PIVOTING - Die radikale Umkehr von Geplantem

Im Buch „Silicon Valley“ von Christoph Keese (unbedingte Leseempfehlung!) habe ich zum ersten Mal den Begriff „Pivoting“ gelesen. Ich wunderte mich, dass mir der Begriff bis dahin noch nie begegnet war, ich vorher noch nie etwas davon gehört hatte. Dabei ist der Begriff ein echt alter Hut in der StartUp-Szene - und ich offensichtlich ziemlich yesterday. 

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Jedenfalls ist das keine neue fancy Sex-Praktik, denn irgendwie klingt es etwas danach, und ich muss mich an dieser Stelle für meine schmutzigen neuronalen Verknüpfungen entschuldigen. Pivoting im Management-Kontext bedeutet vielmehr die radikale Veränderung und Neuausrichtung von Geschäftsmodellen. „Pivoting“ heißt „Schwenken“. 

Alles über den Haufen werfen und neu anfangen. Das verlangt von Entscheidern und Team-Mitgliedern eine Menge ab. Kill your Darlings, diese Floskel kennt man unter Medien-Futzies und Autoren, zu denen ich auch gehöre, und bedeutet soviel, sich von geliebten Film-Szenen oder Text-Passagen, an denen man mitunter sehr lange gesessen hat, in die viel Zeit, Energie, Herzblut und mitunter auch Geld hineinflossen, zu verabschieden, sie rauszuschmeißen, um das große Ganze letztlich deutlich besser zu machen. 

Auch der berühmte tote Gaul spielt hier eine Rolle. Eine Weisheit der Dakota-Indianer besagt: „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!” Nun, die klugen Indianer haben natürlich Recht. Klar steig´ ich vom toten Gaul ab, alles andere wäre auch ziemlich bescheuert. Bei einem Pferd kann ich jedoch ziemlich genau und eindeutig erkennen, ob es lebt, oder eben nicht. Das ist easy. Und nun wahrlich keine Kunst. Aber wie so oft gestalten sich die Dinge im echten Business und wahren Leben etwas komplizierter. Ist eine Beziehung noch lebendig? Ist eine Firma noch tragfähig? Performt ein Produkt? Wie soll man hier entscheiden, ob etwas tot ist oder noch lebt? Wie soll man entscheiden, was richtig ist? Aufgeben, begraben, Neustart? Oder weiter kämpfen, durchhalten und das Projekt doch noch zum Erfolg führen? Was, wenn ich etwas zu früh aufgebe und es doch noch was geworden wäre, hätte ich nur weiter gekämpft? Und was, wenn ich zu lange Zeit, Energie und Geld in etwas investiere, das, aus welchen Gründen auch immer, einfach nicht überlebensfähig ist? Was ist riskanter – festhalten oder loslassen? 

Verzweifelt sucht das rationale Analyse-Dings-Bums in uns nach einer sicheren Methode mit Erfolgsgarantie. Wenn A = B, dann tue C. Wenn A nicht = B, dann tue D. Aber leider gibt es keine Methode und keine Anleitung, die dabei hilft, diese Entscheidungen zu treffen. Das einzige, was man tun kann, ist, sich zu entscheiden, und die Entscheidung ohne wenn und aber, ohne Zweifel und mit viel Mut durchzuziehen. Und dabei einkalkulieren, dass es a) die richtige Entscheidung sein kann und b) genauso gut die falsche. Und trotzdem weiter machen. Mut, Risikobereitschaft, Intuition sind gefragt. Und vielleicht hilft dabei der Gedanke, dass, egal, welche Entscheidung getroffen wird, diese die richtige sein wird. 

Aussichtslose, tricky und verzweifelte Entscheidungen? Nein. Denn es gibt ein Tool, eine Methode, die permanentes Pivoting in einem Prozess vorsieht. Den ständigen Schwenk-Kurs sogar fest mit einplant. Es ist die Methode des "Lean Start Up". Dazu in einem späteren Beitrag mehr. 

Irgendwie hat mich der Begriff „Pivoting“ elektrisiert. Schließlich wachsen wir auf mit der Maxime, Dinge durchziehen zu müssen. Einen Plan zu erstellen, und diesen stringent und straight abzuarbeiten und genau nach Vorgabe umzusetzen. Abweichungen sind nicht vorgesehen. Abweichungen dürfen einfach nicht sein. Wir sind so erzogen worden, brav auf fertigen Wegen zu wandeln. Den Rasen daneben dürfen wir nicht betreten. Der Tiefschnee abseits der Piste ist gefährlich. 

