Das großartigste und wertvollste Unternehmen der Welt hat keinen Chef: Unser Körper

Was wir von unserem Körper über Unternehmensstrukturen
und Führung lernen können


Hat der Körper einen Chef? Es gibt so Fragen, die ploppen manchmal einfach auf. Und dann sind sie da und lassen einen nicht mehr los. Also: Hat der Körper einen Chef? 

Ich überlege. Wer hat im Körper das Sagen? Ist es das Hirn? Ist es das Herz? Der Darm? Die Wissenschaft erkennt ja derzeit, dass unser Darm unser zweites Hirn ist. Ist es der Penis? Ähm. Okay. Hier ist die Antwort leicht: Ja. Beim Mann ist der Penis der Chef. Ganz klar und eindeutig. Höhö. Gnihihi. Bitte geben Sie an dieser Stelle das Lesen aufgrund des niedrigen Niveaus nicht auf! Im letzten Drittel wird der Artikel höchst sachlich und seriös. Versprochen. 

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Je mehr ich überlege, desto klarer wird: Der Körper hat keinen Chef. Der Körper braucht keinen Chef. Der funktioniert einfach. Ist das nicht großartig? Ich bin total begeistert.

Das großartigste und wertvollste Unternehmen der Welt braucht keinen Chef. Und alle Beteiligten machen trotzdem mit. Warum brauchen dann also Unternehmen Chefs? Chefs, auch nichts weiter als eine Ansammlung von Zellen. Mitarbeiter ebenso. Wenn die Ansammlung von Zellen und Organen (= Mensch) von allein funktioniert, warum klappt dann die Ansammlung von Ansammlung von Zellen und Organen (also wenn mehrere Menschen zusammen sind) nicht aus sich selbst heraus? 

Management by Biologie, Management by Zellplan: Was können wir für Unternehmen und Führung daraus lernen? Oder worüber können wir zumindest mal nachdenken? Und uns inspirieren lassen? 
 

 

1. Jeder hat sein eigenes Warum, und doch haben alle eine gemeinsame Mission

Jede Zelle, jedes Organ, sie alle sind ihre eigenen Sub-Unternehmer. Sie alle haben ihr eigenes Warum (Siehe auch Simon Sinek und seine berühmte These "Start with Why"), und doch ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Mission. 

Je mehr ich darüber nachdenke, desto ohnmächtiger fühle ich mich, bin fassungslos über dieses wundervolle Ding, diesen Körper, der einfach funktioniert, und in dem ich hier sitze und einfach mal schreibe. Ich sehe, wie meine Finger in die Tastatur hacken, ich sehe, krass, ich sehe! Ich atme, nicht, weil ich atmen will, sondern weil mein Körper einfach atmet. Ich höre den Stadtlärm draußen, weil mein Körper so konstruiert ist, dass ich hören kann. Ob ich will oder ich nicht. Ich höre. Ich merke, dass ich Hunger bekomme. Und später, wenn ich was esse, wird mein Körper genau wissen, was mit meinem Mittag-Essen anschließend zu tun ist. Ist das der Hammer, oder ist das der Hammer?! Körper, du geiles Ding! Du hast es echt drauf! Und wer ist überhaupt dieses Ich? Ist ICH der Chef? Puh, meine Synapsen rauchen.
 

2. Jeder ist unabhängig, und doch auf den anderen angewiesen. 

Individuelle Freiheit und Gemeinschaft müssen sich nicht ausschließen. Im Gegenteil. Jede noch so kleine Zelle ist ihr eigener Chef. Jeder kleine Pups-Zelle hat ihre ganz spezielle Aufgabe und Mission, ihre eigenen Stärken. 
 

3. Misch dich nicht in die Angelegenheiten der anderen ein

Jedes Organ kümmert sich um seinen eigenen Kram, um doch als Ergebnis das große Ganze zu ermöglichen. Das könnten wir doch mal dem Nachbarn erzählen, wenn der sich wieder in unsere Mülltrennung einmischen will, oder? 
 

