Prognosen sind für´n Arsch - und warum wir uns trotzdem krampfhaft an ihnen festhalten

Das Leben ist ja genau deshalb so wahnsinnig aufregend und uns kirre machend, weil wir in einem ständigen Widerspruch leben. Es ist der Konflikt, alles kontrollieren zu wollen, aber rein gar nichts kontrollieren zu können. Wahrscheinlich lacht das Universum und macht sich vor Kichern in die Buchse, wenn es uns hilflose Würmchen dabei beobachtet. 

Dinge geschehen, wie sie geschehen. Ob man dabei nun an den Zufall glaubt, an Schicksal, Vorhersehung oder einen lieben Gott, der das alles so plant, ist eigentlich schnurzpiepegal. Sie geschehen halt, warum auch immer. #achselzuck

Wie die Dinge passieren, können wir selten vorhersagen oder kontrollieren. Ob das nun die Entwicklung einer Firma ist, Businesspläne, Kindererziehung, Liebe, Beziehungen, Aktien-Indizes, ob ein Buch ein Bestseller wird oder nicht – egal was, wir haben es nicht in der Hand. Zumindest nicht zu 100%.

Wir können natürlich die Zutaten liefern – Fleiß, Disziplin, Arbeit, Vision, Glaube, Liebe und Hoffnung reinstecken – aber das allein ist keine Garantie für Erfolg. Denn wenn wir unsere Zutaten in den Topf schmeißen, kommt noch eine ordentliche Portion Unvorhersehbarkeit (bestehend aus Leben, Chaos, Gewusel, Zufall, Umstände, Pech, Glück) dazu. Manchmal kommt was bei rum, das Menü schmeckt und gelingt. Manchmal wird es pfuibäh, und das ganze landet in der Tonne. Da können wir noch so viel aus dem ersten Zutatenblock reingeben (Fleiß, Disziplin, Arbeit, Vision, Glaube, Liebe und Hoffnung) und rühren und nachwürzen bis zum Getnomore, wenn die Portion Unvorhersehbarkeit nicht damit harmoniert, dann wird es nichts. 
 

Wir sind Effizienz-Monster. Die Angst haben.
Keine gute Kombi. 


Das soll nicht bedeuten, dass alles egal ist. Nach dem Motto, dann brauche ich mir ja auch für gar nichts mehr Mühe geben. Auch hier ein einfaches Bild: Wenn ich gar nichts in den Topf schmeiße, was passiert dann? Richtig. Gar nichts. Und es gibt nichts zu futtern. Natürlich müssen wir handeln, Dinge tun. Logisch. Aber nur weil wir handeln, heißt das noch nicht automatisch, dass die Ergebnisse unserer Handlungen immer die von uns gewünschten sind.

Und genau das macht uns so kirre. Wir sind Effizienz-Monster. Wir wollen unsere Energie (Zeit, Geld, Grips etc) nicht umsonst für etwas verpulvern. Warum? Weil wir Schiss haben. Angst. Woher kommt aber diese Angst? Angst ist nichts anderes als eine Überlebensstrategie. Angst schützt uns vermeintlich davor, was doofes zu tun. 

Es gibt genau drei Urängste: Angst vor Misserfolg, Angst vor Überanstrengung, Angst vor sozialer Zurückweisung. Machte damals in der Steinzeit alles Sinn. Verliere ich den Kampf mit dem Tiger, habe ich nichts zu futtern und genieße keinen Schutz durch die Gruppe, stehe ich ziemlich blöde da. Also gehe ich als Höhlen-Otto lieber kein Risiko ein, strenge mich nicht übermäßig an, wenn es nicht unbedingt sein muss und tue alles dafür, dass die Gruppe mich mag. Und genau diese Ängste dominieren uns heute noch: 
 

  • Angst vor Misserfolg ➡ Bloß keine Fehler machen. 
  • Angst vor Überanstrengung ➡ Alles muss uns leicht fallen und immer gleich funktionieren. 
  • Angst vor sozialer Zurückweisung ➡ Alle müssen uns mögen. Ich muss es jedem recht machen.
     

Und das verrückte: Diese Ängste „befruchten“ sich gegenseitig. Aber im negativen Sinne. Wer Fehler macht, riskiert, von der Gruppe (Kollegen, Familie, Freunde, Gesellschaft, Chef, Partner) ausgestoßen zu werden. Wenn etwas nicht gleich funktioniert, ist es ein Fehler. Und die Gruppe lacht und schließt uns wieder aus. Wer Fehler macht, hat sich umsonst angestrengt. Und so weiter. 

Also sitzen wir ganz schön in der Klemme. Denn da trifft unser Einsatz wieder auf das Unvorhersehbare. Kann klappen. Muss aber nicht.

