Ich spüre nichts

Kalt


Manchmal denke ich, ich bin "erlebnisfrigide". Bei ganz vielen Dingen oder Aktivitäten, wo einem ein unglaubliches Erlebnis versprochen wird, spüre ich nämlich: Nichts. 

Ich muss in diesem Zusammenhang zugeben, dass ich auf neue Trends total abfahre, und früher oder später jeden Quatsch mitmache, oder zumindest mal ausprobiere - gerade in den Bereichen Sport & Fitness, Beauty und Ernährung. Alles, was in Hollywood angesagt ist, probiere ich aus. Nur um jedes Mal aufs Neue ernüchtert festzustellen, dass sich bei mir in Sachen "oh yeah, it´s so live changing!" absolut nichts tut. Dennoch haben in mir all die Marketing-Strategen ein williges Opfer. Denn obwohl ich es besser weiß, glaube ich den verlockenden Versprechungen der Werbefutzies immer wieder. 

Hot Yoga
Ich habe zum Beispiel Hot Yoga ausprobiert, auch bekannt als Bikram-Yoga. 90 Minuten lang macht man in einem auf 40Grad aufgeheizten Raum eine Yoga-Übung nach der anderen, angeleitet von einem Lehrer in der ersten Reihe, der die ganze Zeit quasselt. Es ist immer wieder die gleiche Abfolge der Übungen. Monotonie pur. Und ja, man schwitzt, und zwar wie eine Pottsau. Von Anfang an. Hinterher hat man eine rote Glühbirne auf dem Kopf. 

Madonna und Gwyneth Paltrow sollen glühende Verehrerinnen (im wahrsten Sinne des Wortes) dieser Sportart sein. Und was Madonna stählt, kann ja nur gut sein, denke ich, und als ich davon zum 100sten Mal in irgendeiner Lifestyle-Zeitschrift lese, packt mich die Neugier, und ich will es nun endlich auch ausprobieren. Ich recherchiere im Web, schaue mir Videos auf Youtube an, und überall berichten begeisterte Heiß-Yogis, wie sehr das Sauna-Rumgehampel ihr Leben verändert habe, wie unglaublich gut sie sich fühlen würden, wie gelassen sie seien, dass ihre Haut so toll leuchten würde, dass andere Menschen sie plötzlich auf ihren "Glow" ansprechen, und und und. (Alle vermeintlichen Effekte dieser Wunder-Turnübungen können Sie z.B. hier nachlesen.)

Hot Yoga wird dein Leben verändern! Wow, ich bin äußerst beeindruckt, und renne zwei Tage später tatsächlich zu meinem ersten Kurs. Der Vorteil, wenn man inmitten einer Großstadt lebt, ist, dass man keinen Trend verpasst - alles in unmittelbarer Nähe, so auch tatsächlich ein stylishes Hot-Yoga-Studio. 

Und so geselle ich mich zu den hotten Turnerinnen und Turnern, alle nur mit kurzen Höschen und kurzen Tops bekleidet und mache mit. Aber so richtig erschließt sich mir das ganze nicht. Die Begeisterung bleibt aus. Und dieses Geschnaufe und dieses schmatzende Geräusch von triefendem Schweiß auf nackter Haut, vor allem der Männer, macht mich aggressiv. Dabei soll Yoga doch entspannen. Nein, Yoga war noch nie meine Sportart. 

Es fühlt sich interessant an, ich bin hinterher erschöpft und kann gut schlafen. Okay. Ich kaufe mir eine 10er-Karte, die irgendwann abläuft, mit 7 unverbrauchten Hot-Yoga-Tickets wohlgemerkt. Typisch für mich.
 

Ich glaube den Versprechungen der
Werbefutzies immer wieder.

