Die Online-Hexe hat uns alle verflucht

Online-Hexe


Derzeit der Social-Media-Post der Stunde: Ein kleiner rühriger Videoclip über die negativen Auswirkungen vom ständig Online-Sein auf unser Leben.

Lustig übrigens, dass es derzeit so oft in Facebook geposted wird. Das ist so, als würde ein Bonbonladenbesitzer ein Schild auf der bunten Ladentheke aufstellen, auf dem steht „Achtung: Diese hier ausliegenden Süßigkeiten machen dick und die Zähne kaputt!“. Also, die, die die Droge nehmen, warnen vor der Droge. Kicher. 

Das Filmchen ist süß, und ja, es trifft ein Problem, das da ist. Auch mir stinkt es, wenn man Zeit mit Freunden oder Familie verbringt, und jeder hat sein Smartphone ständig in der Hand, mit dem alle 10 Minuten Mails, Facebook und die Weltlage auf Spiegel.de und Co. gecheckt werden. Ich komme mir da als echter Mensch in der echten Welt immer mehr verarscht vor. Als wäre ich und das, was gerade passiert, nur halb so relevant wie das, was bei anderen, meistens noch nicht mal in echt befreundet, in der Facebook-Timeline vermeintlich passiert. Als wäre ich nur ein Statist. Und das eckige, dünne Kommunikations-Ding der Star.

Ja, wir haben verlernt, einfach mal nichts zu tun. Ja, wir haben verlernt, den Augenblick mit den Menschen, die gerade um uns sind, zu genießen und bewusst wahr zu nehmen. Statt dessen treibt uns die Frage um, ob das jetzt hier ein cooler Post bei Facebook wäre. Und was die Gesichtsbuchfreunde wohl dazu sagen würden. Wir sind nie da, wo wir wirklich sind.

Die Hexe aus dem Märchen hat Dornröschen und ihr ganzes Königreich zu 100 Jahre Schlaf verflucht, und nur ein mutiger Prinz kann sie mit seinem Kuss der Liebe aus dem ewigen Schlaf erwecken und zurück ins Leben holen. Uns hat die gemeine Online-Hexe verflucht. Zu ewigem Online-Sein. Aber wo ist der Prinz, der uns erlöst und uns zurück ins echte Leben bringt? 

Ich finde es auch absurd, wenn die erste und die letzte Amtshandlung des Tages das Grabschen nach dem iPhone ist. Die Augen noch nicht mal halb geöffnet und schon kündigt ein PLING die über Nacht eingetrudelten Mails und Messages an. Ich kann das verstehen bei Barack Obama und Angela Merkel. Die haben ja nun wirklich ziemlich viel weltrelevanten Gedöns an der Backe. Aber bei uns „normalen“ Menschen, bricht die Welt wirklich zusammen, wenn wir nur zwischen 9 und 18 Uhr Mails checken und online gehen?

 

"Das ist wie eine Zwangshandlung. Wie ein blödes
Jucken, das man sich einbildet."

 

Natürlich daddel ich auch mit iPad und iPhone rum. Immer und ständig. Aber ich merke, dass ich mich damit immer mehr selbst nerve. Das ist wie eine Zwangshandlung. Wie ein blödes Jucken, das man sich einbildet. Ich merke, wie ich keine 15 Minuten mehr irgendeinen Film schauen kann, ohne das kleine verfluchte Ding in die Hände zu nehmen, nur um festzustellen, dass in den letzten 15 Minuten wahrlich nichts weltbewegendes passiert ist.

 

Ich bin überzeugt davon, dass in absehbarer Zeit die Coolen die sein werden, die auch einfach mal von der Online-Bildfläche verschwinden und ins echte Leben eintauchen können.

