Kill your dreams - warum Träume auch mal platzen dürfen, um glücklich zu sein

Wir alle haben diese Ideal-Vorstellung davon, wie es wohl wäre, all unsere Wünsche und Träume zu verwirklichen. Wie oft hören wir „Träume nicht Leben, lebe deinen Traum!“. Hachja. 

Wir haben diese Wunschbilder in unseren Köpfen, die von Gedanken wie „Wenn ich erst mal das und das habe oder bin, dann bin ich glücklich!“ begleitet werden. Die Traumbeziehung. Die Traumwohnung. Der Traumkontostand. Der Traumbody. Das Traumkind. Der Traumjob. Das Traumleben. Das Traumhaus. Der Traumpartner. Und so weiter.

Ungeschriebenes Gesetz: Träume dürfen nicht angezweifelt werden. Sie leuchten und glitzern gülden mit Heiligenschein. Ungelebte Träume wabern permanent im Hirn herum, geben Hoffnung und spornen an. Und erzeugen gleichzeitig enormen Druck. 

Und wenn einer es schafft, seinen Traum zu verwirklichen, dann wird er gefeiert. Juhu, du hast es geschafft! Herzlichen Glückwunsch und willkommen in deinem Traum! Und jetzt sei aber auch verdammt noch mal glücklich!

Aber was, wenn man feststellt, dass sich so ein Traum als Alptraum erweist? Was, wenn man sich unter Mühen und Ächzen einen Traum erarbeitet hat, und dann ist das alles nicht so, wie man sich das vorgestellt und in pastelligen Glitzerfarben ausgemalt hat?

Im stern 28/2017 schildert der Autor Tobias Schmitz genau so eine Odysee ("Trautes Heim. Glück. Allein." S. 68ff) Der Autor und seine Familie lebten mitten in Hamburg, in einem lebendigen, trubeligen Viertel. Aber: Sie sehnten sich, wie sicher 80% aller Deutschen, nach dem eigenen Häuschen im Grünen. Die Ruhe. Die Natur. Der eigene Garten. Hach, wat schön muss dat doch sein! Als sie es nach langer, nervenaufreibender Suche endlich hatten, verursachte genau das aber nur Stress: Plötzlich für alles verantwortlich sein. Instandhaltung, Garten, Gehweg und Co. Die langen Wege in die Stadt, die Kinder zur Schule bringen, selbst zur Arbeit hetzen, und das immer in Stress und Stau. Jeden Tag. Früher aufstehen müssen, später nach Hause kommen. Abends nichts mehr mit Freunden unternehmen, weil der Aufwand zu groß ist, nochmal in die Stadt zu fahren. Einfach von der ständigen Stau-Termin-Fahrererei-Hetze erschöpft sein. Das Haus gar nicht genießen können. Glücksgefühle wollten sich bei Tobias Schmitz und seiner Familie partout nicht einstellen. Kein Heimatgefühl. Kein Angekommen-Happy-Gluckern im Bauch. Im Gegenteil. 

Was die Sache aber noch viel schlimmer machte: Die eigenen Erwartungen. „Aber wir müssen doch jetzt happy sein, oder?“. Und die der anderen: „Boah, habt ihr´s gut! Ein Haus im Grünen!“. 

To make a long story short (leider gibt es den Artikel nicht online zum Verlinken, deshalb bei Lese-Interesse siehe Fotos, unbedingt lesen, großartig!): Der Autor und seine Familie entschieden sich nach ca. einem Jahr, die Kartons wieder zu packen, das Haus zu verkaufen und wieder mitten ins pralle, laute Leben in die City zurück zu ziehen. Um dort das zu finden, was schon längst da war: Heimat. Angekommen sein. Richtig sein. Glücklich sein. Es versteckte sich nur an einem Ort, an dem gar nicht gesucht wurde, weil so ein doofer Traum vorschreiben wollte, es woanders suchen und finden zu müssen. 

Träume sind keine Heiligen. Und keine Diplomaten mit Diplomaten-Pass, die überall machen dürfen, was sie wollen. Träume sind nicht unfehlbar. Auch so ein Traum kann und darf sich mal irren und verirren. Uns in die Irre leiten. Aber wir sind diejenigen, die den Weg gehen, mit ´ner Laterne in der Hand. Wir dürfen alles ausleuchten, hinschauen. Und wenn es uns nicht gefällt, Licht aus und umdrehen. Denn Träume sind auch keine Einbahnstraßen. Träume dürfen und müssen ausprobiert werden. Aber eben auch geschlachtet und zu Grabe getragen, wenn sie nicht passen. 

