Urlaub + Kleinkind = Horror: Die große Urlaubslüge

Urlaub mit Kleinkind

 

Es gibt zwei Bereiche, in denen ziemlich viel gelogen wird und Idealvorstellung und Wirklichkeit so weit auseinander liegen wie Honolulu und Dortmund: Sex und Urlaub. Ersteres lasse ich mal so stehen. Und zweiteres: 

Ich habe dieses Jahr zweimal Urlaub machen dürfen, im Frühjahr eine Woche Urlaub auf Mallorca. Und im Sommer noch mal eine Woche Urlaub auf Sylt. Fazit dieser beiden Reisen: 
 

  • Urlaub? Erholung? Entspannung? Ähm, nein. 

  • Nirgends ist es schöner als zu Hause. 

  • Man schläft den ganzen Urlaub nicht so gut wie die ersten Nächte wieder zurück daheim. 


Natürlich posten wir alle bei Facebook tolle Bilder mit lachenden Kindern und lachenden Eltern vor neidisch-machender Urlaubskulisse. Aber ich verrate Ihnen jetzt mal was: Der Schein trügt! 

Aber sowas von! Das sind nur Momentaufnahmen von vielleicht 10% Urlaubsidylle. Die restlichen 90% sind nämlich Stress pur. Denn ich muss es sagen wie es ist: Aber Urlaub mit Kleinkind ist echt kein Zuckerschlecken. Das ganze hat noch nicht mal den Namen "Urlaub" verdient. Es ist vielmehr "Stresslaub". 

Es fängt schon zu Hause mit den Reisevorbereitungen an. Früher habe ich mich aufs Kofferpacken gefreut, es war die Vorfreude pur. Aber jetzt ist das schon Stresslevel Nummer 1. Kofferpacken für eine längere Reise mit Kleinkind, dahinter steckt ein logistischer Planungsaufwand, dagegen kann Stuttgart 21 und der neue BER-Flughafen echt einpacken. Schon Wochen vor Urlaubsstart beginne ich Listen zu schreiben. Klamotten für alle Wetterlagen, Sandalen, Gummistiefel, Mützen, zig Hosen und Shirts, denn Kleinkinder haben nun mal die Eigenart, sich fünf mal am Tag von oben bis unten voll zu besudeln, so dass zwei Hosen definitiv nicht ausreichen. Ganze Windel- und Feuchttücherpackungsberge werden eingepackt (ja, könnte man auch vor Ort kaufen - aber den Stress, dann erst mal den nächsten Supermarkt finden zu müssen, ist es auch nicht Wert), medizinische Erstversorgung gegen Fieber, Schnupfen, Durchfall - man weiß ja nie - Kinderwagen, Kekse und Breie und Fläschchen und Schnuller und Spucktücher und Schwimmreifen und Plastikgeschirr und Lätzchen. Puh. Und dann Spielzeug! An was man alles plötzlich denken muss! Prallgefüllte Lego-Duplo-Kästen, komplette Mal-und Bastelsets, eine ganze Enzyklopädie an Bilderbüchern, Sandkasten-Basis-Ausrüstung, Puzzle, bergeweise Kuscheltiere. Kinderzahnbürsten und Zahnpasta und Kindershampoo. Und und und. 

Früher habe ich meinen Koffer in 20 Minuten im Vorbeigehen gepackt. Jetzt dauert es drei Stunden, und ich brauche dafür absolute hoch konzentrierte Ruhe. Und hinterher bin ich fix und fertig. 

Aber stehen dann alle Koffer und Taschen und Körbe halbwegs fertig parat, dann ist das noch längst nicht alles, nein, iwo, Gott bewahre! Auch das Bord-Verpflegungs- und -animationsprogramm muss genauestens geplant werden! Mehrere Stunden im Auto oder Flugzeug muss das Kind bei Laune gehalten werden. Kekse, Süßigkeiten, Getränke, Knabberzeug, Bücher, Spielzeug und nicht zu vergessen die Wickeltasche To-Go mit genügend Spucktüchern und Feuchttüchern zum Abputzen von Schoko-Schmierhänden. 

 

"Oh nein, jetzt sind wir die Eltern, die wir
früher immer so gehasst haben, die ihre schreienden
Blagen nicht im Griff haben".

 

Und wenn es dann endlich los geht, dann der Anreisestress. Ich frage mich auch immer, bin ich die einzige die sich so sehr stresst oder geht es anderen auch so? Ich jedenfalls kann mich einfach nicht locker machen, und die Vorstellung, mit meinem Kind mehrere Stunden Zug zu fahren, versetzt mich in Panik. Wie machen das nur die anderen? 