In der Tech-Branche ist „Pivoting“ bekannt. Wir sind gescheitert. Jetzt fangen wir eben ganz von vorne an. Vielleicht mit etwas ganz anderem. Dieser Ansatz beinhaltet auch, sich Scheitern selbst einzugestehen, den Mut zu haben, das Scheitern nach außen zu kommunizieren. Und es braucht eine ganze Menge Frustrationstoleranz, mit neuem Elan wieder neu zu starten. Und vielleicht auch mit etwas ganz anderem. 

Berühmte „Pivots“ aus der Tech-Branche: 

  • Wär hätte gedacht, dass YouTube, jaaaa, DAS YouTube, das größte Video-Suchmaschinen-Monster im Netz und mittlerweile Teil von Google,  am Valentinstag 2005 als Video-Dating-Website launchte? Der kecke Slogan damals: „Tune In, Hook Up“, was frei übersetzt „Schalt ein & reiß jemanden auf“ bedeutete. Die beiden Gründer bezahlten sogar Frauen, dass diese Videos von sich hochladen, um das Business in Gang zu bringen. Aber irgendwie haute das nicht hin. Irgendwann stellten die Gründer fest, dass ihre wenigen User viel besser wussten, was sie mit der Platform und der bis dato völlig neuen Möglichkeit, Videos ins Netz hochzuladen und zu veröffentlichen, anfangen wollten. Die User wollten einfach witzige, meist sinnlose Videos von sich selbst hochladen. Und so verabschiedeten sich die Gründer von ihrem Ursprungskonzept. Der Rest ist Geschichte. 
  • Twitter wurde ebenfalls 2005 geboren, allerdings als etwas ganz anderes. Es hieß damals Odeo und war eine Podcast-Such-und-Abo-Plattform. Der Short-Messaging-Dienst Twitter entstand damals firmenintern als kleines Nebenbei-Projekt. Der Rest ist, nun ja, Geschichte. 
  • Instagram war mal eine App, die die Gründer entwickelten, um Programmieren zu lernen. Die App war ziemlich konfus, enthielt Geotagging- und Games-Elemente, und niemand wusste genau, was sie eigentlich können sollte. Sie hieß Burbn, und wahrscheinlich war sie wirklich nur eine Test- und Ausprobiere-Spielwiese. Und wie der Zufall es wollte, entwickelten die Gründer auch eine integrierte Photo-App, die sie gesondert online stellten. Der Erfolg schoss alle aus den Socken. In wenigen Stunden hatte die Photo-App mehr User als Burbn im ganzen Jahr. Der Rest ist, nun ja, Geschichte. 
  • Von Non-Tech zu High-Tech: Nokia hat die spannendsten Wendungen hingelegt, und schließlich jedoch die letzte entscheidende Wende verpasst. 1856 eine Papiermühle, 1898 umgeschwenkt auf die Produktion von Gummi-Schuhen, bis 1967 diverse neue Geschäftsfelder, darunter Strom-Erzeugung und Kabel-Herstellung. Und dann: Weltmarktführer in Sachen Mobilfunk. Und jetzt? „Dank“ Apples iPhone weg vom Fenster. Vielleicht hatte Nokia einfach keine Kraft mehr für noch eine Wende. Zu viele Wenden machen schwindelig. Und dennoch berappelt sich Nokia gerade wieder, und versucht einen erneuten Angriff auf dem Markt. Totgesagte leben länger. 
  • Madonna! Madonna erfindet sich immer wieder neu. Und das sehr erfolgreich. Noch Fragen? 

(Quelle: https://www.washingtonpost.com/news/innovations/wp/2015/07/02/the-7-greatest-pivots-in-tech-history/?utm_term=.8794b8237c61


Das-Macht-Man-Doch-Nicht & Rule-Breaker-Faktor: HOCH

  • Die bequeme Piste wird verlassen. Es geht in den Tiefschnee daneben.
  • Fuck the plan: BWLer-Spießer-Denke „Aber unser Businessplan! Den müssen wir einhalten!“. Nein. Es geht nicht darum, den Plan zu beweisen. Sondern zu beweisen, dass das Unternehmen Lösungen für Probleme und Kundenbedürfnisse anbieten kann. Auch wenn diese sich ändern. 
  • Sicherheit adé. Es gibt keine Garantie. Für nichts. Risikobereitschaft ist gefragt. 
  • Kill your Darlings. Das in den Wind schießen, was man schon erarbeitet hat. Neu anfangen. 
  • Durchziehen und festhalten führt nicht immer zum Erfolg. 
  • Fehler zugeben >> Scheitern zugeben >> Neue Wege >> Kreativität >> Innovation

 

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