Köln, oh Köln – Eine Liebeserklärung

KölnLiebe


Ich habe letztens festgestellt, dass ich ein Jubiläum völlig verpennt habe. Und zwar mein eigenes Stadt-Jubiläum. Seit Sommer 2003 lebe ich in Köln - heißt, fast 11 Jahre Köln habe ich nun auf dem Buckel. 

Bin ich nun ein Kölsches Mädsche? Ist Köln meine Heimat? Ich weiß es nicht so recht. Mit dem Begriff Heimat tue ich mich sehr schwer, denn so traurig es ist, ich habe keine Heimat. Ich bin ein heimatloses armes Ding, eine Runde Mitleid bitte. Danke. Ich bin in Rostock geboren, habe dann in Leipzig einen Teil meiner Kleinkindheit verbracht, den zweiten Teil in Erfurt, dann ging es ab nach Berlin, wo ich in die Grundschule ging. Vier Städte in sechs kurzen Lebensjahren. In Berlin hab icke dann janze sechs Jahre jewohnt, bis es dann nach der Wende nach Hessen ging. Nächste Station ein Vorort von Frankfurt am Main. Bis zum Abi, also rund sieben Jahre. Danach vier Jahre Studium in Wiesbaden, inklusive einem Jahr in Südfrankreich. 

Warum ich das so episch ausbreite? Nun, ich denke, es wird genug Leute geben, die noch zehn mal mehr umgezogen sind als ich. Aber was ich einfach sehnsuchtsvoll vermisse, ist so ein fester Heimatsort. Den habe ich nicht, den hatte ich nie. Ich beneide Freunde, die diese Kindheitsorte haben, wo sie sich wohl fühlen, wo sie Erinnerungen in sich tragen, wo sie ganze Sommer lang sorglos durch Wälder getobt sind, und wo sie immer wieder von schwärmen, wie toll das war. Und wo sie immer wieder mit leuchtenden Augen gern hin zurück kehren und im Erinnerungsglück schwelgen. Zurück kehren in ihre Heimat. Ich habe das nicht. Und ich hätte das so gern. Ich mochte die Orte, an denen ich gelebt habe, war schon okay. Aber mit jedem Umzug sind die Spuren und Erfahrungen von diesen Orten irgendwie verweht wie Spuren im Sand. Es blieb nichts zurück. Keinerlei Anker. Ich kehre nach Berlin zurück, gehe meinen alten Schulweg, aber da regt sich nichts. Nun hat sich natürlich sowieso viel verändert in Berlin seit der Wende, von meinem klapprigen Spielpatz auf einem ostdeutschen Hinterhof ist nichts mehr übrig, ich erkenne so oder so recht wenig wieder. Aber Erinnerungen sind ja unabhängig davon, wie diese Orte jetzt aussehen. Und dann stehe ich da, krame nach diesem Gefühl in mir, aber da ist nichts. Schade. Heimat kann man sich nicht erkaufen und sich auch nicht durch jahrelanges Wohnen an einem Ort "er-leben". 

 

Die Kölner kennen dieses Gefühl, wenn sie weg waren, und dann über eine der breiten Autobahnbrücken stadteinwärts ihre Stadt ansteuern.

 

Und nun: 11 Jahre Köln. Ich kann es selbst kaum glauben. Denn was anfangs mehr Zufall als bewusst geplant war, hat sich nun zum Lebensmittelpunkt entwickelt. Die Kölner kennen dieses Gefühl, wenn sie weg waren, und dann über eine der breiten Autobahnbrücken stadteinwärts ihre Stadt ansteuern - man will nur noch eins schreien, und zwar ganz laut: "Jippieh! Mein Köln!". Und dann sehen wir die zwei Spitzen vom Dom (den sieht man übrigens in Köln von fast jedem Winkel aus), und den "Pimmel von der Post" - die Kölner wissen was damit gemeint ist - und unser Herz geht auf. 

Köln ist keine schöne Stadt. Köln ist eigentlich echt hässlich. Fragwürdige zweckmäßige Architektur, graue dreckige Häuserkästen. Verusselte Straßen, dreckig, laut, oll. Manchmal nervt mich das als TT ( = typische Tussi) enorm. Ich will Münchner Schick und Düsseldorfer Aufgeräumtheit. Ich mag´s gern fein und ordentlich und mondän und stylish. Aber das hat Köln nicht zu bieten. Wenn ich in München bin, staune ich immer, wie schrecklich schön eine Stadt nur sein kann. Und ich bin immer ein klein bißchen neidisch und schimpfe mit Köln. "Mensch Köln, warum musst du nur immer so ein Schmuddelkind sein? Warum kannst du dich nicht auch mal so rausputzen wie München oder Frankfurt?". 

Aber Köln will gar nicht schick sein. Und Köln muss auch gar nicht schön sein. Köln ist so, denn was Köln ausmacht, ist seine innere Schönheit. Seine Menschen. Denn das Kölsche (oder Rheinische) Grundgesetz wird hier tatsächlich gelebt, und zuallererst gilt hier die Devise: Jeder Jeck is anders. Heißt: Lass die Leute so wie sie sind. Und das spürt man hier überall. Jeder mit jedem. Die Leute sind fröhlich und freundlich miteinander. "Trink doch eene mit" steckt im Kölner drin, bevor einer allein an der Theke steht, lädt man ihn zum Kölsch ein und klopft ihm auf die Schulter. Nirgends kommt man mit Leuten so schnell ins Gespräch wie in Köln. Nirgends wird man so nett behandelt. Das höre ich immer wieder von Gästen von "außerhalb". Und besonders von Gästen aus München. Der schönen Stadt mit den schönen Menschen, die aber alle etwas, so sagt man, für sich sind. Arrogant ist das Klischee für den Münchner. Aber noch nie habe ich gehört, dass man Kölnern nachsagt, sie seien arrogant. 