4. Vertrauen

Jeder ist auf jeden angewiesen. Jede Zelle, jedes Organ „weiß“, wenn die anderen Mist bauen, ist Schicht im Schacht. Dann rappelts im Gebälk und das reibungslose Zusammenspiel ist gestört. Was nützt das beste Herz, wenn die Niere keinen Bock hat? Das Zusammenspiel klappt so gut, weil sich jeder auf den anderen verlässt. 
 

5. Wenn jeder weiß, was zu tun ist und warum, braucht es keinen Chef, keine Meetings, kein Motivieren

Aber es muss doch jemanden geben, der die Ansagen macht! Ich habe plötzlich Bilder im Kopf (Und wer macht das, dass ich plötzlich Bilder im Kopf habe? Wer ist der Erinnerungs-Bibliothekar und liefert die genau passenden Illustrationen für Gedanken? Auch darüber habe ich schon mal nachgedacht, und zwar HIER), Bilder aus der Kinderserie „Es war einmal … das Leben“. Gab es da einen Boss? Nee. Irgendwie nicht. Das Gehirn wird zwar immer wieder als die Schalt- und Kommandozentrale dargestellt, auch in anderen Filmen, wie z.B. im Pixar-Film „Alles steht Kopf“, aber wer bedient es? Bei „Alles steht Kopf“ sind es die verschiedenen Emotionen. Abgesehen davon, dass ich wirklich nicht hoffe, von Emotionen, den kleinen Biestern, gesteuert zu werden, gab es aber auch hier keinen Chef. 
 


Aber irgendeiner muss das doch bedienen! Aber da sitzt niemand. Es bedient sich selbst. Und plötzlich habe ich, bekennende Atheisten-Uschi, ein ungeheuerliches Wort im Kopf: Gott! Oh mein Gott! Es ist Gott! Ähm. Nein. Beziehungsweise, keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Es übersteigt meinen intellektuellen Horizont. 

Gott! Oh mein Gott! Es ist Gott!
— Mein Hirn, denkend

Fakt ist aber: Da sitzt definitiv kein Boss-Futzi im grauen Anzug und macht den Obermacker. Keine zickige Sekretärin. Keine Angestellten. Es gibt keine zeitraubenden Meetings, wo die Lunge dem Darm weismachen will, wie der Darm seine Arbeit zu erledigen hat. Es gibt kein Mobbing, keine Hierarchien. Man muss jede der 100 Billionen Zellen (Fuck! Krass!) noch nicht mal motivieren! Die brauchen keine Incentives, kein Zückerchen, und für die Masochisten auch keine Bestrafungen und Drohungen, um in Gang zu kommen. Die machen einfach. Jeder macht einfach seinen Job. Einfach so. 


Aber ohne Chef? Geht das? Das macht man doch nicht! Es gab und gibt doch immer Chefs, Könige, Kaiser, Päpste, Machthaber. Ohne geht´s doch nicht. Ja, weil wir es nicht anders kennen. Haben wir schon immer so gemacht. Aber haben wir es je ausprobiert? 

Könnte man das wirklich auf Management-Themen übertragen? Man könnte zumindest darüber nachdenken. Und landet schnell bei Themen wie selbstorganisierende Systeme und Autonomie

Es gibt tatsächlich zwei moderne Managementlehren, die sich auf diese naturwissenschaftlichen Prinzipen stützen – Holarchie und Heterarchie

Bei der Holarchie besteht die Ordnung darin, dass die einzelnen Teile (Holon) in sich ein Ganzes bilden und gleichzeitig als Teil in einem größeren Ganzen aufgehoben sind. Die Teile entwickeln sich in Übereinstimmung mit der größeren Ganzheit und die Ganzheit übereinstimmend mit ihren Teilen. Eben genau wie Zellen in unserem Körper, die für sich eine Ganzheit und gleichzeitig Teil eines Organs sind. 

