Magazin/Resilienz
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Defensive Joy: Freude ist unsere bürgerliche Pflicht

Warum wir in Zeiten von Rechtsruck, Fake News und Zynismus unsere Freude aktiv verteidigen müssen — als Haltung, Statement und politischen Akt.

Cinematisches Schwarz-Weiß-Editorial: eine leuchtend gelbe Löwenzahnblüte wächst aus dunklem Betonboden vor grauer Mauer — die einzige Farbe im monochromen Bild als Metapher für Freude als Widerstand und Defensive Joy in dunklen Zeiten.

Es gibt einen neuen Begriff, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Defensive Joy. Freude als Verteidigungsstrategie. Gegen die Angst. Gegen den Hass. Gegen die Kälte, die sich gerade so unverschämt in unsere Welt schleicht.

Gehört habe ich ihn in der Podcast-Episode „Elon's Email Power Grab, What to do & Why to have Joy" des Podcasts We Can Do Hard Things. Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird: Wir brauchen genau das. Wir müssen unsere Freude verteidigen.

Wir leben in Zeiten, in denen demokratische Grundwerte ausgehöhlt werden, in denen der Rechtsruck nicht mehr nur ein Schatten am Horizont ist, sondern bereits mitten in unseren Wohnzimmern steht. Fake News verzerren die Realität, Ungerechtigkeit wird als Normalzustand verkauft, Solidarität gestrichen. Gerechtigkeit? Diversität? Schutz von Frauen? DEI? Alles angeblich „woke Ideologie", die man „neutralisieren" muss. Wer sich für andere einsetzt, wird verhöhnt. Wer sich gegen Diskriminierung stellt, wird angegriffen. Wer nach Empathie ruft, gilt als schwach.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn wir haben etwas, das uns niemand nehmen kann: Freude.

Freude ist radikal. Freude ist Widerstand. Freude ist die Energie, die uns trotz allem am Leben hält.

Deshalb ist es gerade jetzt unsere Aufgabe, Freude aktiv zu verteidigen. Indem wir sie nicht als belangloses Beiwerk betrachten, sondern als das, was sie ist: Eine Haltung. Ein Statement. Ein politischer Akt.

Defensive Joy ist die bewusste Entscheidung, trotz allem freundlich zu sein

Freude bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu verschließen. Ganz im Gegenteil. Defensive Joy ist die bewusste Entscheidung, trotzdem das Leben zu feiern. Trotzdem gemeinsam zu lachen. Defensive Joy ist das, was uns Menschen verbindet, wenn sie uns spalten wollen. Sie ist das Gegengift gegen das Gift der Angst.

Und das beginnt im Kleinen. In der Art, wie wir unsere Kolleg:innen behandeln. In einem freundlichen Wort an der Supermarktkasse. In dem bewussten Gestalten von schönen Momenten für unsere Familie, unsere Freund:innen, unsere Nachbarschaft. In dem bewussten Akt, nicht mit dem Strom der Verbitterung zu schwimmen, sondern dem Ganzen etwas entgegenzusetzen. Lächeln. Teilen. Zuhören. Miteinander sein.

Denn wer Freude verbreitet, gibt Kraft. Wer Freude verbreitet, gibt Hoffnung. Und wer Hoffnung gibt, baut Brücken statt Mauern.

Vielleicht ist das unsere wichtigste Aufgabe in diesen Zeiten: Dass wir einander nicht verlieren. Dass wir die Menschlichkeit nicht verlieren. Dass wir die Freude nicht verlieren. Und dass wir sie verteidigen. Mit allem, was wir haben.

Was sagt die Wissenschaft?

Freude als Resilienzfaktor

In der Psychologie gilt Freude als einer der wichtigsten Resilienzfaktoren überhaupt. Nach Barbara Fredricksons Broaden-and-Build-Theorie helfen positive Gefühle, unseren Handlungsspielraum zu erweitern und innere Ressourcen aufzubauen. Eine Untersuchung nach 9/11 zeigte: Positive Emotionen wirken in Krisenzeiten wie ein Puffer gegen Depression und fördern persönliches Wachstum.

Resiliente Menschen nutzen aktiv Humor und andere freudvolle Strategien, um sich von Stress zu erholen. Positive Emotionen helfen ihnen, schneller „zurückzuschwingen". Auch kleine Freuden im Alltag schaffen kurze Atempausen, in denen sich Körper und Geist erholen. Gemeinsames Freudeteilen — etwa das Feiern kleiner Erfolge im Team — vertieft soziale Bindungen und fördert Vertrauen. Psycholog:innen sprechen von einem Aufladungseffekt: Freude gibt uns mehr Energie und Zuversicht, um schwierige Zeiten zu überstehen.

Kollektive Freude als sozialer Kitt

Der Soziologe Émile Durkheim prägte den Begriff der collective effervescence, kollektiver Ekstase: In rituellen Versammlungen beobachtete er einen überschäumenden gemeinschaftlichen Enthusiasmus, der Individuen zu einer Einheit verbindet. Solche Momente können sich fast heilig anfühlen, weil alle das Gefühl haben, Teil von etwas Größerem zu sein.

Barbara Ehrenreich zeigt in Dancing in the Streets, wie kollektive Freude von Stammesritualen bis Woodstock Gemeinschaften belebt und ihnen neue Kraft gab. Moderne Studien bestätigen: Synchron erlebte positive Emotion — beim gemeinsamen Singen, Tanzen oder Sport — erhöht das Wir-Gefühl und lädt die einzelne Person mit Sinn und Energie auf.

