Das Baby von Freunden hässlich finden

Bild: Til Mette, im stern vom 15.12.2016

Bild: Til Mette, im stern vom 15.12.2016

Es gibt ein unausgesprochenes Gesetz: Babys sind immer niedlich oder süß oder schnuckelig oder zumindest dutzidutzidutziwutzi. Ein Baby kann sozusagen gar nicht hässlich sein. Denn ein Baby ist ein Baby ist ein Baby und das ist nun mal per se süß. Basta und Amen, keine Widerrede und kein Pardon.

So, und wenn Sie, aufgrund der vielen Alltagssünden, die ich so begehe, eh nicht schon längst von mir denken, ich sei der unmoralischste und kaltherzigste und gemeinste Menschauf dieser Welt, dann werden Sie spätestens jetzt genau diese Meinung annehmen. Denn ich gebe unumwunden zu, dass weiß Gott nicht alle Babys dieser Welt mit Schönheit und Anmut gesegnet sind – im Gegenteil, ich finde, richtig hübsche Babys (die zuckersüßen herzerweichenden Exemplare mit Strubbellocken und großen Kulleraugen, die wir aus der Pampers-Werbung kennen) gibt es echt selten. Die meisten Babys sind, Entschuldigung und mit Verlaub, pottenhässlich: Knautschgesichter, Kanisterköppe, Schrumpelfüße, Sabberheinis, Furzknollen. Ich darf das übrigens sagen, ich habe selbst ein Baby zu Hause.

Bekannte von uns haben vor einiger Zeit ein Baby bekommen. Als sie die ersten Fotos ihres Lieblings per Email rumschickten, lachte sich mein Teufelchen halb kaputt. Es prustete ungeniert los: „Guck dir dieses Baby mal an! Das ist ja das hässlichste Baby, das ich je gesehen habe!“ Das Engelchen intervenierte sofort: „Das darfst du nicht sagen! Das ist absolutes Tabu! Jedes Baby ist ein Wunder und jedes Baby ist wunderschön!“. Das Teufelchen lachte nur noch mehr: „Also wenn das Baby wunderschön ist, dann ist eine Kartoffel ein Diamant“. Mit schlechtem Gewissen klickte ich die Babybilder wieder weg. „Auweia“, entfuhr es mir noch. Ja, definitiv hätte dieses Baby beim Casting zu GNTB – Germany´s next TopBaby – keinen Blumentopf gewinnen können. Es war irgendwie riesig, hatte einen feisten Gesichtsausdruck und war mir auf den ersten Blick irgendwie total unsympathisch. „Wie kann man dein Baby unsympathisch finden?“ fragte mich mein Engelchen schier entsetzt ob meines Abwehrverhaltens diesem kleinen unschuldigen Wesen gegenüber. „Ja, man kann!“, gebe ich trotzig zurück. Es gibt tatsächlich Babys und Kinder, wo ich sofort denke „Bist du Scheiße, ich kann dich nicht leiden.“ Politisch nicht korrekt, aber die Wahrheit. Unerzogene, dümmliche Gören gehören dazu, sowie dicke Kinder und feiste unförmige Babys. Hach, was bin ich gemein.

Generell verstehe ich nicht, warum Eltern Fotos von ihrem Neugeborenen der breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Erstens sehen wenige Tage alte Babys immer schepp aus, alles noch ganz verschrumpelt und verknautscht, und zweitens sehen alle frisch angekommenen Erdenbürger tatsächlich irgendwie gleich aus.  Ist halt ein Baby, so what, Stimmung, Jubel und Konfetti.

Jedenfalls stand bei besagten Bekannten einige Tage später dann der berühmt-berüchtigte Baby-Erstbesichtigungstermin an. Gewappnet mit einstudiertem seligen Lächeln auf den Lippen und einem Welcome-Plüschtier (das wahrscheinlich 47te, welches der neue Erdenbürger von einfallsreichen Schenkern überreicht bekam) unterm Arm begrüßten wir den Winzling überschwänglich. Ich hatte insgeheim gehofft, dass das Baby vielleicht nur auf den Fotos so unschön daher kam, aber ich sollte umsonst hoffen. Meine Schauspielkünste waren also gefragt. Denn da lag er nun, der kleine hässliche, dicke Wurm (Ich bin echt sowas von gemein, und mir tut es auch ehrlich leid!). Mein babybegeisterter Mann stürzte sich gleich auf ihn, nahm ihn an sich und knuddelte und herzte ihn, dass es nur so krachte. Mein Mann juchzte „Och, ist der süß, der ist ja süß, hach, ist der süß!“, und so weiter und so fort. Er kriegte sich gar nicht mehr ein. „Schau mal Schatz, wie süß der ist!“, und dann hielt er mir den Knubbel unter die Nase, und ich musste einstimmen in das Gesäusel: „Ja, herzallerliebst, ja sag mal, bist du ein feiner Kleiner! Hach, und so süße kleine Fingerchen!“. Ich konzentrierte mich auf die Fingerchen, denn wenn man den Rest ausblendete, waren die Fingerchen wirklich niedlich. Jedenfalls war ich völlig konsterniert angesichts der Überschwänglichkeit der Begeisterungstiraden meines Gatten und fragte mich, ob er das wirklich ernst meinte. Und so dutzelten wir noch eine Weile herum, und bescheinigten den stolzen Eltern, dass sie da wirklich ein ganz entzückendes Menschlein fabriziert hätten.

