Wir reden uns die Zukunft schlecht
Warum Geschichten Wirtschaft machen – und weshalb Zuversicht kein naiver Luxus ist

Deutschland im Jahr 2026. Wer morgens die Nachrichten aufmacht, könnte gelegentlich den Eindruck bekommen, Zukunft sei inzwischen ein Produkt, das nur noch mit Warnhinweis verkauft werden darf.
Die Wirtschaft schwächelt. Die Industrie wandert ab. China ist schneller. Amerika innovativer. Energie ist zu teuer, Bürokratie zu langsam, Fachkräfte fehlen, die Rente wackelt, KI nimmt uns die Jobs weg, das Klima kippt sowieso und irgendwo steht garantiert noch eine marode Brücke, die demnächst gesprengt werden muss. Wir sind inzwischen so gut darin geworden, Probleme aufzuzählen, dass man daraus eigentlich einen neuen deutschen Exportschlager machen könnte.
Und bevor jetzt jemand denkt: Ach, da kommt wieder diese Frau mit ihrem „Was, wenn alles gut wird?“ – nein. Natürlich gibt es diese Probleme. Viele davon sind riesig. Manche davon haben wir jahrelang ignoriert. Andere lassen sich nicht einmal national lösen. Es wäre ziemlich albern, mit einer rosafarbenen Zukunftsbrille durch die Gegend zu hüpfen und zu behaupten, wir müssten nur fest genug an das Gute glauben, dann repariere sich die Deutsche Bahn von allein.
Darum geht es nicht. Es geht um eine viel interessantere Frage: Was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, die sich selbst permanent erzählt, dass ihre beste Zeit vorbei ist? Denn Geschichten sind nicht einfach Geschichten. Sie können wirtschaftliche Realität verändern.
Wirtschaft besteht nicht nur aus Zahlen. Sie besteht auch aus Geschichten.
Der amerikanische Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller beschäftigt sich seit Jahren mit einem Gedanken, den ich faszinierend finde: Narrative Economics. Seine These vereinfacht gesagt: Wirtschaftliche Entwicklungen hängen nicht ausschließlich von Zinsen, Produktivität, Geldmengen, Rohstoffpreisen oder Unternehmensbilanzen ab. Menschen treffen wirtschaftliche Entscheidungen auch auf Basis der Geschichten, die sie über die Welt erzählen und für wahr halten.
Was glauben wir über die Zukunft? Was glauben wir über unser Land? Was glauben wir über Technologie? Was glauben wir darüber, ob es sich lohnt, ein Unternehmen zu gründen, Geld zu investieren, jemanden einzustellen, ein Haus zu kaufen oder eine neue Fabrik zu bauen?
Shiller beschreibt Narrative als Geschichten und Deutungsmuster, die sich verbreiten können wie Epidemien. Sie wandern von Mensch zu Mensch, durch Medien, Gespräche, Politik und heute natürlich mit enormer Geschwindigkeit durch soziale Netzwerke. Manche verschwinden wieder. Andere werden so dominant, dass sie beeinflussen, wie Millionen Menschen handeln. Genau dadurch können sie wirtschaftlich relevant werden. (aeaweb.org)
Das Entscheidende daran ist: Ein Narrativ muss nicht vollständig falsch sein, um problematisch zu werden. Im Gegenteil. Die wirkungsvollsten Geschichten besitzen meistens einen wahren Kern.
Wenn Unternehmen tatsächlich unter hohen Energiekosten leiden, wird daraus schnell die Geschichte: „Industrie hat in Deutschland keine Zukunft mehr.“ Wenn einige Unternehmen Stellen durch Automatisierung abbauen, entsteht daraus: „KI wird unsere Jobs vernichten.“ Wenn China in bestimmten Technologien eine enorme Geschwindigkeit entwickelt, lautet die Erzählung plötzlich: „Wir haben den Anschluss verloren.“
Aus einem Problem wird eine Prognose. Und irgendwann behandeln wir diese Prognose wie eine Tatsache.
Und dann passiert etwas ziemlich Verrücktes
Stellen wir uns vor, genügend Menschen glauben, dass ein Land wirtschaftlich keine gute Zukunft hat. Investoren werden vorsichtiger. Unternehmen verschieben Investitionen. Menschen halten ihr Geld zusammen. Talente überlegen, woanders hinzugehen. Unternehmer überlegen zweimal, ob sie ein Risiko eingehen. Politiker geraten noch stärker unter Druck und kommunizieren noch dramatischer. Medien berichten über die wachsende Unsicherheit. Menschen lesen diese Berichte und denken: Siehste. Habe ich doch gesagt.
