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Instagram & Schrödingers Katze – warum wir uns unter Beobachtung anders verhalten

Was Quantenphysik, Superposition und ein berühmtes Gedankenexperiment mit unserem Instagram-Verhalten zu tun haben – und warum wir online gleichzeitig authentisch und inszeniert sind.

Editorial-Schwarz-Weiß-Foto mit rotem Akzent: eine Katze sitzt in einer durchsichtigen Glasbox neben einem Smartphone, das Display leuchtet in einem einzelnen tiefen Rot als einzige Farbe im Bild, Chiaroscuro-Studiolicht, Katze halb im Licht und halb im Schatten als Bild der Superposition

Warum verhalten wir uns anders oder komisch, wenn wir uns beobachtet fühlen? Und was haben Quantenphysik, Schrödingers Katze und Instagram damit zu tun?

Ein berühmtes Gedankenexperiment der Quantenphysik von Atomwissenschaftler Erwin Schrödinger, das als „Schrödingers Katze" bekannt ist, stellt uns vor die Frage, wie sich das Verhalten eines Objekts ändert, wenn es beobachtet wird. Doch auch außerhalb der Welt der Physik können wir ähnliche Phänomene in unserem täglichen Leben beobachten. Ein Beispiel dafür ist die Auswirkung der Beobachtung auf unser Verhalten und wie diese Dynamik im Zeitalter von Instagram verstärkt wird.

In Schrödingers Gedankenexperiment wird eine Katze in einer undurchsichtigen Box platziert, zusammen mit einer Substanz, die potenziell tödlich sein kann. Solange die Box geschlossen bleibt und wir das Innere nicht beobachten, existiert die Katze in einem Zustand der Superposition – sie ist sowohl tot als auch lebendig. Erst wenn wir die Box öffnen und die Katze beobachten, kollabiert dieser Zustand zu einem eindeutigen Ergebnis. Ja, ich weiß, bei dieser Vorstellung bekommt man echt einen Quantenknoten in den Synapsenwindungen.

Runtergebrochen und vereinfacht gesagt, hat die reine Beobachtung eine immense Kraft und Macht. Denn sie verändert den Zustand und das Verhalten des beobachteten Objekts. Sie kann sogar, im Falle von Schrödingers Katze, über Leben und Tod entscheiden.

Kein Wunder also, dass wir uns alle merkwürdig z.B. auf einer Bühne fühlen, den Blicken, Beobachtungen und Meinungen anderer völlig ausgeliefert. Und kein Wunder, dass wir uns anders verhalten, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, als wären wir alleine. Ich fühle mich in der Tat am freiesten und gelöstesten, wenn ich allein bin.

In einer Umgebung ohne Beobachter können wir freier sein

Diese Idee lässt sich also auf unser menschliches Verhalten übertragen. Wenn wir uns unbeobachtet fühlen, neigen wir manchmal dazu, uns anders zu verhalten als wenn wir beobachtet werden. In einer Umgebung ohne Beobachter können wir freier sein, unsere Gedanken und Gefühle auszudrücken und uns authentisch zu zeigen. Doch sobald wir wissen, dass wir beobachtet werden, ändert sich unsere Dynamik. Wir passen uns an, bewusst oder unbewusst, an die Erwartungen und Standards derjenigen an, die uns beobachten.

Ähnlich wie bei Schrödingers Katze leben wir in einem Zustand der Superposition auf Instagram

Und hier kommt Instagram ins Spiel. Die Plattform bietet uns eine Bühne, auf der wir unser Leben inszenieren können. Wir können Fotos von uns hochladen, die nur den besten Moment unserer Tage zeigen – strahlendes Lächeln, perfekt arrangierte Teller, exotische Urlaubsziele. Wir präsentieren eine Version von uns selbst, die wir für „instagrammable" halten. Wir wissen, dass uns Tausende von Augenpaaren beobachten und beurteilen. Diese Beobachtung löst in uns den Drang aus, unseren Alltag zu inszenieren und ein Bild zu präsentieren, das den Erwartungen und dem Idealbild entspricht, das auf Instagram gepflegt wird.

„Wir sind sowohl authentisch als auch inszeniert."

Ähnlich wie bei Schrödingers Katze leben wir in einem Zustand der Superposition auf Instagram. Wir sind sowohl authentisch als auch inszeniert. Wir versuchen, das perfekte Bild zu präsentieren, aber wissen auch, dass hinter der Kamera die Realität anders aussehen kann. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen dem, was wir zeigen wollen, und dem, was wir tatsächlich erleben. Wie tief dieser Selbst-Spiegelungs-Effekt wirkt, beschreibe ich ausführlich im Spiegelkabinett-Artikel.