 

Beim zweiten Mal bin ich immer noch ganz entspannt, will alles auf mich zukommen lassen, den Dingen eine Chance geben. Ich bilde mir ein, mehr Lust auf Sex  zu haben und schiebe es dem Hot Yoga in die Schuhe. Doch schon nach dem dritten Mal merke ich, wie schrecklich langweilig ich es finde, immer wieder das Gleiche, ich finde die Yoga-Vortuner irgendwie albern, wie ernst sie das alles nehmen, und dass sie den Kurs sogar auf Englisch halten, in Köln. Vielleicht soll es ja auch ein bißchen New-York-Feeling vermitteln. Und ich finde es befremdlich, dass es sogar Fans gibt, die eine sogenannte 30-Tages-Challenge mitmachen - heißt, an 30 Tagen hintereinander jeden Tag eine Session Hot-Yoga. Ähm, haben die sonst nichts zu tun? Manche machen diese Tortur sogar mehrere male hintereinander. Nun gut, jedem das seine. Ich jedenfalls spüre: Nichts. Kein Glow, keine gestählten Muskeln, keine innere Ruhe. 

Mich nervt das alles nur noch. Keinen Bock mehr. Und ich gebe auf. Erleuchtete Yogis heben jetzt sicher milde und weise lächelnd den von der Askese ausgemergelten dünnen Zeigefinger und sagen: "Du hast zu früh aufgegeben, du bist nicht reif, du bist zu ungeduldig, du forderst zu viel." Und vielleicht ist gerade das die Challenge beim Yoga, solange mitzumachen, bis man ES, wie auch immer ES sich äußern mag, spürt.

Aber ich will halt Erfolge, und zwar dalli, pronto und sofort! 

Runner´s High
Es soll ja Menschen geben, die vom Joggen high werden. Meine Fresse, was beneide ich die! Ich bin allenfalls HINTERHER high, wenn´s endlich vorbei ist. Ich quäle mich durch den Park oder presche übers Laufband. Ich mache das, weil ich denke, dass ab und an sich mal ein bißchen zu bewegen, sein muss. Aber Spaß macht es mir nicht. Vielleicht komme ich auch nie ins High, weil ich auch hier wieder zu früh die Chose beende. Spätestens nach 45 Minuten ist bei mir Schluss - und vermutlich kommt man erst nach 90 Minuten in die Hochphase. Wer weiß. 

Vegane Ernährung
Seit einigen Wochen ernähre ich mich vegan - mit klitzekleinen Ausnahmen hier und da. Ich tue das aus verschiedenen Gründen. Ich mag eigentlich kein Fleisch und keine Wurst, schon als Kind fand ich Fleisch eklig. Ich esse gern Obst und Gemüse und habe schon immer auch mit "Tofuzeug" gekocht. Ich bekam immer mehr ein echt mieses Gefühl im Bauch wenn ich mir die Realität über die Massentierhaltung vor Augen führte und sie nicht länger verdrängte. 1 Kilo Huhn im Supermarkt für 1,50 Euro ist ein Verbrechen. Warum also nicht einfach mal das Fleisch weglassen? Und Milchprodukte und Eier, die ich eigentlich auch immer irgendwie eklig fand, gleich dazu. Liegt ja an mir, das zu ändern. 

Und ja, ich gebe zu, mich hat, natürlich, auch der Trend beeinflusst. An Attila Hildmanns Bestseller "Vegan for fit" ist im Moment kein Vorbeikommen - aber das finde ich nicht schlimm. Im Gegenteil, ein toller Trend, der vielleicht wirklich ein bißchen dazu beiträgt, die Welt zu verändern. (Hier übrigens ein Mini-Ausschnitt aus einer Talkshow mit ihm: "Bio ist kein Quatsch, sondern eigentlich Standard. Früher gab es nur Bio." Er bringt es wunderbar auf den Punkt.) 
 

Im Hot-Yoga fühle ich mich wie die Schneekönigin.
 

Alles in allem denke ich, dass mich die vegane Ernährung überzeugt hat - und ich werde das beibehalten. Das ganze ist eine prima Sache. 

Dennoch: Auch hier verspricht man unglaubliches. Nach wenigen Tagen nach der Ernährungsumstellung würde man sich leicht fühlen, beflügelt, voller Power und Energie, Krankheiten würden verschwinden, ach, und 100 andere Wundereffekte, die man erwarten kann. Nur ich, ich spüre mal wieder: Nichts. Ich merke nur, dass mir das Essen schmeckt, dass mir nichts fehlt, und dass ich das Gefühl habe, alles, was ich jetzt esse, ist gut für mich - und das komplett ohne schlechtes Gewissen. Aber ich fühle mich ansonsten überhaupt nicht beflügelt oder anders oder besser oder was auch immer. Ich fühle mich ganz normal. Manno. ICH WILL AUCH ENDLICH MAL DAS FÜHLEN WAS DIE ANDEREN IMMER SAGEN WAS SIE FÜHLEN!