 

Ich will die kleinen Kommunikations-Maschinen in unseren Händen aber auch nicht verfluchen. Ich will auch nicht Social Media verfluchen. Was hier alles möglich ist, finde ich genial. Und ja, es hat unser Leben total verändert, und das in kürzester Zeit. Und ich schwanke zwischen Neugier und Angst, was noch alles in Sachen Internet, mobiler Kommunikation und mobiler Datennutzung in Zukunft auf uns zukommen wird.

Wir Menschen neigen dazu, uns zu gern in Ablenkung vom Alltag zu stürzen. Wir sind Ablenkungs-Junkies. Wer Drogen nimmt oder stundenlang irgendwelche virtuellen Monster bekämpft, will nichts anderes, als nicht im Hier und Jetzt sein zu müssen. Und wer ständig mit dem iPhone in der Hand durchs Leben stolpert, hat vielleicht ein echt langweiliges echtes Leben. Wir übersehen dabei nur, dass wir unser Leben nicht spannender machen können, wenn wir es nie zulassen, am echten Leben teilzuhaben.

 

"Niemand hat uns auf diese gewaltige Technik-Explosion vorbereitet."

 

Was uns nach ständiger Ablenkung so süchtigen Menschenwesen helfen würde, ist der richtige Umgang mit dem ganzen Medienzeug. Wir sind da schließlich so reingestolpert, und die Technik hat sich so rasant entwickelt, dass wir, eben noch graue Festnetzapparate auf den Tischen und schwarz-weiß-flackernde Ataris vor uns, kaum PIEP sagen konnten, und plötzlich sind wir von Clouds und Streams und Flatrates und winzigen, spacigen Kommunikations-Computern umgeben. Eben haben wir noch Briefe verschickt. Jetzt geht alles per Email. Eben haben wir noch Fotofilme zum Entwickeln zum Fotografen gebracht, und jetzt haben wir Millionen von Fotos auf unserem Handy. Eben sind wir noch mit Landkarten auf dem Beifahrersitz in den Urlaub gefahren, jetzt lotst uns eine digitale Frauenstimme. Und und und. Nichts, aber auch gar nichts, ist noch so, wie es noch vor allein 5 Jahren (!!!) war. Es ist doch alles verrückt. Niemand hat uns auf diese gewaltige Technik-Explosion vorbereitet. Und jetzt müssen wir zusehen, wie wir damit zurecht kommen. Mit all dem Datenschutz-Gedöns. Mit der Sucht nach der ständigen Information. Mit dem Frust über mieses oder gar nicht vorhandenes WLAN.

Bestes Beispiel: Früher checkte man in ein Hotel ein und bestaunte und begutachtete dann erst mal das Hotelzimmer. Heute hat man dafür keinen Blick mehr. Denn hektisch und panisch will man nur eins: Den Zugang zum Hotel-WLAN, bitte.

 

"Hektisch und panisch will man nur eins: Den Zugang
zum Hotel-WLAN, bitte."

 

Dieses iPhone und all die anderen klugen Telefoniergeräte sind schon echt der Wahnsinn. Es ist ein universelles Daddel-Spielzeug, das alle Bedürfnisse eines jeden individuell erfüllt. Jeder kann sich das, was er braucht, darauf laden. Ich gehe ja schon absichtlich nicht mehr in den App-Store, weil ich von den Millionen Apps dort drin völlig überfordert bin. Und ich habe bisher auch keine App in meinem Leben vermisst. Also es gab noch nie einen Moment, wo ich dachte, och, wenn ich doch jetzt ne App hierzu hätte, det wär schick.

Schaut man sich Science-Fiction-Filme aus den letzten Dekaden der Filmgeschichte an, so kommt in 90% aller Filme immer ein bunter Kommunikations-Kasten vor. Oder eine virtuelle Laser-Wand, die Informationen in 3D darstellt. Die Sehnsucht nach flackernden Bildschirmen und immer verfügbaren Kommunikations-Kanälen, die uns mit anderen verbinden, ist also schon immer irgendwie dagewesen.