Die Auswirkungen dieser Beobachtung sind vielfältig. Wir können uns in einen Wettbewerb mit anderen verwickeln, um Likes und Follower zu sammeln. Wir können uns unter Druck setzen, ein Bild aufrechtzuerhalten, das nicht unserem wahren Selbst entspricht. Wir können sogar unsere eigenen Erlebnisse durch die Linse von Instagram filtern, um sicherzustellen, dass sie den ästhetischen Standards und den Erwartungen entsprechen. Warum dieser permanente Aufwärts-Vergleich uns systematisch unglücklich macht, zeigt „Der neidische Blick nach oben".

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Beobachtung auf Instagram nur eine Facette unseres Lebens darstellt. Es ist eine Plattform, die uns Chancen bietet, uns auszudrücken, aber wir sollten uns nicht davon beherrschen lassen. Wir sollten uns immer daran erinnern, dass unser Wert nicht von der Anzahl der Likes abhängt, die wir erhalten. Unsere echten Erlebnisse, Emotionen und Beziehungen sind es, die uns als Individuen ausmachen.

„Wenn wir uns bewusst werden, wie sich unsere Verhaltensweisen unter Beobachtung verändern können, können wir einen bewussten Schritt zur Authentizität machen."

Wenn wir uns bewusst werden, wie sich unsere Verhaltensweisen unter Beobachtung verändern können, können wir einen bewussten Schritt zur Authentizität machen. Es geht darum, die eigene Freiheit zu finden, wir selbst zu sein und unser Leben jenseits der Filter und unabhängig vom Beobachtet- und Beurteilt-Werden durch andere zu genießen.

In einer Welt, in der das Beobachtetwerden allgegenwärtig ist, können wir uns immer noch und immer wieder entscheiden, unseren eigenen Weg zu gehen und unsere Authentizität zu bewahren. Schrödingers Katze mag in einem Zustand der Unbestimmtheit leben, aber wir haben die Fähigkeit, unsere eigene Realität zu gestalten und unser wahres Ich zu feiern – ob die Kamera – oder andere Augenpaare – nun auf uns gerichtet sind oder nicht. Wer merkt, dass die Box selbst das Problem ist, findet den Weg raus in „Ich bin dann mal raus" und in „Wie hört man mit Social Media auf?".

FAQ

FAQ – Beobachtung, Superposition & Instagram

Was ist der Beobachtereffekt in einfachen Worten?+

Der Beobachtereffekt beschreibt, dass sich der Zustand oder das Verhalten eines Objekts verändert, sobald es beobachtet wird. In der Quantenphysik führt das zur Auflösung einer Superposition – im Alltag dazu, dass wir uns anders verhalten, wenn wir uns beobachtet fühlen.

Warum verhalten wir uns auf Instagram anders?+

Weil wir permanent unter Beobachtung stehen – oder es zumindest annehmen. Diese gefühlte Bühne lässt uns kuratieren, inszenieren und filtern, statt einfach zu leben. Warum dieser Mechanismus so süchtig macht, steht in „Warum macht Social Media süchtig?".

Was hat Schrödingers Katze konkret mit Social Media zu tun?+

Die Katze in der Box ist gleichzeitig tot und lebendig, bis jemand hinschaut. Auf Instagram sind wir gleichzeitig authentisch und inszeniert, bis wir posten – dann kollabiert die Superposition zu einer Version, die andere sehen sollen.

Kann ich auf Social Media wirklich „authentisch" sein?+

Nur bedingt. Solange ein Publikum mitschaut und ein Algorithmus mitbewertet, verändert sich unser Verhalten. Echte Unbeobachtetheit gibt es nur offline – oder nach dem Ausstieg. Wie so ein Ausstieg konkret aussieht, zeigt der Große Entzug in 5 Stunden, 5 Schritten.

Wie komme ich raus aus dem Inszenierungs-Zwang?+

Der erste Schritt ist ehrlich hinschauen: Wie viel meines Verhaltens wäre gleich, wenn keiner zuschaut? Der Sucht-Test ist ein guter Einstieg. Die Langversion – warum Social-Media-Ausstieg heute Selbstschutz ist – gibt es auf der Vortragsseite Social Media Exit.

Wie fühlt es sich an, gar nicht mehr beobachtet zu werden?+

Überraschend ruhig. Der Beobachtungs-Kollaps hört auf, sobald niemand mehr zuschaut — nachzulesen in „Wie befreiend es ist, nichts mehr auf Social Media posten zu müssen".

Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich

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