Herzlichen Glückwunsch. Wir haben einen hübschen kleinen Kreislauf gebaut.
Genau deshalb ist Shillers Gedanke so spannend. Geschichten beschreiben Wirklichkeit nicht nur. Sie können Verhalten auslösen, das wiederum Wirklichkeit produziert. Natürlich baut kein positives Narrativ eine Chipfabrik. Eine schöne Geschichte senkt keine Strompreise und ersetzt keine vernünftige Bildungs-, Wirtschafts- oder Infrastrukturpolitik.
Aber bevor jemand eine Chipfabrik baut, muss irgendwo ein Mensch sitzen, der glaubt, dass es sich lohnt. Bevor jemand ein Unternehmen gründet, braucht es die Vorstellung, dass daraus etwas werden könnte. Bevor eine Organisation einen radikal neuen Weg ausprobiert, muss jemand daran glauben, dass der neue Weg besser sein könnte als der alte. Zukunft beginnt erstaunlich oft mit einer Vorstellung davon, dass etwas möglich ist.
Leider besitzt unser Gehirn eine kleine Vorliebe für Katastrophen
Dass negative Erzählungen besonders gut funktionieren, ist ebenfalls kein großes Rätsel. Unser Gehirn ist kein neutraler Nachrichtendienst. Es besitzt einen sogenannten Negativity Bias. Negative Informationen bekommen tendenziell mehr Aufmerksamkeit und Gewicht als positive. Evolutionsbiologisch ergibt das ziemlich viel Sinn: Wer vor 50.000 Jahren ein verdächtiges Rascheln im Gebüsch ignorierte, weil er gerade so schön positiv dachte, hatte möglicherweise ein überschaubares Problem mit seiner weiteren Lebensplanung. Wer dagegen eine besonders leckere Beere übersah, konnte am nächsten Tag noch einmal suchen. Gefahr war wichtiger als Gelegenheit.
Diese Tendenz existiert bis heute. Forschung zum Negativity Bias zeigt, dass negative Reize häufig stärker verarbeitet werden als positive; aus evolutionärer Perspektive war diese erhöhte Sensibilität gegenüber möglichen Gefahren durchaus sinnvoll. (PubMed)
Nur leben die meisten von uns inzwischen relativ selten in unmittelbarer Säbelzahntigergefahr. Unser Gehirn weiß das bloß nicht. Und deshalb klickt „DEUTSCHLAND DROHT DER ABSTURZ“ zuverlässig besser als „In Deutschland laufen übrigens auch überraschend viele Dinge ziemlich gut“. Letzteres klingt schon beim Lesen verdächtig nach Regionalbeilage.
Hinzu kommt unsere digitale Informationswelt, in der Aufregung hervorragend funktioniert. Empörung hält uns bei der Sache. Konflikte erzeugen Aufmerksamkeit. Katastrophen werden geteilt. Ein Unternehmen, das still und leise eine ziemlich gute Innovation entwickelt, hat dagegen PR-technisch ein Problem: Es brennt nichts.
Und so entsteht ein verzerrtes Bild. Wir sehen sehr deutlich, was kaputtgeht. Was gleichzeitig entsteht, wächst, erfunden, verbessert und aufgebaut wird, läuft häufig unterhalb unseres Radars.
Realismus bedeutet nicht, möglichst pessimistisch zu sein
Ich finde es interessant, wie häufig Pessimismus inzwischen mit Intelligenz verwechselt wird. Wer sagt, dass etwas schwierig wird, gilt als reflektiert. Wer auf Risiken hinweist, als seriös. Wer sagt: „Das kriegen wir schon hin“, steht schnell ein bisschen im Verdacht, die Lage nicht verstanden zu haben.
Dabei ist Zukunft grundsätzlich unsicher. Auch der Pessimist weiß nicht, was passieren wird. Er klingt nur häufig überzeugender dabei.
Niemand konnte Anfang der Neunzigerjahre exakt vorhersagen, welche Unternehmen das Internet hervorbringen würde. Niemand wusste, welche Geschäftsmodelle Smartphones ermöglichen würden. Niemand konnte vor wenigen Jahren seriös vorhersagen, wie schnell generative KI Millionen Menschen im Alltag erreichen würde.
Und genau deshalb finde ich diesen Satz so wichtig:
Zuversicht ist keine Prognose. Sie ist eine Arbeitshypothese.
Sie bedeutet: Wir sehen die Probleme. Wir nehmen sie ernst. Und trotzdem gehen wir davon aus, dass unser Handeln einen Unterschied machen kann. Das ist etwas vollkommen anderes als Schönreden.
Die entscheidende Frage lautet: Welche Geschichte erzählen wir weiter?