Kleiner Einschub: Man kann ja alles so herrlich und wunderbar auf die Steinzeit schieben. Denn warum sind wir alle so entsetzlich überfordert mit der Frage nach dem Sinn des Lebens? Warum treibt uns das so um? Warum suchen wir, und finden so selten? Weil wir gar nicht dafür gemacht sind! In der Steinzeit ging es nur ums Überleben. Futtern, Schlafen, Vögeln, Nachwuchs zeugen, irgendwie halt einfach nur überleben. Wir waren so mit Überleben beschäftigt (Nahrung finden, Tiger bekämpfen), dass wir gar keine Zeit hatten, dem ganzen die Sinnfrage zu stellen. Außerdem war nach spätestens 30 bis 40 Jahren sowieso Game over. Schicht im Höhlenschacht. Viel älter wurden wir nicht. Und jetzt? Jetzt werden wir doppelt so alt. Mindestens. Und verdammte Scheiße, was machen wir jetzt nur mit der ganzen Lebenszeit? Fuck! Unser Hirn ist noch ein Steinzeit-Hirn. Das braucht mal dringend ein Update. 

Deshalb trauen wir uns so oft nicht. Ob im Job. Im Business. Im Privatleben. Wir sind Schisser. Wir können es nicht aushalten, dass wir nie wissen, ob sich unser Einsatz lohnt. Weil unser Steinzeit-Hirn uns davor warnt. Ob es Engagement im Job ist, ob es eine Erfindung ist, sich auf seinen eigenen Weg zu machen, das Schreiben eines Buches, oder ob es einfach nur darum geht, die hübsche Brünette auf der Party anzusprechen. Wir können es nicht ertragen, nicht zu wissen, was passiert. Wir können es nicht ertragen, keine Kontrolle zu haben. Denn wenn wir wüssten, was passiert, hätten wir sowas wie eine Garantie. Und eine glasklare Entscheidungshilfe: Wenn wir wissen, dass es klappt, machen wir. Wenn wir wissen, dass es nicht klappen wird, lassen wir mal schön die Finger davon. Wäre das Leben nicht toll und herrlich? Und so schön einfach? Wir hätten alles unter Kontrolle! 

Und damit wir alles unter Kontrolle haben, vermeintlich, tricksen wir uns selbst aus. Darin sind wir ja ganz gut. Uns selbst was vorzumachen. Dafür haben wir auch ein super Tool: Prognosen.

Die Prognose , aus dem griechischen von prognosis, ist das Vorwissen oder die Voraus-Kenntnis. Also eine Vorhersage oder Voraussage über Ereignisse, Umweltzustände oder Entwicklungen in der Zukunft. Von anderen Aussagen über die Zukunft (z. B. Prophezeiungen) unterscheiden sich Prognosen durch ihre Wissenschaftsorientierung, sprich, mansagt die Zukunft mit Hilfe wissenschaftlich anerkannter Methoden voraus. 
 

Zukunft, dieses schwarze Loch der Ungewissheit des nächsten Momentes, lässt sich nicht prognostizieren.


Echt jetzt? Glauben wir wirklich, dass das funktioniert? Ja, wir können die Vergangenheit erklären. Aber die Zukunft niemals garantieren. Egal, wieviel wir wissen, egal, wieviel Erfahrungen wir haben. Zukunft, dieses schwarze Loch der Ungewissheit des nächsten Momentes, lässt sich nicht prognostizieren. Und wenn wir einen IQ von 5000 haben. Es passiert, was passiert. 

Was wir natürlich können, im Jetzt genau hinzuschauen, die Vergangenheit analysieren und daraus ableitend verschiedene Szenarien entwerfen, was in Zukunft passieren könnte. Oder auch nicht. Aber das ist eben auch nur ein „Variante a) versus Variante b) versus Variante c)“ - Spiel. Welches uns genauso wenig Garantie über das Eintreffen eines bestimmten Ergebnisses gibt. Wir hätten zumindest schon mal potentielle Ergebnisse vor Augen und könnten darauf basierend unsere Entscheidung treffen. Aber der Faktor Unvorhersehbarkeit kann immer noch zig weitere Varianten produzieren, die wir so gar nicht auf dem Schirm haben. Weil Chaos. Weil Leben. Weil es zu jeder Sekunde Millionen und Abermillionen Möglichkeiten gibt (dazu auch mein Blogbeitrag Millionen Optionen). Und genau das macht uns so hilflos und ohnmächtig. Und genau deshalb boomt die Ratgeber-Branche. Weil wir orientierungslos sind. Weil wir Angst haben (siehe oben). 