Grüner Tee / Matcha
Grünem Tee und seiner Premium-Schwester, dem Matcha-Pulver, sagt man ja auch allerhand Zauberkräfte nach. Unter anderem sollen sie wach machen, man soll regelrecht durch den Tag fliegen, hochkonzentriert. Seit einigen Wochen trinke ich Grüntee und Matchadrinks. Und was spüre ich? Genau: Nichts. Ich bin nicht high, ich bin nicht wacher als ich es wäre, wenn ich nur Wasser trinken würde. Und durch den Tag fliege ich schon mal gar nicht. 

Ich könnte noch zig solcher Beispiele aufführen - von Nahrungsergänzungsmittel über Kosmetik bis hin sogar zu Kleidung oder Bettzeug und Matratzen, wo immer ein besonderes Anwender- oder Nutzungs-Erlebnis versprochen wird. Egal, was, mein Neu-Erlebniszyklus bei mir läuft (fast) immer gleich ab: 

  • Ich lese/höre von etwas, immer wieder, und meine Neugier wird langsam geweckt - so lange, bis die Neugier laut schreit: HABEN WOLLEN! AUSPROBIEREN!

  • Ich erkundige mich, wo es das Produkt oder den Service der Begierde gibt.

  • Ich probiere aus.

  • Am Anfang bin ich immer begeistert nach dem ersten mal, erzähle allen stolz davon, und freue mich aufs zweite Mal. 

  • Doch schon beim zweiten Mal merke ich, dass der "Kick" weg ist. Dass ich eben NICHTS spüre und die Neugier und Begeisterung wird langsam aber sicher von einer aufkeimenden Langeweile verdrängt. 

  • Beim Dritten Mal habe ich gar keine Lust mehr.

  • Ich gebe auf. 

Und so plätschere ich durch mein Leben, und frage mich, warum ich nicht das spüre, was mir doch die Marketingleute versprechen, was ich spüren soll. Bin ich eigentlich normal? 

Ich bin so schrecklich ausgeglichen, nichts haut mich so schnell aus den Socken, weder positiv noch negativ. Ich komme mir manchmal vor wie die alte Schildkröte aus der "Unendlichen Geschichte". Verkrustet und verpanzert, und nicht mal Hot Yoga oder Matcha kann sie in Wallungen bringen. Manchmal möchte ich mir selber einen Schubs geben und mich selbst anschnauzen: "Mönsch, jetzt begeister´ dich halt auch mal!". Vielleicht sollte ich mal einen Hysterie- oder Begeisterungskurs belegen. Ob ich mehr als 3 mal hingehen würde? 

Letztendlich müssen wir uns wohl alle aus dieser Erlebnis-Venusfalle rausziehen. Denn heutzutage geht es fast nie mehr um ein Produkt oder einen Service - sondern in erster Linie immer um ein Gefühl oder eben Erlebnis. Die Limo, die die Sinne weckt. Der Kaugummi, der dein Hirn auf Trab bringen soll. Der Joghurt, der gut für deine Darmflora ist, das Spielzeug für dein Kind, das den Entdeckerdrang weckt, die Motorik fördert und wo es nebenbei noch Chinesisch lernt. 


Ich komme mir manchmal vor wie die alte Schildkröte aus der "Unendlichen Geschichte". Verkrustet und verpanzert, und nicht mal Hot Yoga oder Matcha kann sie in Wallungen bringen. 

 

Dabei soll die Limo doch eigentlich Durst löschen, der Kaugummi ´nen frischen Atem machen, der Joghurt schmecken und satt machen, und mit Spielzeug sollte man doch eigentlich nur eins: spielen. Sonst würde es ja "Lernzeug" oder "Förderzeug" heißen. 

Ob es mir jedoch gelingen wird, die vielen Erlebnisversprechen der Trends der Zukunft auszublenden, weiß ich nicht. Ich lass´ mich halt auch echt zu gern belatschern.