Ein Wort, das wieder salonfähig gemacht werden sollte: Widerstandsgeist

Es gibt eine Eigenschaft, die haben kleine Kinder uns Erwachsensenen voraus: Widerstandsgeist. Niemand kann eine andere Meinung so wunderbar aushalten wie ein Kind. Wenn Mama etwas verbietet, bockt das Kind sehr ausdauernd und lustvoll und ist sich nicht zu blöd dafür, alle Registerdes Widerstandskampfes zu ziehen. 

Wenn ein Kind sich etwas in den Kopf setzt, was nicht unbedingt in den Plan der Eltern passt, dann werden diese so lange damit genervt, bis sie irgendwann entweder nachgeben. Oder total ausflippen. 

„Wenn ich was nicht will, dann muss ich das auch nicht machen“, ist das Selbstverständnis, mit dem zum Beispiel mein Sohn aufwächst. Andersrum gilt die Chose natürlich auch. „Wenn ich etwas will, dann bekomme ich das auch.“ Das hat er sich im Übrigen selbst so zurecht gelegt. Denn von mir hat er das nicht. Ich versuche ihm zu erklären, dass man schon manchmal Dinge einfach „muss“, auch wenn man sie nicht will. Mich nervt zum Beispiel Einkaufen gehen total. Hab´ ich versucht, ihm das anhand dieses Beispiels zu erklären. „Wenn ich nicht mehr einkaufen gehen würde, hätten wir nichts zu essen im Kühlschrank. Also gehe ich einkaufen, obwohl ich darauf keine Lust habe.“ Schaut mich mein 5-Jähriger nur kurz an, und sagt dann „Aber wir können doch einfach Essen bestellen und dann bringt uns jemand das.“ Wir bestellen einmal die Woche was bei Foodora. Da hat er gut aufgepasst. Ja, es könnte so einfach sein. Und in gewisser Weise hat er ja auch recht. 

Warum müssen wir eigentlich so viel, was wir nicht wollen, frage ich mich. Und mir fallen Sprüche aus meiner Kindheit ein, mit denen ich aufgewachsen bin, wie „Das Leben ist kein Zuckerschlecken“ oder „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. 

Ich bin in der DDR aufgewachsen, und da wurde Widerspruch schon mal per se nicht gedulded, schon gar nicht von einem Kind. Das ganze System war darauf ausgerichtet, dass brave Genossen und Genossinnen einfach nur gehorsam sind. Politische Meinungen wurden schon im Kindergarten vorgebetet („Der Westen ist ganz böse!“, „Der Sozialismus ist das einzig Wahre und Gute!“) und jeder, der es wagte, zu hinterfragen, oder anderer Meinung zu sein, wurde bestraft und geächtet. In der ersten Klasse hatte ich zwei Mitschülerinnen, Simone und Sarah, die durften an ganz vielen Aktivitäten nicht teil nehmen, zum Beispiel an den Pionier-Nachmittagen, bei denen für das sozialistische Vaterland gebastelt wurde und man dabei sowjetische Kinderlieder hörte. Simones Eltern waren nämlich nicht in der Partei, der SED, und Sarahs Eltern waren in der Kirche. In der Kirche zu sein und/oder nicht der SED anzugehören war damals in der DDR Widerstand par Excellence. Und dafür wurden nicht nur die Eltern mit allerlei Schikanen bestraft, nein, auch die Kinder. Sie gehörten nicht dazu, und uns anderen, braven folgsamen Kindern mit den braven folgsamen Eltern, wurde so auf eindrückliche Art und Weise gezeigt, was es heißt, eine eigene, nicht System-konforme Meinung zu haben: Du wirst ausgeschlossen. Und das war noch die harmlose Variante. 

Uns Kindern in der DDR wurde also schon von Anfang an unser uns eigentlich kindlicher angeborener Widerstandsgeist systematisch aberzogen. Damit aus uns mal brave, gehorsame, systemtreue DDR-Bürger werden, die die Macht der wenigen Funktionäre nicht gefährden. 