Manchmal stellt man fest, dass ein Traum doch nicht zu einem passt. Ja. Ist Scheiße. Und ja. Schönreden kann man sich die Enttäuschung und den Frust auch nicht. Aber was man kann, (fast) immer: Umdrehen. Zurück gehen. Woanders hingehen. Stoppen. Aufhören. Und dazu darf man den Mut haben. Getroffene Entscheidungen rückgängig machen, vor allem Entscheidungen wie ein Haus, das gekauft wurde, in das eigezogen wurde, mit allem Zeit-, Energie- und Finanzaufwand, der damit verbunden ist, das ist eine harte Nummer. Und ich will nicht wissen, wieviel Frust und Tage und Nächte voller Zweifel und Hin und Her diese Familie durchgemacht hat.  Aber vielleicht ist das auch genau das Abenteuer ihres Lebens gewesen, von dem man noch Jahre am Abendbrottisch erzählen wird. Und irgendwann nur noch die Lacher und der Stolz überwiegen wird. „Wißt ihr noch, als wir unserem Traum vom Haus mal so richtig schön in den Arsch getreten haben? Gnihiihiii!“. 

Tagein, tagaus hören wir Durchhalte-Parolen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Ey, wer sagt denn das?! Ja, klar, es gibt Situationen, da ist Durchhalten angesagt. Genauso wie es Situationen gibt, wo nur eins richtig ist: Stop. Die große Kunst im Leben ist es nun, hier entscheiden zu können. Den Gaul weiter reiten oder absteigen? (Siehe dazu auch mein Artikel „PIVOTING - die radikale Umkehr von Geplantem“) Was bei dieser sicher nicht ganz einfachen Entscheidung immer hilft, ist das Bauchgefühl. Die Intuition. Wie fühlt es sich an? Der Autor konnte ganz klar sagen: Das neue Leben, das vermeintliche Traumleben fühlte sich doof an, schwer, stressig. Das neue, alte Leben fühlte sich wieder gut an, leicht und bunt. Also alles klar wie Kloßbrühe. Wir müssen halt nur hinhören. Hinsehen. Hinfühlen. 

Der Artikel ist so mutig, denn letztlich geht es auch hier um nichts anderes als ums Scheitern. Niemand gibt gern zu, gescheitert zu sein. Am Scheitern und wieder aufstehen wachsen wir, jaja, wissen wir alle aus der Motivations- und Erfolgsliteratur. Blablabla. Was aber nichts daran ändert, dass sich Scheitern Scheiße anfühlt. Und am scheißigsten fühlt sich Scheitern an, wenn man über seine eigenen Erwartungen, seine eigenen Ideal-Vorstellunge stolpert und mit seinem eigenen Traum auf die Fresse fliegt. An den eigenen Traumerfüllungs-Erwartungen scheitern. Autsch.

Ein Haus kaufen, raus ins Grüne ziehen, um danach doch wieder zurück in die Stadt zu ziehen: Das macht man doch nicht! Das kannste doch nicht machen! Doch. Na klar. Warum nicht? It´s your life. 

Und überhaupt, das ganze gibt einem ja auch Gelegenheit, Lebensträume von der Stange einfach mal zu hinterfragen. Warum sagen alle, eine Familie mit Kindern muss an den Stadtrand, raus ins Grüne? Wer sagt das? Und wer belegt, dass das besser ist? Sitzt man da nicht einfach einem gängigen Klischee auf? Weil alle es so machen? Als Familie mit kleinen Kindern mitten im Kiez? Das macht man doch nicht! Doch. Na klar. Warum nicht? Ist doch jedem selbst überlassen. Alles hat Vor- und Nachteile. Und jeder darf entscheiden, was für ihn persönlich zu den Vor- und Nachteilen gehört. Zu dem Thema war meine Familie sogar auch schon mal „Testimonial“ für die Zeitschrift „Rheinkind“, die sich mit der Frage „Stadt oder Land?“ intensiv auseinander setzte. (Artikel HIER LESEN

Der Autor ist nämlich gar nicht gescheitert. Im Gegenteil. Er und seine Familie haben durch einen Umweg heraus gefunden, wohin sie gehören und wo und wie sie wirklich leben wollen. Manchmal muss man Bekanntes verlassen, um festzustellen, dass das, was man hatte, schon perfekt war und ist. Man seinen Traum schon längst lebte, es aber gar nicht merkte. Sie haben gelernt, dass man auch mal was ausprobieren darf. Dass Entscheidungen nie endgültig sein müssen, wenn wir sie nicht dazu verdonnern. Dass wir keine Angst haben brauchen vor unserer eigenen Courage. Dass es völlig egal ist, was die anderen sagen. Das zurück zu rudern manchmal lebensnotwendig ist, wenn vorne die Stromschnelle wartet. Das ist Freiheit. 

Und genau das muss gefeiert werden! Ich habe den Autor beim Lesen innerlich gefeiert. Danke, Tobias Schmitz, dass Sie diese so wichtige und lehrreiche Erfahrung und Erkenntnis mit der Welt geteilt haben. Wieviel Mut gehört dazu, zu sagen, ich habe meinen Traum verwirklicht, aber der ist Scheiße. Ich will den gar nicht. Sich das erst mal selbst einzugestehen und ist schon schmerzlich. Und dann das allen anderen, Family, Friends, Kollegen, Nachbarn verklickern. Die ätzenden Ratschläge und Kommentare und fiesen Blicke ertragen müssen. Puh. Das braucht Cojones inne Buxe. 

Herr Schmitz, Sie sind ein echter Rulebreaker. Ein Vorbild. Und davon brauchen wir viel, viel mehr.