Flug nach Mallorca: Dauer zwei Stunden. Zustand bei Ankunft: Völlige Erschöpfung. Kleinkinder unter 2 Jahren haben keinen eigenen Platz und müssen auf Mamas/Papas Schoß sitzen. Und nun bringe mal einem 18-Monate alten zappeligen Kleinkind bei, die nächsten zwei Stunden ruhig und still sitzen zu bleiben. Kind will klettern, Kind will den anderen Fluggästen Hallo sagen, Kind will sich ausnahmsweise mal KEINE Bücher angucken, Kind will natürlich NICHT schlafen, und Kind lässt sich, was sonst immer funktioniert, auch nicht mit einem Lolli für wenigstens ein paar Minuten ruhig stellen. Kind schreit bei Start wie am Spieß, weil der Druck auf die Ohren so weh tut, und es will partout nicht trinken oder seinen Schnuller schnullern. Mama und Papa hochrot, Herz rast, in Gedanken "Oh nein, jetzt sind wir die Eltern, die wir früher immer so gehasst haben, die ihre schreienden Blagen nicht im Griff haben". Die anderen Fluggäste drehen sich schon um. Zum Glück hat unser Sohn schon vorher alle freundlich angelacht und zum Lachen gebracht, so dass jetzt alle für den armen süßen Knirps Verständnis haben. Hat man eine ganze Sitzreihe für sich, ist das eigentlich kein Problem, das Kind kann auf dem freien Satz sich austoben. Hat man jedoch einen anderen Fluggast noch mit in der Reihe sitzen (dem unser ganzes Mitleid gehört), dann ist es besonders anstrengend. Der Mitreisende will schließlich nicht ständig vom demmelnden Baby-Füßen getreten oder von schmodderigen, klebrigen Gummibärchenhänden angeschmiert werden. Fazit: Geflogen wird erst wieder, wenn Baby sich mindestens 2 Filme am Stück auf dem iPad angucken kann. Sämtliche Videospiele lädt Mama dem Sohn dann vor Reiseantritt mit Freuden herunter. 

Apropos: An dieser Stelle ein Dank an Steve Jobs. Ohne iPhone und iPad wäre alles noch stressiger. Mein Sohn hat während des Urlaubs fantastisch puzzeln gelernt, auf dem iPad. Er konnte sich damit stundenlang selbst beschäftigen. Und auch die vielen Folgen "Mickymaus-Wunderhaus", die ich vorher im iTunes-Store runtergeladen haben, haben so manche knifflige Situation gerettet. Wie haben die Eltern das früher nur ohne diese technischen Babysitter geschafft? 

10-Stunden-Fahr im Auto nach Sylt: Hat erstaunlich gut geklappt, ich war auf den Mega-Stress vorbereitet, aber mein Sohn hat mich eines besseren belehrt. Wobei mir auch hier Haribo, Pulmoll und Smarties treue Dienste erwiesen haben. Wann immer Quengel-Tendenzen zunahmen, wurde Sohnemann mit Minitüten Gummibärchen und Co. "bestochen", sofern andere Maßnahmen wie Spielanimationen jeglicher Art nicht mehr für bessere Laune sorgen konnten. Und ja, auch wenn ich in der Pädagogenhölle landen werde, es funktioniert wirklich. Gut, ich muss jetzt meinen Sohn nach dem Urlaub erst mal wieder "entzuckern" und auf Zucker-Entzug setzen, aber das Stichwort "Gummibärchen?" oder "Smarties?" sorgt augenblicklich für Ruhe im Karton, Begeisterung und zufriedenes Schmatzen. So why not? Wir Erwachsenen haben ja auch für allerlei Urlaubssünden so unsere Ausrede "Ach, ist doch Urlaub!". 