Und schaut man genau hin, tun wir heute eigentlich auch nichts anderes. Wir wollen Kindern ihren Widerstandsgeist so schnell wie möglich aberziehen. „Mach, was ich dir sage!“. „Sei leise!“. „Sei brav!“ Weil sonst droht Ungemach. Sonst gibt´s Ärger im Kindergarten. Ärger in der Schule. Du hast schlechte Noten und Beurteilungen. Du bekommst keinen Job. Oder zumindest keinen guten. Funktioniere halt einfach und sei brav. 

Will ich jetzt für renitente Ein-Fall-für-die-Supernanny-Kinder plädieren? Nein, natürlich nicht. Wäre im Alltag auch echt anstrengend. Widerstandsgeist ist auch nicht mit „Bockigkeit“ zu verwechseln. Widerstandsgeist ist vielmehr die Fähigkeit, sich in Widerstand zur Mehrheit zu setzen. Mit eigenen Ideen und Überzeugungen. Es geht also nicht darum, einfach nur mit bockiger Miene und verschränkten Armen „NEIN! Ich bin dagegen!“ zu rufen. Sondern zu lernen, für seine Meinung, Haltung und Überzeugung einzustehen. Argumentieren lernen. Lernen, auszuhalten, dass man auch mal allein dasteht. 

Googelt man den Begriff „Widerstandsgeist“, erhält man erstaunlich wenige Ergebnisse. Die meisten Ergebnisse fallen mit dem Begriff „Resistance“ zusammen und dem wagemutigen, heimlichen Kampf gegen die Nazis Anfang des 20. Jahrhunderts. Widerstandsgeist war zu diesen Zeiten hoch riskant und lebensgefährlich. Also nicht verwunderlich, dass sich zu wenige trauten. 

Und heute? Brauchen wir wirklich mehr Widerstandsgeist? In Zeiten, in denen man das Gefühl hat, dass sich eh alle schon ständig und permanent die Köppe einschlagen, jeden gegen jeden kämpft, Veganer gegen Fleischesser, Mütter gegen Karrierefrauen, alt gegen jung, dick gegen dünn, Laktose-Futzis gegen Gluten-Futzis? 

Ja, brauchen wir. Denn Widerstandsgeist bedeutet auch, alles Vorhandene zu hinterfragen und das Aufspüren des (Noch-)Möglichen. Es ist das gelebte Motto „Geht nicht? Gibt´s nicht!“ 

Es bedeutet auch, sich mutwillig selbst zu widersprechen. Es bedeutet Perspektivenwechsel. Die einen sagen vielleicht: „ „Es ist wie es ist, und meine Meinung hat Bestand für die nächsten 100 Jahre.“ Kluge Widerstandsgeister sagen jedoch „Hm. Auch dort könnte man stehen, und auch an meinem heutigen Standpunkt könnte sich etwas ändern.“ *

In den USA und in England wird Widerstandsgeist in Debattierclubs geübt und trainiert, schon in Schulen mit Jugendlichen. Die Teilnehmer bekommen Themen und eine Meinung, die sie vertreten sollen. Auch wenn sie persönlich anderer Meinung sind. Aber so lernen sie nicht nur zu argumentieren, sondern auch, es auszuhalten, anderer Meinung als die Mehrheit zu sein. Und sie lernen, es kann nichts schlimmes passieren, anderer Meinung zu sein, und dafür zu kämpfen. 

Brauchen wir mehr Widerstandsgeist in Unternehmen? Ja, unbedingt! Noch werden Schüler und Studenten zu Gehorsamsrobotern ausgebildet. Brav machen, was der Lehrer oder der Chef verlangt. Brav funktionieren. Nicht anecken. Sonst ist der Job in Gefahr. Aber die Zeiten ändern sich. Jedes Geschäftsmodell kann jederzeit durch eine disruptive Entwicklung ersetzt bzw. regelrecht platt gemacht werden. Alles ist schnell, extrem schnell. Eigene Ideen und Meinungen sind gefragt. Unternehmen brauchen Innovationen am Fließband. Und genau dafür braucht es Mitarbeiter, die bestehende Systeme hinterfragen, sich einbringen mit ihren Ideen und dafür kämpfen. Auch gegen Wider- und Vorstände.