Was heißt das für Unternehmen? Entsprechend den Aufgaben und Herausforderungen baut die Organisationsstruktur flexibel auf selbstorganisierende Entscheidungsfindungsprozesse und Koordinationsmechanismen auf. 

Heterarchische Unternehmensmodelle gehen noch weiter. Sie wurden als Reaktion auf die immer komplexer werdenden Anforderungen an international tätigen Unternehmen entwickelt, die, um erfolgreich zu bleiben, ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit aufweisen müssen. Dies kann wiederum nur durch außerordentliche Kreativität, Flexibilität und Eigeninitiative der Mitarbeiter erreicht werden. Die Lösung ist hier: Polyzentrische Netzwerkorganisationen. In diesen gibt es mehrere Entscheidungszentren (keine Chefs!), die autonom und gleichzeitig im Kooperationsmodus interagieren. 
 

Merkmale heterarchischer Organisationen sind u.a.: 

  • Die Wahrnehmung der Organisation als Ganzes ist Grundlage der Selbstorganisation ( = Zelle > Organ > Körper) Alle Mitarbeiter haben eine Stimme, die gehört wird. (Jeder Zelle, jeder Einzelne ist wichtig!)
  • Die Koordination wird von gleichberechtigten, voneinander unabhängigen Entscheidungsträgern hergestellt, und Entscheidungen werden auf der Basis von Verhandlungen in gegenseitiger Übereinkunft gefällt.
  • Die Entscheidungsfindung beruht auf der Basis von Transparenz und Zugänglichkeit zu allen wesentlichen Informationen. (Jede Zelle trägt den Bauplan vom großen Ganzen in sich - und kümmert sich doch „nur“ um „ihren Job“. Aber sie „weiß“, wofür es gut ist.) 
  • Toleranz: Zusammenarbeit von Individuen (Zellen) in pluralistischen Teams (Organe) mit der dazu erforderlichen Bereitschaft, trotz Verschiedenheit an einem großen gemeinsamen Ziel (Körper) zu arbeiten. 
  • Geteilte Verantwortung, gleiche Wichtigkeit: Menschen, Erde, Universum sind lebendige Organismen, jeder Mensch darin eine einzigartige Zelle, verbunden mit anderen einzigartigen Zellen. Und jeder ist einzigartig und wichtig in diesem großen Zellverband.
  • Hierarchien werden immer wieder neu gebildet, entsprechend den anstehenden Aufgaben und Fähigkeiten der Personen, die bei der Lösung der Aufgabe mitwirken. (Ist der Körper krank, werden andere Prozesse aktiviert als im gesunden Zustand). So werden starre Strukturen aufgebrochen, Hierarchien bleiben, werden aber je nach Aufgabe, Sinn und Warum immer wieder neu gebildet. Zeit und Ressourcen raubende Machtkämpfe werden vermieden. Jeder ist wichtig, jeder ist gleichberechtigt. 
  • Bereitschaft und Fähigkeit, in einer Gruppe (Familie, Freunde, im Unternehmen, in einer Organisation) der Mittelpunkt zu sein (jede Zelle ist für sich) und trotzdem das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren (Aufgabe im Gesamt-Organismus) und ebenso die Fähigkeit und Bereitschaft, andere als ihren eigenen Mittelpunkt anzuerkennen


Damit das funktioniert, sind Menschen gefragt, die in sich selbst Zugang haben, komplett sind, und mit einem weiten Geist und einem weiten Herzen ausgestattet sind. Also weg von Ellenbogenkultur und Machtkämpfen (Man stelle sich mal vor, die Niere würde gegen das Kniegelenk mobben! „Ich bin was besseres!“) hin zum Verständnis, dass die Menschheit und mit ihr das ganze Universum ein einziger Organismus ist. Trauen wir uns deshalb an neue Formen der (Zusammen)arbeit. **  

Weg mit den Chefs? Naja, nein. Nicht zwingend. Aber: Hinterfragen wir bestehende Systeme und Strukturen. Probieren wir Neues aus.