So, und wenn man dann die Anreise halbwegs überlebt hat, dann geht der Spaß vor Ort ja erst mal weiter. Da kann man die noch so tolle Mega-Super-Hütte gebucht haben, Baby findet erst mal alles irgendwie doof. Ich habe dieses "kleine Kinder brauchen Routinen" ja immer für blödes Pädagogengeschwafel gehalten, aber im Urlaub merkt man eben doch, dass es stimmt. Alles ist anders, und was für uns Erwachsene Abenteuer und Lust am Neuen ist, ist für die Kleenen nur eins: Stress pur. Folge: Baby dreht erst mal durch. Alles was zu Hause problemlos klappt, gerät hier zum großen Drama: Baby will nicht schlafen, nicht essen, will nicht duschen, will nicht Zähneputzen, quengelt und weint ziemlich viel. Jippiehjuchhee, Urlaub! Zu Hause ist schlafen nie ein Problem gewesen, und hier will und kann Baby trotz absoluter Müdigkeit nicht schlafen. Nur mit Mama bei Mama im Bett gekuschelt klappt es. 90 Minuten in den Schlaf kuscheln jeden Abend gehört nun also zur Urlaubsroutine. Und schläft Baby zu Hause gern bis 9 Uhr, steht es hier plötzlich um 5:30 auf der Matte. "Mama Bett!" heißt es dann. Schlaftrunken holen wir den Knirps also zu uns ins Bett, wo er dann Frühsport macht: 2 Stunden lang rumhampeln, treten, Mamas Auge angucken, Papas Nase begrapschen. Entsprechend müde ist Baby dann am Vormittag, wenn man eigentlich was unternehmen will. Und Müdigkeit äußert sich bei Kleinkindern wie? Genau: Quengelalarm par Excellence. 

Und ständiges Kinderquengeln sorgt natürlich auch bei den Eltern nicht gerade für gute Laune. Von ausgelassener Urlaubsstimmung ganz zu schweigen. Man ist selbst müde, genervt und gestresst - und nicht selten gibt es die größten Ehe/Familien-Streits im Urlaub. Bis zu einem gewissen Punkt kann man seine Bedürfnisse immer zurück stellen und für das Kind da sein, es unterhalten, es animieren, es bespielen. Aber irgendwann kann man einfach nicht mehr, besonders wenn man gar keine Pausen mehr bekommt, weil Baby auch tagsüber partout nicht schlafen will - und man auch keine Kraft mehr hat, es 90 Minuten durch Dünenwege zu schieben, bis es endlich im Kinderwagen unter ständigem Gezappel eingeschlafen ist. Und wenn man dann doch mal das Glück hat, dass Baby endlich in den Schlaf findet, dann hat man die große Entscheidungsqual: Was mache ich jetzt in den ein bis zwei Stunden, die nur mir gehören? Auch schlafen? Sport? Lesen? Meistens lungert man dann nur noch lethargisch in der Ecke rum und zählt die Tage, bis es endlich wieder nach Hause geht. 

So, und wenn man dann den Rückreisestress, der genauso aussieht wie der Anreisestress, überlebt hat, ist zu Hause nicht etwa die große Entspannung angesagt, denn Routine, Routine, Baby war nun halbwegs an die Urlaubsroutine gewöhnt, und jetzt ist schon wieder alles anders. Meistens dauert es dann zu Hause auch noch mal zwei bis drei Tage, bis Baby sich wieder zu Hause eingelebt hat und normal in seinem Bett schlafen kann ohne Schreitheater. 
 

"Bis zu einem gewissen Punkt kann man seine Bedürfnisse immer zurück stellen und für das Kind da sein, es unterhalten, es animieren, es bespielen. Aber irgendwann kann man einfach nicht mehr."

 

Und dann frage mich: Warum tut man sich und dem Kind das bloß an? So viel Geld, so viel Zeit, so viele Nerven gehen im Familienurlaub drauf (Außerdem erinnere ich mich daran, dass, als ich Kind war, Urlaub mit meinen Eltern auch immer irgendwie der pure Stress war. Auch als wir Kids schon größer waren, es war immer Stress). Ja, natürlich übertreibe ich auch ein wenig, und ja, natürlich gab es auch schöne Momente. Mein Sohn spielt am Strand, patscht im Meer, lernt neue Vokabeln wie "Düne", "Muscheln" oder "Autozug", neue Eindrücke, gemeinsame Zeit mit der Familie, die man als "working mum" unter der Woche ja so nicht hat, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann kann ich derzeit absolut nicht sagen, dass das die schönste Zeit im Jahr ist. Werde ich gefragt "Und, wie war der Urlaub?", dann antworte ich mit einem verhaltenen "Schön". Aber ich merke, dass ich beim besten Willen nicht ins Schwärmen kommen kann. 

Ich weiß auch, dass das hier Jammern auf sehr hohem Niveau ist, und ich bin natürlich dankbar, dass ich einfach so in den Urlaub fahren kann mit meiner Familie, aber vielleicht machen wir erst wieder gemeinsam Urlaub, wenn Sohnemann 14 ist ;-) Oder aber man muss mindestens 3 Wochen Urlaub machen - um die Ein- und Abgewöhnungsphasen einzuplanen. 

Und, liebe Eltern, denen es mit der fehlenden Familien-Urlaubs-Idylle genauso ergeht, lasst euch gesagt sein: Ihr seid nicht allein :-) !