 

"Die Sehnsucht nach flackernden Bildschirmen ist
schon immer irgendwie dagewesen."

 

Und dieses iPhone, das ist ein grandioses Spielzeug. Denn ja, es vermittelt einem genau das, was nun alle anprangern, was es eigentlich verursachen würde: Man fühlt sich nie alleine damit. Mit dem iPhone in der Hand kann man wunderbar alleine essen gehen. Mit dem iPhone in der Hand kann man wunderbar an einer Bus-Haltestelle warten. Man kann sich damit unangenehme Zeit, die man allein unter vielen verbringt, vertreiben. Man ist abgelenkt. Und es fällt nicht auf, dass man alleine ist. Man muss nicht krampfhaft aus dem Fenster starren. Man muss nicht krampfhaft an den anderen Leuten vorbeigucken, um bloß nicht in Verdacht zu geraten, sie zu beobachten. Man muss nicht in irgendwelchen abgegriffenen Zeitschriften, die einen eh nicht interessieren, lustlos blättern. Denn nichts fällt uns so schwer, wie allein zu sein unter vielen Unbekannten. Und da kommt uns das iPhone gerade recht. Das iPhone ist wie Harvey, der unsichtbare Hasen-Freund.

 

"Das iPhone ist wie Harvey, der unsichtbare Hasen-Freund."

 

Hierfür finde ich das Rumdaddeln mit dem iPhone völlig legitim und in Ordnung. Und hier finde ich dann auch die Ermahnungen der Offline-Jünger völlig albern und übertrieben. Als hätten die Leute früher in den Bussen und Bahnen miteinander geredet. Als hätte man früher beim Warten an Bushaltstellen jeden wildfremden Mitwartenden einfach angequatscht und getanzt und Picknick und Freunde fürs Leben gemacht. Die Leute haben früher genauso schweigend nebeneinander dagesessen und sich genauso wenig füreinander interessiert. Und ich finde, das muss man auch nicht. Ich will in der Bahn oder im Taxi oder im Flugzeug mit überhaupt niemandem reden. Ich will niemanden angucken und ich will auch von niemandem angeguckt und angelabert werden. Und da finde ich die Möglichkeit, mich hinter iPad und Kopfhörern zu verstecken, wunderbar. Und wenn da jemand fremdes beleidigt ist, dass ich mich so offensichtlich nicht für ihn interessiere, tja, sorry.

 

"Die Leute haben früher genauso schweigend nebeneinander dagesessen und sich genauso wenig füreinander interessiert."

  

Und nach wochenlanger Forschungsarbeit (Ähm, ich übertreibe. Ist mir gerade erst eingefallen) komme ich nun zu folgender Formel, die die Nutzung von Smartphones regeln und uns vielleicht ein bißchen mehr zurück in unser echtes Leben bringen könnte:

  • U = SPE (Unbekannt = Smartphone erlaubt)
  • NU = SPNE (Nicht unbekannt = Smartphone nicht erlaubt)

Heißt:

Bist du in unbekannter Umgebung mit unbekannten Menschen und willst nicht kommunizieren, ist die Handynutzung erlaubt. Du darfst mit deinem Handy oder Tablet rumdaddeln, dich hinter großen Kopfhörern verschanzen (Bus, Bahn, Haltestellen etc).

Bist du hingegen mit Freunden oder Familie zusammen, beim Essen, beim Spielen, bei einer gemeinsamen Unternehmung, im Bett, im Restaurant, im Kino etc – dann gewöhne dir an, das Handy zu vergessen. Es ist quasi verboten. Lass es in deiner Tasche. Und denk nicht dran. Lass es wegen mir an für Anrufe – aber wenn die nicht wirklich wichtig sind, dann vertage das Gespräch. Oder schalte das Handy vielleicht einfach mal ganz aus? Und nein, du musst nicht emails checken. Und Facebook hält es auch mal eine Stunde ohne dich aus. Ja, so könnte es doch vielleicht funktionieren.