 

Aber Köln will gar nicht schick sein. Und Köln muss
auch gar nicht schön sein.

 

Allein die Büdchenkultur ist zum Verlieben. Jeder hier hat sein Büdchen. Das sind Kioske, wo man zu fast jeder Tages- und Nachtzeit was zum Futtern und Trinken, Zeitschriften und Kippen bekommt. Meistens ist man mit dem Büdchenbesitzer auf Du und tauscht sich immer aus, was so gerade ansteht. Unser Büdchenbesitzer Ali hat immer einen Riegel Kinderschoki für unseren Sohn parat und bespaßt ihn mit einer Hingabe, dass man Ali schon fast als Babysitter engagieren könnte. Aber auch sonst im Veedel kennt man sich. Man kennt die Leute, die Ladenbesitzer, man grüßt sich, man schnackt miteinander. Wie auf dem Dorf. Einfach schön. Und ja, das fühlt sich dann doch an wie Heimat. 

Wunderbar auch die Smiley-Kampagne. Laden-, Restaurant- und Büdchenbesitzer haben kleine Plakate in ihre Schaufenster geklebt auf denen stand in einem großen gelben Smiley: "Du bist Köln egal woher Du kommst – Du bis Kölle ganz ejal woher Du küs – Mir sin wie mir sin – Mir sin Heide Christ un Jude Moslem un – Mir all sin nur Minsche vürm Herrgodd sin mir glisch". Woanders hätte man das vielleicht komisch gefunden. Aber in Köln lebt man das. 

Nicht zu vergessen der Irrsinn an Karneval. Allein über den Kölner Karneval könnte man Romane schreiben. Wer den Kölner Karneval noch nicht live vor Ort erlebt hat (und damit meine ich nicht nur den Rosenmontagszug), der kann sich kein Bild davon machen, was in diesen fünf Tagen in dieser Stadt los ist. Jedes Jahr auf´s Neue bin ich fassungslos, was hier abgeht. Ausnahmezustand. Aber im positiven Sinne. Die Leute lassen die Sau raus, aber von Donnerstag morgens um 9:00 Uhr bis Dienstag 23:59 Uhr. Durchgehend. Die ganze Stadt eine einzige Party. Die ganze Stadt verkleidet. Man fällt auf, wenn man nicht verkleidet ist - und fühlt sich echt unwohl. Jeder herzt jeden. Spontan-Mini-Umzüge mit Bollerwagen durch die Veedel. Die Leute sind laut und verhalten sich so, wie sie sich sonst nie verhalten würden. Aber ich finde das nicht schlimm, ich finde das witzig. Spontan-Polonesen durch Supermärkte. In  jeder noch so kleinen Eck-Kaschemme und in jeder zweiten Privat-Wohnung ist Party angesagt. Und jeder darf mitmachen. Es wird gebützt (geknutscht) und getanzt und geflirtet bis zum Umfallen. Man müßte mal untersuchen, wie sehr die Kopulationsrate über die fünf wilden Tage ansteigt. Bestimmt ums 1000fache. Die Welt gehört in den fünf Tagen den Kölnern und ihren Feier-Gästen. Und egal was passiert, alles halb so wild, der Nubbel, der für alle Sünden während des Karnevals verantwortlich ist, wird Dienstag Nacht einfach verbrannt. Und damit sind alle Sünden erledigt und vergessen. So einfach ist das.

Ich mag Köln. Sehr sogar. Dennoch gibt es noch so viele Dinge, die ich entdecken muss. Im Alltagstrott vergißt man ja immer wieder, seine eigene Stadt zu entdecken. Wir nehmen uns Zeit, andere Städte zu erkunden, aber tun das so gut wie nie mit der Stadt, in der wir leben. Eigentlich absurd. Ich habe mir eine Liste angelegt, mit lauter Dingen, die ich unbedingt mal machen muss und die ich all die Jahre als Kölnerin noch nie gemacht habe, Asche auf mein Haupt! U.a. sind also zu erledigen:

FC-Spiel im Stadion angucken, Eishockey-Spiel live angucken, eine Verantstaltung im Tanzbrunnen, den Karneval mal so richtig mitmachen - mit Sitzungen und Platz auf einer Tribüne am Rosenmontagszug, Museen, Prätorium angucken, ein Stück im Millowitsch-Theater angucken, Schiffsfahrt auf dem Rhein, eine Stadtrundfahrt, eine Sauftour durch die Altstadt, an Weiberfastnacht zum Alter-Markt gehen, einmal mit der Bimmelbahn durch die Stadt fahren ...

Jeden Tag kommen neue Dinge dazu. Ich muss wohl mal einen Städteführer über Köln lesen. Aber auf jeden Fall weiß ich: Köln, du bist meine Stadt. Ich kann ein paar deiner Kölner Hits schon laut mitgrölen (Trömmelche, Viva Colonia, De Aussicht op de Dom und Co.) - und je öfter ich das singe, desto mehr geht mir das in Herz und Blut über, was diese Lieder so begeistert besingen. Und desto mehr wird Köln meine Heimat.