Freude als politischer Akt

Aktivist:innen sprechen vom Konzept „Joy as an Act of Resistance" — Freude als bewusste Strategie des zivilen Ungehorsams. Und tatsächlich fürchten autoritäre Regime die subversive Kraft der Freude: Diktaturen haben immer wieder Musik, Tanz und Feiern verboten, weil sie wissen, dass kollektive Freude eine antreibende Kraft besitzt, die starre Kontrolle untergräbt.

Historische Beispiele sprechen Bände. Die Singing Revolution im Baltikum (1987–1991): Hunderttausende Est:innen, Lett:innen und Litauer:innen versammelten sich zu Massensingen patriotischer Lieder — und trugen so friedlich zur Unabhängigkeit ihrer Länder bei. Die polnische Orange Alternative der 1980er Jahre forderte das Regime mit absurden, fröhlichen Happenings heraus: kleine Zwerge mit Zipfelmütze als Graffiti über übermalte regimekritische Parolen, karnevaleske Straßendemonstrationen in Kostümen. Ihr Slogan: „Sto lat radości" — Hundert Jahre Freude.

Der Kulturwissenschaftler Michail Bachtin betonte am Beispiel des Karnevals, dass ausgelassenes Lachen ambivalent und befreiend wirkt — es verspottet die bestehende Ordnung und behauptet zugleich eine lebensbejahende Gegenwelt.

Freude im Protest erzeugt einen Raum für Gemeinschaft und Kreativität, der repressiven Strukturen etwas entgegensetzt.

Von Arendt bis Audre Lorde

Hannah Arendt beschrieb das Konzept der öffentlichen Glückseligkeit: die intensive Freude, die Menschen empfinden, wenn sie gemeinsam handeln und ihre Stimme erheben. Audre Lorde nennt in ihrem Essay „The Uses of the Erotic" die innere Freude eine Quelle der Macht und Information für Unterdrückte. Damit Unterdrückung funktioniert, muss sie diese Energiequellen verzerren oder unterdrücken. Insbesondere patriarchale Gesellschaften hätten die Freude der Frauen — Sinnlichkeit, Kreativität — systematisch entwertet. Freude zurückzugewinnen bedeutet deshalb, Zugang zu einer eigenen Kraftquelle zu finden.

Philosophisch lässt sich das mit Spinoza denken: In seiner Ethik definiert er Freude (laetitia) als Gefühlszustand, der das „Vermögen zu handeln" steigert. Übertragen auf die Gesellschaft heißt das: Kollektive Freude erhöht die Handlungsfähigkeit und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Sie fördert Kooperation, Vertrauen und gemeinsamen Sinn — und entzieht spaltenden Tendenzen und Extremismus den Nährboden.

Freude als Überlebensstrategie

Die ergreifendsten Beispiele stammen aus den dunkelsten Zeiten. Während der Belagerung von Sarajevo (1992–1995) weigerten sich die Eingeschlossenen, ihre Menschlichkeit aufzugeben — sie gründeten mitten im Krieg ein Filmfestival. Das Sarajevo Film Festival, das 1993 startete, wurde zum Akt des kulturellen Widerstands: Trotz Granathagel versammelten sich die Menschen, um Filme zu schauen, zu lachen und ihre Kultur zu feiern.

Auch der KZ-Überlebende und Psychiater Viktor Frankl berichtet, wie er und andere Häftlinge sich gezielt Humor „antrainierten" als seelische Waffe zur Selbstbehauptung.

„Humor war eine weitere Waffe der Seele im Kampf um's Überleben." — Viktor Frankl

Für wenige Sekunden konnte ein Witz die Häftlinge innerlich über die grausame Lage erheben. Sogar Miniatur-Momente von Glück gab es: Frankl schildert den „Freudentanz" der Gefangenen, als ihr Transport nicht ins gefürchtete Vernichtungslager Mauthausen fuhr, sondern „nur" nach Dachau. Diese winzige Erleichterung löste inmitten des Elends echten Jubel aus — ein Beleg dafür, wie selbst unter extremster Repression Freude als psychologische Überlebensstrategie aufblitzen kann.

Ein Lächeln, ein Lied, ein gemeinsames Lachen können Menschen helfen, ihre Würde zu bewahren und Widerstand zu leisten, wenn alles andere entzogen wird.

Freude ist keine Flucht. Freude ist Verantwortung.

Defensive Joy ist deshalb keine naive Kuschelidee, kein Wellness-Reflex, kein Wegschauen. Sie ist eine der ältesten und wirksamsten Strategien, mit denen Menschen sich gegen Angstregime, Vereinsamung und innere Kälte behaupten. Sie ist anstrengend. Sie kostet Mut. Und sie ist genau deshalb kostbar.

In einer Zeit, in der Zynismus als Erwachsensein durchgeht und Empörung als Haltung verkauft wird, ist Freude vielleicht das Radikalste, was wir tun können. Sie ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie ist unsere Antwort darauf.

Weiterlesen zum Thema Haltung, Menschlichkeit und Resilienz in einer überforderten Zeit: Im Grunde gut – oder im Grunde bescheuert?, Resilienz ist kein Gummiband und Man kann nicht denken, wenn man es eilig hat.

Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich

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