Wir brauchen Widerstandsgeist, um gegen die besorgniserregenden aktuellen politischen Entwicklungen weltweit zu kämpfen. Wir sind nur viel zu bequem geworden. Die eigentlich klugen, smarten Menschen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihrem eigenen Optimierungswahn, mit ihrem Veganismus, ihrem Freeletics-Shapen ihres Bodies, ihrem Erfolg. Haltung und Stellung gegen die AfD beziehen zum Beispiel, wirklich aktiv werden, das ist gefragt. 

In den USA entwickelt sich gerade massiver Widerstand gegen den amtierenden Präsidenten Trump. Millionen Menschen organisieren sich in Gruppen, planen gemeinsam Aktionen, die sie dann auch durchführen. Trump lernt gerade, dass er das Land nicht wie sein Immobilienreich führen kann. "Kein einzelner kann die Flammen austreten. Aber vielleicht können es die Millionen." (Zitat stern vom 16.02.2017). 

  • Bob Ferguson, Justizminister des Staates Washingtons, reichte gegen Trumps Einreise-Verbot für sieben Staaten Klage ein. Mit Erfolg. Das Präsidentendekret wurde gestoppt. Trumps erste Niederlage. 
  • In Trumps eigener Partei wächst der Widerstand. 
  • Ehemaliger Mitarbeiter demokratischer Abgeordneter haben eine Anleitung für den Widerstand gegen Trump liefert: "Unteilbar - ein Leitfaden zum Widerstand gegen Trump". Rund 1,5 Millionen mal wurde es bisher gedownloaded. 
  • Ein ganzer Staat steht im Widerstand gegen Trump: Kalifornien. Es widersetzt sich kategorisch gegen alle Maßnahmen und Regeln des Präsidenten. "Wir sind dabei, den ganzen Staat zu einem Sanctuary State zu erklären. Zu einem Zufluchtsstaat. Zu einem alternativen Amerika", sagt Polo Morales, politischer Direktor eines Beratungszentrums für Migranten. 
  • 100 große Unternehmensgiganten, darunter Apple, Facebook, Google, beziehen klar Stellung gegen Trumps Politik. 
  • Auf dem Twitter-Kanal @Rogue POTUS Staff werden Interna aus dem Weißen Haus veröffentlicht, die Trumps rüden Umgang mit seinen Mitarbeitern entlarven und was er sonst noch empörendes und verstörendes jeden Tag fabriziert. 
  • Mitarbeiter von Ministerien lassen durchsickern, dass sie Trumps Politik und Anweisungen massiv durch Bürokratie behindern und vertrauliche Informationen durchsickern lassen werden.** 

Nun mögen die bequemen Menschen vielleicht resigniert denken "Aber was soll das bringen, Trump wird Präsident bleiben." Nun, man wird sehen. Ein Argument, deshalb die Füße still zu halten, ist das aber nicht. Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. 

stern Artikel vom 16.02.2017 über den Widerstand in den USA gegen Präsident Trump

stern Artikel vom 16.02.2017 über den Widerstand in den USA gegen Präsident Trump

 

DAS-MACHT-MAN-DOCH-NICHT & RULE-BREAKER-FAKTOR: HOCH

  • Wir sind so erzogen, bloß keinen Ärger zu machen und immer schön zu funktionieren. Widerstandsgeist ist eigentlich nicht gewünscht. 
  • Aber du musst doch machen, was die anderen (dein Lehrer, deine Eltern, deine Chefs) dir sagen! Nein, musst du nicht. 
  • Unternehmen müssen erkennen, dass sie „widerspenstige“ Mitarbeiter brauchen um voran zu kommen
  • Widerstand ist nie sinnlos, auch nicht, wenn er sich vermeintlich aussichtslos anfühlt (Trump): Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. 

 

* Aus dem Buch "Silicon Valley" von Christoph Keese
**  Alle Infos aus dem stern-Artikel "Im Widerstand" vom 16.02.2017