Als wir dann später wieder zu Hause waren, war mein Mann ganz beseelt vor Babyglück. Ich hatte mir vorgenommen, meine Abneigung gegenüber dem Baby für mich zu behalten, denn das warf wiederum ja kein gutes Licht auf mich (Menschen, die Babys doof finden, sind schlechte Menschen). Aber der Drang, einen fiesen, gehässigen Kommentar zu machen, war größer. Sie kennen das, wenn man bei Freunden war, später im Auto dann, sobald man um die Ecke gebogen ist, geht es mit dem Lästern los: „Also die Lisa ist echt ganz schön fett geworden“ oder „Boah ging mir der Carsten auf die Eier mit seinem ständigen Gerede über den Kapitalismus“ oder „Also der Nachtisch hat ja überhaupt gar nicht geschmeckt“. Und man kann gar nicht an sich halten und ergötzt sich regelrecht an den eigenen Gehässigkeiten. Jedenfalls platzte ich dann doch amAbendbrottisch mit einem „Duuuuuuhhhuuuu, fandest du das Baby vorhin wirklich so süß?“ heraus. Mein Mann guckte mich ganz verwundert an: „Äh, ja. Wieso?“ Und dann flüsterte ich beschämt, wohlwissend, dünnes Eis zu betreten: „Duuuuuhuuu, ich fand den voll hässlich.“ Und dann schaute mich mein Mann entgeistert an. Wahrscheinlich bereute er in dem Moment, mich geheiratet zu haben, denn der Teufel steckte in mir, ich war verdammt bis in alle Ewigkeit und er dachte sich wohl „Eine Frau, die Babys hässlich findet, ist keine Frau. Sie ist ein Monster!“ Und dann sagte er das, was alle sagen: „Aber Babys sind doch immer süß!“. Ich antwortete trotzig: „Also das Baby definitiv nicht!“. Dann  wechselte ich schnell das Thema, denn eine Scheidung aufgrund mangelnder Warmherzigkeit der Frau wollte ich dann doch nicht riskieren.

Leider wurde das hässliche Baby bis heute nicht wirklich ansehnlicher. Aus dem hässlichen Baby ist nun ein hässliches Kleinkind geworden. Und jedes Mal, wenn ich das kleine hässliche Kind sehe, ermahne ich mich selbst, die fiesen Gedanken beiseite zu schieben. Aber ich kann nicht. Das Teufelchen hampelt auf der Schulter herum und tönt ungeniert in der Gegend herum „Boah, ist der hässlich! Was für ein doofes Baby!“ Und ich kämpfe wahrlich dagegen an, ich versuche mir einzubilden, dass der kleine Matz doch nun wirklich süß geworden ist, aber es klappt einfach nicht. Ja, ich weiß, ich bin ein schlechter Mensch.

Übrigens gab mein Mann wenige Monate später zu, besagtes Baby eigentlich auch nicht wirklich so hübsch zu finden. „Hah! Ertappt!“, jubilierte ich innerlich und Genugtuung (wow, ein Wort mit zwei u´s hintereinander!) durchströmte mich.

Um das Thema noch abzurunden: Besonders heikel wird es ja noch, wenn ein hässliches Baby dann auch noch einen bescheuerten getunten Wir-sind-ja-total-kreativ-Namen bekommt. Wilma-Elisabeth. Rocco-Blue. Sie wissen schon. 
 

DAS-MACHT-MAN-DOCH-NICHT & RULE-BREAKER-FAKTOR: HOCH

  • Darf man Babys doof finden? Nein. Natürlich nicht. Und damit: Sowas von böse. Pfui. 
  • Darf man über andere lästern? Nein. Natürlich nicht. Und damit: Sowas von böse. Pfui. 

 

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