Prognosen sind ein prima Tool, um sich intensiv mit einer Sache auseinander zu setzen. Denkbare Möglichkeiten durchzuspielen. Um besser zu verstehen. Aber sie sind keine Garantie und nehmen uns auch keine Verantwortung ab, denn auch das Undenkbare kann passieren. Warum? Keine Ahnung. Es ist die Zukunft. Ich weiß halt einfach nicht, warum was wieso passiert. Things just happen, because things just happen. 

Als Absicherungs-Tool sind Prognosen wiederum absurd. Will man sich zum Beispiel als Firma Geld leihen, ob bei Banken oder Investoren, müssen Business-Pläne noch und nöcher geschrieben werden. Worst Case, Best Case, Realistic Case. Die basieren wiederum auf den Erfahrungen und Entwicklungen der Firma in der Vergangenheit und stützen sich wiederum auf andere Prognosen, die die Entwicklung des jeweiligen Marktes, der Branche oder des Produktes vorhersagen wollen. Erstellt von Experten, dietatsächlich so mutig sind, in die Glaskugel zu schauen. Und weil sie darin nichts sehen können, sich eben was ausdenken, was man sehen könnte. Und damit das nicht auffällt, alles schön in vielen Zahlen, Grafiken und Ehrfurcht weckendem Business-Blabla verpackt. Niemand traut sich zu sagen: „Wissen Sie was, Herr Banker, ich habe keine Ahnung, wo unsere Firma steht in 3 Jahren. Ich kann es nichtvorher sagen. Ich kann Ihnen nur von unserer Vision erzählen, wo wir hin wollen. Wie wir das erreichen wollen. Und ich kann Ihnen versichern, dass wir uns genau dafür den Arsch aufreißen werden. Weil diese Firma unser Leben ist, unser Baby. Aber ob das alles so klappt? Keine Ahnung. Es gibt Faktoren, die können wir nicht beeinflussen. Vielleicht haben wir Glück. Vielleicht haben wir Pech. Wissen Sie was, finden wir es doch einfach zusammen raus. Mit Hilfe Ihres Investements/Ihres Kredits.“
 

Quelle: MEDI LEARN

Quelle: MEDI LEARN

Das Argument dagegen? WAS?! Das hat noch nie einer so gemacht. Das macht man doch nicht! Warum eigentlich nicht? Einfach mal ausprobieren. Das Ergebnis wäre nämlich exakt das gleiche. Ob mit Businessplan oder ohne: Manche Projekte klappen. Manche fahren gegen die Wand. Gegen´s an die Wand fahren hilft auch kein Businessplan. Und ein Businessplan garantiert wiederum auch keinen Erfolg. Man stelle sich mal diese Aussage von Steve Jobs oder Richard Branson oder Elon Musk oder anderen Mega-Erfolgsfutzies vor: "Und, was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?" - "Nun, wir hatten wirklich immer ganz tolle Business-Pläne! Gut, dass wir da soviel Arbeit reingesteckt haben, und uns nicht so viel auf Forschung und Entwicklung und einfach mal machen und tun konzentriert haben!". Unvorstellbar und ziemlich albern, oder? Eben. That´s the point!  


Statt dessen werden die Firmen an ihrer Arbeit gehindert, gehindert daran, ihre Vision zu verwirklichen, indem man sie triezt, monatelang an Business-Plänen zu arbeiten, die das Unvorhersehbare vorher sagen, am besten auch noch garantieren sollen. Diese Business-Pläne liegen dann bei den Banken und den Investoren. Die Aufgrund dieser Prognosen ihre Entscheidung treffen. Meistens auch noch über zig Hierarchien und Instanzen hinweg. Warum? Um sich abzusichern. Weil sie selbst Angst haben (siehe oben). Angst, einen Fehler zu machen, Jobverlust, Angst vom Chef oder Aufsichtsrat einen auf den Deckel zu kriegen und so weiter. Statt Eigenverantwortung zu übernehmen, stützt man sich auf die Prognosen. Und kann im Falle des Nichteintretens des gewünschten Ergebnissen mit dem Finger darauf zeigen. „Ich kann nichts dafür! Der Business-Plan, die Prognose, der Experte hat was ganz anderes vorher gesagt!“. Ach so. Na dann. Dann biste natürlich fein aus dem Schneider. Weil sich keiner traut, ohne Sicherheitsnetz und doppelten Boden einfach mal loszumarschieren.

Natürlich können Prognosen richtig sein und alles kann so eintreffen wie vorher gesagt. Aber das ist dann mehr das Gesetz der Mathematik. Zufall. Wahrscheinlichkeit. Glück. Roulette. 