Gerade bei großen Veränderungen beginnt sehr viel damit, welche Frage wir stellen.
Fragen wir: Was wird KI alles zerstören? Dann werden wir erstaunlich viele Antworten finden. Fragen wir: Was könnten Menschen mit KI plötzlich tun, was vorher unmöglich, unbezahlbar oder viel zu kompliziert war? Dann taucht eine vollkommen andere Zukunft auf.
Fragen wir: Wie soll Deutschland jemals gegen China und die USA bestehen? Dann haben wir ziemlich schnell ein Problem. Fragen wir: Wo besitzen wir Fähigkeiten, Wissen, Infrastruktur und Erfahrung, aus denen etwas Neues entstehen kann? Dann verändert sich unser Blick.
Die Schwierigkeiten sind dieselben. Die Handlungsmöglichkeiten sind es nicht.
Und genau das interessiert mich an Narrativen: Sie lenken Aufmerksamkeit. Wer überzeugt ist, dass überall nur Niedergang stattfindet, sucht nach Belegen für Niedergang – und findet sie. Wer sich fragt, wo gerade etwas Neues entsteht, entdeckt plötzlich Unternehmen, Technologien, Menschen und Ideen, die vorher außerhalb des eigenen Sichtfeldes lagen. Nicht weil sie vorher nicht existiert hätten. Sondern weil wir nicht nach ihnen gesucht haben.
Wir brauchen keine Märchen. Wir brauchen bessere Zukunftsgeschichten.
Damit meine ich ausdrücklich keine politisch bestellten Gute-Laune-Erzählungen. Menschen merken ziemlich schnell, wenn man ihnen Quatsch erzählt. Wenn Schulen marode sind, Züge ausfallen und Genehmigungen Jahre dauern, hilft kein Werbespot mit Sonnenaufgang und Geigenmusik.
Eine glaubwürdige Zukunftsgeschichte muss Probleme aushalten können. Sie darf sagen: Ja, das hier funktioniert gerade schlecht. Und dann braucht sie einen zweiten Satz. Was machen wir jetzt daraus? Genau dieser zweite Satz fehlt mir häufig.
Wir sind wahnsinnig gut in der Diagnose geworden. Wir sezieren Probleme, kommentieren sie, teilen sie, empören uns darüber und diskutieren anschließend ausführlich darüber, wer daran schuld ist. Manchmal habe ich das Gefühl, wir stehen gemeinsam vor einem brennenden Haus und führen eine sehr differenzierte Debatte darüber, wer den Feuerlöscher zuletzt falsch aufgehängt hat.
Interessant. Könnten wir jetzt eventuell löschen?
Gestaltung beginnt dort, wo aus Beschreibung wieder Handlung wird.
Zukunft muss man auch wollen
Das klingt banal, ist es aber überhaupt nicht. Denn eine Gesellschaft kann irgendwann so lange über Verlust reden, dass sie selbst den Wunsch nach Veränderung verliert. Neue Technologien werden dann zuerst danach beurteilt, was sie bedrohen. Neue Geschäftsmodelle danach, welche alten verschwinden könnten. Veränderungen danach, was wir dafür aufgeben müssten.
Dabei ist Fortschritt seit jeher ein ziemlich unordentlicher Prozess. Neues entsteht selten, ohne dass Altes an Bedeutung verliert. Das fühlt sich unangenehm an. Für Menschen. Für Unternehmen. Für ganze Branchen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir jede Veränderung toll finden müssen. Die Frage lautet: Glauben wir grundsätzlich noch daran, dass hinter Veränderung auch etwas Besseres liegen kann? Denn wenn die Antwort darauf irgendwann Nein lautet, haben wir ein echtes Problem. Dann verteidigen wir Gegenwart gegen Zukunft. Und Zukunft gewinnt am Ende immer.
Was, wenn alles gut wird?
Dieser Satz steht seit einiger Zeit auf meiner Website. Und ich mag ihn auch deshalb so sehr, weil er manche Menschen beinahe ein bisschen nervös macht. Was soll das heißen? Alles wird doch gar nicht gut.
Stimmt. Vermutlich nicht. Manches wird hervorragend. Manches wird schwierig. Manches wird verschwinden. Neues wird entstehen. Wir werden Fehler machen, Dinge unterschätzen und bei anderen Entwicklungen erstaunt feststellen, dass unsere größten Sorgen vollkommen übertrieben waren. So funktioniert Zukunft.
Aber wir stellen erstaunlich häufig die Frage: Was, wenn alles schiefgeht? Wir bauen Szenarien darum. Strategien. Versicherungen. Krisenpläne. Rücklagen. Risikomatrizen. Alles sinnvoll. Nur fehlt häufig die andere Hälfte.
