Magazin/Künstliche Intelligenz
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Das „Halluzinieren" von KI ist zutiefst menschlich

KI halluziniert – und wir? Reden auch einfach so drauf los, ohne Faktencheck, dafür mit viel Fantasie. Über die menschlichste Eigenschaft überhaupt und einen KI-Spiegel für unser eigenes Denken.

Cinematisches Schwarz-Weiß-Editorial-Foto im Profil: ein menschliches Auge, dessen Oberfläche wie ein Spiegel wirkt. In der Pupille spiegelt sich eine unmögliche, traumhafte Form, die in feine Partikel zerfließt, als würde Fantasie in die Realität sickern. Ein einzelner dünner warm-goldener Lichtriss läuft wie eine Träne vom unteren Augenlid herab — die einzige Farbe im monochromen Bild. Metapher für Halluzination, menschliche Vorstellungskraft und die verschwommene Grenze zwischen Wahrnehmung und maschinell erzeugter Fiktion.

Künstliche Intelligenz halluziniert. Und wir so? Reden doch auch einfach so drauf los. Ohne Faktencheck, und ziemlich oft mit ziemlich viel Fantasie. Kaum fragt uns jemand etwas, das wir nicht wissen, passiert eines von zwei Dingen: Entweder murmeln wir verlegen ein „Puh, keine Ahnung …" oder – und das ist die Königsdisziplin – wir erfinden einfach was. Elegant, plausibel, manchmal totaler Quatsch, aber immer mit einer gewissen Überzeugung.

„KI halluziniert", sagen wir dann vorwurfsvoll und empört, wenn ChatGPT oder Copilot uns mal wieder Unsinn ausspucken. Aber seien wir ehrlich: Wer hat nicht schon mal in einer Diskussion einfach ein vermeintliches „Faktum" aus der Luft gegriffen, um nicht ganz dumm dazustehen? Dass KI halluziniert ist doch eigentlich die menschlichste Eigenschaft überhaupt …

Die Kunst des menschlichen Halluzinierens

Es gibt da dieses soziale Phänomen: Man will nicht unwissend wirken. Also füllt man die Wissenslücke mit irgendwas. So entstehen Aussagen wie:

  • „Ja klar, die Pyramiden wurden mit Hilfe von Alien-Technologie gebaut, stand neulich irgendwo!"
  • „Also ich hab gehört, dass Spinat doch gar nicht so viel Eisen enthält, weil da mal ein Komma verrutscht ist!"
  • „Napoleon war super klein. Ja, unter 1,50 m oder so!"

(Das Internet so: Nein, nein und nein.)

Aber egal. Denn wir machen das nicht absichtlich. Unser Gehirn ist ein assoziatives, pattern-matching-Wunderwerk. Es setzt Bruchstücke zu einer kohärenten Geschichte zusammen – ob sie stimmt oder nicht. Ein bisschen wie ein Autokorrektur-Textgenerator auf Speed.

Auch interessant: Von 500.000 Euro zu 5.000 Euro: Was KI für Gründer & Plattformen (und die Eventbranche) wirklich verändert.

KI als Spiegel unseres eigenen Gequassels

Jetzt setzen wir uns hin und spotten über KI, die angeblich „halluziniert". Aber was macht sie? Sie tut exakt das, was wir auch tun: Sie vervollständigt, extrapoliert, füllt Lücken mit Wahrscheinlichkeiten.

Fragt man eine KI: „Wie hieß der Hund von Albert Einstein?" – dann kann es passieren, dass sie antwortet: „Sein Hund hieß Lumpy."

Lumpy! Total erfunden. Aber auf eine charmante Weise logisch. Denn Einstein hatte viele Tiere. Und „Lumpy" klingt absolut nach einem Namen, den ein exzentrischer Wissenschaftler seinem Hund geben könnte.

Ist das ein Fehler? Oder ist es einfach eine Art automatisierte Plausibilitätsbehauptung? Das menschliche Gehirn macht nichts anderes: Es sucht nach Mustern, ergänzt Lücken, und manchmal (oft) liegt es dabei daneben. Siehe auch Symbiotic Work: Wie Teams aus Menschen und KI-Agenten die Arbeit der Zukunft prägen.

Warum wir KI für Fehler kritisieren, die wir selbst ständig machen

Hier ein Experiment: Stell dir vor, du bist auf einer Party und ein smarter Typ erzählt: „Wusstest du, dass es in Schottland eine offizielle Einhorn-Population gibt?"

Vielleicht denkst du im ersten Moment: Moment mal … klingt komisch, aber hey, Schottland ist mystisch genug. Könnte sein?

Und dann hörst du dich selbst sagen: „Ja klar! Die wurden doch im 19. Jahrhundert dort angesiedelt … oder so."

Ups. Und da haben wir es wieder: Eine kleine, unbewusste Halluzination. Kein böswilliger Fake, sondern eine soziale Funktion. Wir ergänzen, vervollständigen, weil unser Gehirn lieber eine schlüssige Geschichte hat als eine Lücke.

Wenn eine KI das tut, nennen wir es „halluzinieren" und ärgern uns. Wenn ein Mensch es tut, nennen wir es „gut improvisiert".

Auch interessant: Verlage gegen die Zukunft: Warum KI-Verbot der Untergang ist.

Was wir von KI lernen können: Ein bisschen mehr Demut

Vielleicht ist die eigentliche Erkenntnis nicht, dass KI halluziniert, sondern dass wir es selbst ständig tun. Nur, dass wir unsere Halluzinationen als „Meinungen", „Vermutungen" oder „gefährliches Halbwissen" tarnen.

Also, wenn das nächste Mal jemand sagt: „Diese KI kann man nicht ernst nehmen, die erzählt manchmal Blödsinn!", dann können wir ruhig zurückfragen: „Ja und? Machst du doch auch."

Denn am Ende ist KI eben nur eins: ein Spiegel unseres eigenen Denkens. Und ehrlich gesagt – manchmal ist es doch auch ganz schön lustig, oder? Wer sich fragt, was das für den Alltag mit KI-Antworten heißt, findet mehr Gedanken dazu in Tech Literacy & Prompt Literacy: Warum wir lernen müssen, mit Maschinen zu denken – bevor sie für uns denken und Wissen war mal Macht: Heute ist Macht, nicht zu verblöden.

Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich

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