Einer der bekanntesten Prognose-Zweifler ist der US-amerikanische Psychologe Philip Tetlock. In seinem Buch „Superforecasting“ zeigt er Wege und Möglichkeiten, um bessere Entscheidungen zu treffen, auch wenn wir nie wissen, wie die Zukunft aussehen wird. Denn auch das hat er in einem zwei Jahrzehnte andauernden Forschungsprojekt belegt: Er untersuchte die Prognosen von 284 Kommentatoren zu politischen Sachverhalten. Die Experten sollten die Wahrscheinlichkeit des Eintretens und Nichteintretens verschiedener Szenarien vorhersagen. Bis 2003 hatte er 82.361 Vorhersagen gesammelt. Diese Vorhersagen wurden mit der Realität sowie mehreren anderen Vorhersagen von einfachen statistischen Modellen, uninformierten und informierten Laien verglichen. Die Experten schnitten kaum besser ab als informierte Laien. Experten sind nicht besser als „normale Menschen“, was Prognosen angeht. Sprich, aufwendige Prognosen, nur zum Zweck, die Zukunft vorherzusagen, sind also für die Katz. Da kann man genauso einen Affen fragen. Was ja auch schon gemacht wurde. z.B. Krake Paul als Orakeltier bei der Fußball-WM 2010. 
 


Aber wie können wir nun mit dieser doofen Zukunft, die einfach nicht in einen kontrollierbaren Sack rein passt, besser umgehen? Wie können wir unsere Ängste ausschalten?

Bestseller-Autor Rolf Dobelli („Die Kunst des klaren Denkens“, „Die Kunst des klugen Handelns“) bringt es in diesem spannenden Interview ganz wunderbar auf den Punkt: Seiner Meinung nach sind wir an Wissens- und Erkenntnisgrenzen angekommen, was vor allem unser Menschsein betrifft. Wir verstehen Quantenphysik, aber kaum uns selbst. „Es gibt kein Recht darauf, die Welt verstehen zu müssen“, sagt er. Und wir denken, wir müssten alles verstehen. Weil wir alles kontrollieren wollen. Weil wir Garantien haben wollen. Aber nee. Is nich. Müssen wir nicht. Brauchen wir nicht. Ist das nicht ein befreiender Gedanke? 
 

Sometimes you win. Sometimes you lose. 


Hier geht es also mit Ideen zu komplexen Systemen weiter. Das Unvorhersehbare nicht einkalkulieren, denn es ist nicht einkalkulierbar, weil es eben unvorhersehbar ist. Aber das Unvorhersehbare akzeptieren. Sich damit abfinden, dass es keine Garantie gibt, wir nicht alles kontrollieren können. 

Das einzige, was wir kontrollieren können, ist aber die Art und Weise, wie wir damit umgehen, darauf reagieren (an dieser Stelle einen schönen Gruß an die Stoiker, die das schon vor zig Jahren erkannt haben). Es ist Eckharts Tolles JETZT (Link), es ist Zen, es ist Loslassen. 

Die drei essentiellen Aspekte der stoischen Philosophie: „Steuere deine Wahrnehmungen. Führe deine Handlungen angemessen aus. Akzeptiere, was außerhalb deiner Macht liegt.“ Das ist alles, was wir tun müssen.

Denn genau dafür können wir die Verantwortung übernehmen. Zu sagen, Jawoll, das ertrage ich. Und trotzdem sich was trauen, trotzdem Risiken eingehen, trotzdem Fehler machen dürfen. Denn das einzige, was wirklich sicher ist, und dafür gibt es eine hieb- und stichfeste Prognose, die immer, wirklich IMMER eintrifft: Sometimes you win. Sometimes you lose.

Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.
— Kurt Marti, Schweizer Schriftsteller & Pfarrer

Und davon mal abgesehen, dass Prognosen für´n Arsch sind (auweia!), wollen und brauchen wir diese Vorhersehbarkeit wirklich? Ehrlich jetzt? Wäre das Leben wirklich herrlich? Vorhersehbarkeit schafft Langeweile. Wenn wir ganz ehrlich sind, brauchen und wollen wir den Kick. Das Abenteuer. Stapfen wir uns Ungewisse. Also: Hallo Zukunft! Egal, wie du aussiehst, ich komme! 

MEHR DAZU:

Video: Rolf Dobelli über Denkfehler und die Grenzen des Wissens HIER

Buch: „Superforecasting – Die Kunst der richtigen Prognose“ von Philip Tetlock HIER

Video: Predicting the future: A lecture by Philip Tetlock HIER

Buch: Der tägliche Stoiker: 366 nachdenkliche Betrachtungen über Weisheit, Beharrlichkeit und Lebensstil HIER