Was, wenn es funktioniert? Was, wenn KI tatsächlich dafür sorgt, dass Menschen weniger Zeit mit stupiden Tätigkeiten verbringen? Was, wenn neue Energieformen irgendwann billiger und besser werden als die alten? Was, wenn aus der derzeitigen Krise unserer Industrie neue Geschäftsmodelle entstehen? Was, wenn Unternehmen, die heute niemand kennt, in zehn Jahren Tausende Menschen beschäftigen? Was, wenn wir Probleme lösen, deren Lösung wir heute noch gar nicht sehen?
Diese Fragen garantieren überhaupt nichts. Aber sie öffnen einen gedanklichen Raum. Und Menschen können nur gestalten, was sie sich vorher überhaupt vorstellen können.
Wir erzählen Zukunft jeden Tag
In Unternehmen geschieht das in jedem Meeting. In Politik mit jedem Satz. In Familien am Küchentisch. In Medien mit jeder Überschrift. Und natürlich auch in unserem eigenen Kopf.
„Das funktioniert hier sowieso nicht.“ „Die Zeiten sind vorbei.“ „Die Jungen wollen nicht mehr arbeiten.“ „Mit KI braucht es uns bald nicht mehr.“ „In Deutschland kann man keine Unternehmen mehr aufbauen.“
Solche Sätze klingen irgendwann wie Tatsachen. Dabei sind sie häufig etwas anderes: Geschichten über die Zukunft. Und Geschichten kann man überprüfen. Man kann sie ergänzen. Man kann ihnen widersprechen. Man kann andere erzählen.
Robert Shillers Narrative Economics zeigt, wie mächtig kollektive Erzählungen sein können, weil sie unser Verhalten beeinflussen. (news.yale.edu) Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings auch: Wir sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Wir können bewusster entscheiden, welche Geschichten wir weitererzählen. Nicht die angenehmsten. Nicht die schönsten. Diejenigen, die wahr genug sind, um glaubwürdig zu sein – und offen genug, damit darin noch Zukunft stattfinden kann.
Denn möglicherweise ist eine der wichtigsten Ressourcen eines Landes weder Gas noch Kapital noch seltene Erden. Sondern die Überzeugung seiner Menschen, dass es sich lohnt, etwas aufzubauen.
Und deshalb sollten wir uns gelegentlich eine Frage stellen, die in Zeiten wie diesen fast schon ein bisschen rebellisch klingt:
Was, wenn alles gut wird? Nicht von allein. Aber weil wir wieder anfangen, es für möglich zu halten – und entsprechend handeln.
FAQ
FAQ – Narrative, Pessimismus und Zuversicht
Was bedeutet Narrative Economics?+
Der Ansatz des Wirtschaftsnobelpreisträgers Robert J. Shiller besagt, dass wirtschaftliche Entwicklungen nicht nur von Zinsen, Produktivität oder Bilanzen abhängen, sondern auch von den Geschichten, die Menschen über die Zukunft erzählen und für wahr halten. Solche Narrative verbreiten sich wie Epidemien und beeinflussen, wie Millionen Menschen investieren, gründen oder konsumieren.
Können negative Erzählungen der Wirtschaft schaden?+
Ja. Glauben genügend Menschen, dass ein Land keine gute Zukunft hat, werden Investoren vorsichtiger, Unternehmen verschieben Investitionen und Talente wandern ab. So kann aus einer Prognose ein Kreislauf werden, der genau die befürchtete Wirklichkeit mit erzeugt.
Was ist der Negativity Bias?+
Der Negativity Bias beschreibt die Neigung unseres Gehirns, negativen Informationen mehr Aufmerksamkeit und Gewicht zu geben als positiven. Evolutionär war das sinnvoll, weil Gefahren wichtiger waren als Gelegenheiten. Heute führt es dazu, dass Katastrophenmeldungen besser funktionieren als Nachrichten über das, was gut läuft.
Ist Zuversicht nicht einfach Schönreden?+
Nein. Zuversicht ist keine Prognose, sondern eine Arbeitshypothese: Probleme werden ernst genommen, und trotzdem geht man davon aus, dass das eigene Handeln einen Unterschied machen kann. Eine glaubwürdige Zukunftsgeschichte muss Probleme aushalten und dann die Frage stellen: Was machen wir jetzt daraus?
Gibt es einen Keynote-Vortrag zu Veränderung, Zuversicht und Zukunft?+
Ja. Henriette Hochstein-Frädrich spricht als Keynote-Speakerin über Motivation, Wandel und Veränderung sowie über Innovation und Creative Destruction. Eine Anfrage ist über die Kontaktseite möglich.







