Auch das Allein-Verreisen ist so wichtig. Na klar, mit Family Urlaub zu machen oder die Welt zusammen mit dem Liebsten oder der Liebsten zu entdecken, das ist großartig. Aber ich finde, jeder sollte mindestens einmal im Leben alleine verreisen und einen Roadtrip mit sich selbst machen.
Ich war knapp zwei Wochen allein in Kalifornien und es war alles an Entdeckungen und Gefühlslagen dabei. Tage voller Hurra und Heulbojentage. Würde ich es wieder machen? Oh yes, verdammt. Ich war eine Woche allein in Thailand — auch das so verrückt wie wundervoll. Würde ich es wieder machen? Oh yes, verdammt.
Ich kann mein eigenes Herz nur dann schlagen hören, wenn ich allein bin. Ich höre meine innere Stimme und das, was sie mir sagen möchte, nur dann, wenn ich allein bin.
Mit sich allein zu sein, ist wie eine Kur. Es gibt Vater-Kind-Kuren. Mutter-Kind-Kuren. Und es sollte viel mehr Ich-und-Ich-Kuren geben. Mein Liebster fährt z.B. regelmäßig mehrere Wochen allein auf eine kleine spektakulär-unspektakuläre Nordsee-Insel. Er bucht sich dort eine Wohnung, arbeitet von dort. Und ist allein. Diese Zeit dort ist so wichtig für ihn. Zum Nachdenken. Zum Auftanken. Zum-Alles-mal-mit-Abstand-sehen. Zum Raussein. Zum Naturaufsaugen.
Celebrate your loneliness
In dem Song „Allein Allein" von Polarkreis 18 (der Song, der unweigerlich in Dauerschleife läuft, sobald man über das Alleinsein nachdenkt) gibt es die Zeilen:
A prisoner behind the walls / A heart away / Wants to lead his universe / Just a heart away / The time has come for us to love / A heart away / To celebrate our loneliness
Ja, das klingt sicher etwas melancholisch. Aber „celebrate our loneliness" ist genau das, was wir viel öfter tun sollten.
Ihr Alleinsein gefeiert und zelebriert hat erst vor kurzem US-Unternehmerin Sara Blakely. Die unglaublich sympathische Selfmade-Milliardärin hat mit ihrer Erfindung und ihrem gleichnamigen Unternehmen „Spanx" den Shapewear-Markt revolutioniert. Als ihr Mann sie fragte, was sie sich zu ihrem 50. Geburtstag wünscht, sagte sie, mehr im Scherz: „Ich will 7 Tage lang allein sein." Denn Sara war jahrelang nicht einen einzigen Tag allein. Genau das ermöglichte ihr ihre Familie. Sie durfte 7 Tage lang allein in einem Hotel ihrer Wahl verbringen. Und dort abgammeln, schlafen, träumen, lesen, Wellness machen, binge-watchen, nachdenken.
In einem ihrer Posts dazu schrieb sie:
My wish is that everyone takes time alone. Don't wait until you're 50. We have so much distraction we must be diligent about our sacred silence and time with our own inner thoughts. Put guilt aside all you Moms especially and do it. It makes you a better mother. Remember, oxygen mask on you first and then the kids if the plane is going down for a reason. If mama ain't ok, nobody is ok.
Also. Let's celebrate our loneliness. Es ist Medizin. Und Heilung.
Weiterlesen: Warum Stille ein safe space ist, in Ruhe, bitte! — Ist „Noise Pollution" die nächste Gesundheitskrise?, warum wir Schönheit und Harmonie zum Leben brauchen in Schönheit ist existenziell, und was Resilienz im 21. Jahrhundert wirklich bedeutet in Resilienz ist kein Gummiband.
Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich



