Die Weihnachtsfalle

Weihnachten

Waren Sie schon auf dem Weihnachtsmarkt? Freuen Sie sich drauf oder denken Sie "Och nö. Kein Bock. Der Weihnachtsmann soll am Nordpol bleiben und seine Rentiere kraulen aber um Himmels Willen hier bitte bloß nicht aufschlagen!"? 

Seit Wochen versucht man ja (und mit "man" meine ich die böse Wirtschaft, die böse Konsumgesellschaft und nicht zu vergessen den bösen Kapitalismus - Pfui, Spinne!), uns in Weihnachtslaune, respektive, Weihnachtsshoppinglaune zu kriegen. Zum Glück hat sich Halloween mittlerweile als Event in Deutschland fest etabliert, denn so hat man wenigstens im Oktober noch halbwegs Ruhe vor der Weihnachtsdeko in den Geschäften, denn schließlich müssen erst mal Hexenkostüme und Kürbismasken an den Mann/die Frau gebracht werden. Doch sobald sich die Sache mit dem Kürbis erledigt hat, verwandeln sich die Geschäfte über Nacht in Winterwonderlands und aus den Lautsprechern dröhnt nun "Jingle Bells". Halleluja. 

 

Das obligatorische "Guckt-mal-in-meinem-Supermarkt-gibt´s-schon-Lebkuchen-und-Schoko-Weihnachtsmänner-Empörungs-Foto" bei Facebook

 

Und was machen wir? Wir regen uns auf. Jedes Jahr aufs Neue. Man kann die Uhr danach stellen und seine Oma verwetten, denn die Wette ist sicher gewonnen. Kollektive Empörung allerortens, same procedure as every year. Und so blöken alle laut: Wie kann man nur?! Lebkuchen vor dem 1. Advent gehen gar nicht! Immer dieser Konsum! Das nimmt mir die ganze Weihnachtsstimmung! Bla, bla, bla. Und es findet sich jedes Jahr aufs Neue ein Depp, der sich nicht zu blöde ist, Anfang September das obligatorische "Guckt-mal-in-meinem-Supermarkt-gibt´s-schon-Lebkuchen-und-Schoko-Weihnachtsmänner-Empörungs-Foto" bei Facebook zu posten. Und alle meckern mit. Mäh, mäh, mäh.

Und jetzt stelle man sich bitte mal vor, der Handel würde auf die allgemeine Empörung reagieren, und alles, was mit Weihnachten zu tun hat, tatsächlich erst am 01. Dezember starten! Hah! DAS gäbe doch die Entrüstung schlechthin! Was fällt denen ein! Wir brauchen doch Planungssicherheit! Am 1. Dezember mit Weihnachtsstimmung loszulegen, ist doch viel zu spät! Wir Deutschen sind ein träges Volk, wir brauchen doch genügend Anlaufzeit! Und überhaupt, über was sollen wir uns denn dann im September, Oktober, November aufregen, wenn es dann noch keine Schoko-Weihnachtsmänner und Glitzerkugeln gibt? Also DAS geht ja mal sowas von gar nicht auf gar keinen Fall!

Und wenn dann im Oktober die ersten Kataloge im Weihnachts-Gewand ins Haus flattern und wir in den Zeitschriften auf das bevorstehende Rote-Mützen-Event mit  "Die besten Plätzchen", "Das perfekte Festmenü", "Die tollsten Geschenke" und "So gelingt Weihnachten garantiert - die besten Tips und Tricks" vorbereitet werden, dann bekommt man ja schon große Lust, dieses Mal wirklich alles perfekt zu machen. 

An die Frauen unter den Lesern: Die meisten von Ihnen kennen doch sicherlich den Impressionen-Katalog? Das ist der Katalog, wo man am liebsten anrufen und folgende Bestellung aufgeben will: EINMAL ALLES BITTE! WILL ALLES HABEN! Und wenn hier die ersten Weihnachts-Ausgaben im Briefkasten landen, dann ist es doch um uns geschehen, oder? Ist das nicht herrlich, wie man dort auf Hochglanz das Fest der Liebe zelebriert und in Szene setzt? Und ich denke mir jedes Mal: Genau so soll es bei uns dieses Jahr auch werden. Und von all den bunten Hochglanz-Xmas-Fotostrecken angesteckt und inspiriert, stelle ich bei mir persönlich  jedes Jahr aufs Neue folgenden spannenden Verlauf fest: 

  • Anfang November: Diesmal wird es das schönste Weihnachten ever! Ich werde Plätzchen backen, die aussehen wie gemalt! Ich werde auf den Weihnachtsmarkt gehen! Ich werde Geschenke und Karten selber basteln und alle, die ich kenne, verschicken. Ich werde mir mit viel Liebe und Mühe die allertollsten Geschenke für meine Lieben ausdenken. Ich werde das Haus festlich schmücken, dass sich "Schöner Wohnen" und Co. umgucken werden! Ich werde ganz entspannt sein! Ich werde allen meinen Lieben einen Adventskalender basteln! Ich werde einen ganz tollen Adventskranz basteln. Ich werde basteln und kochen und backen, dass mir schon fast Engelsflügel wachsen werden! Ich werde singen! Wir werden den schönsten Weihnachtsbaum ever haben! Und Heilig Abend wird gar zauberhaft werden!

  • 30. November: Uaaah! Schnell! Wenigstens für den Kleinen schnell einen Adventskalender machen. 

  • Anfang Dezember: Ups! Schon Dezember! Bis auf ein Papp-Lichtchen habe ich noch nichts gebastelt. Schnell irgendeinen fertigen Adventskranz besorgen. Ehemann: Brauchen wir doch nicht, nadelt doch eh nur und macht Dreck!

  • Mitte Dezember: Eine Lage Plätzchen sind gebacken. Immerhin. Und die Frage aller Fragen quält uns immer noch: Wo, und mit wem und wie sollen wir nun Weihnachten feiern? Und was bloß schenken? Ach, und die geplante Weihnachtsdeko, das lassen wir doch lieber, ist doch nur Staubfänger und viel zu viel Gedöns, und überhaupt, wir sind ja schließlich nicht in Kitsch-Amerika. 

  • Kurz vor Due-Date: Ich wollte doch Weihnachts-Karten an alle meine Freunde schicken (weil Weihnachts-SMS und Weihnachts-Emails sind sowas von stil-los!), hm, doch keine Lust, keine Zeit, also, auf nächstes Jahr verschieben. Und wir waren ja noch gar nicht auf dem Weihnachtsmarkt, jetzt aber schnell, huschhusch! Staunen. Ärgern über die vielen Menschen, Glühwein runterkippen, Bratwurst futtern, frieren. Shoppingstress. 

  • Weihnachten: Feiert man zu Hause - Vorbereitungsstress. Fährt man weg - Vorbereitungsstress. Geschenke- und Fress-Orgie. Und drei Kreuze, wenn es keinen Familienknatsch gibt. Erschöpfung. 

  • 26.12.: Endlich vorbei. Aber nächstes Jahr, da wird es ganz toll, und da machen wir das so wie im Film und in den Zeitschriften, ganz bestimmt!

  • 29.12. Was machen wir eigentlich an Sylvester?

 

Weihnachten in Filmen und Zeitschriften
ist vor allem eins: INSZENIERT

 

Kommt Ihnen das bekannt vor? Wir wollen so viel an Weihnachten - und ersaufen jämmerlich in unseren eigenen überzogenen Erwartungen. Dabei fallen wir jedes Jahr aufs Neue auf das gleiche Weihnachtsmärchen rein. Wir lassen uns von der Illusion blenden, die uns in den Hochglanz-Magazinen und in romantischen Hollywood-Movies vermittelt wird, wie Weihnachten zu sein hat, wie es auszusehen hat, wie es sich anfühlen soll. Bei Models in den Zeitschriften und Katalogen wissen wir mitterweile, dass sie im echten Leben nie so aussehen, dass sie gnadenlos retuschiert und gephotoshoped sind. Und genau so verhält es sich mit Weihnachten. Man präsentiert uns Weihnachten auf Hochglanz poliert und gephotoshoped - in einer Schöner-Wohnen-Kulisse mit Barbie-Komparsen, alles ist perfekt dekoriert, man sieht nur lachende Gesichter, alle sind unbeschwert, alles easy, Jingle Bells hier, Jingle Bells da, yeah! Aber das hat nichts, aber rein gar nichts, mit der Realität zu tun. Es ist INSZENIERT. Jede Fotostrecke in einer Zeitschrift ist von vorne bis hinten in monatelanger Fitzelarbeit bis ins kleinste Detail geplant. Von einem riesigen Team. Mit riesigen Budgets. Das echte Weihnachten kann also niemals so sein, wie es uns dort vorgeschlagen wird. Es sei denn, Sie haben ein 20köpfiges Team und ein Budget, das in die Hunderttausend geht. Dann geht das natürlich. 

Schon jetzt sind wahrscheinlich zig Millionen Menschen allein von der Frage gestresst, wo und mit wem und wie und wann sie Xmas verbringen sollen/wollen/müssen, ohne dabei jemandem auf den Schlips zu treten. Aber das klappt nie. Alle aus einer Familie unter einen Hut zu bringen, ist wie die Quadratur des Kreises. Und sollte es doch gelingen, ist es ein enormer Kraftakt, all die verschiedenen Charaktere mit all ihren Macken in zahmer Habt-euch-bitte-lieb-Kuschelstimmung zu halten.  

Und deshalb habe ich beschlossen, ein perfektes Weihnachten zu feiern. Aber eben ein perfektes echtes Weihnachten. Mit all seinen Makeln, die das Leben eben ausmachen. Mit umstürzenden Weihnachtsbäumen, verbrannten Plätzchen, Müdigkeit, plötzlichen Verletzungen und Aufenthalten in Notaufnahmen, vertrocknetem Gänsebraten, mit stimmungsschwankenden Gästen, mit viel zu viel Geschenken, mit viel zu viel Essen. Aber auch mit dem Glück, spontan um den Weihnachtsbaum zu tanzen und zu singen, sich über Schnee zu freuen, kichernd die dritte Flasche Champagner zu öffnen, beim Fondue/Raclette zu schwitzen und sich 10 Käsepfännchen in den dicken Bauch schaufeln, futtern bis zum Umfallen, alte Zeichentrickfilme anzugucken, und sich irgendwie doch mit allen Lieben, die da sind, vertragen. Und dann hinterher sagen: War doch eigentlich total schön. 

Und wissen Sie was: Ich finde, Weihnachten MUSS so sein. So stressig, so chaotisch, so anstrengend. Es ist menschlich. Es ist normal. Und es ist, ja, schön so. Denn werden nicht genau hier die Legenden geboren, die wir uns die nächsten Weihnachten kichernd erzählen werden? Weißt du noch, als Papa vor Wut den Weihnachtsbaumständer zertrümmert hat? Weißt du noch, wo Mama hysterisch ausgeflippt ist, weil sie statt Zucker Salz in den Plätzchenteig gegeben hat? 

Und ja, ich finde Weihnachten toll, aber ich finde auch, ein bißchen Gelassenheit und nicht allzu viel hineininterpretieren à la LOS JETZT BESINNLICHKEIT! oder LOS JETZT WIR HABEN UNS ALLE LIEB FAMILIENZEIT!, das hilft schon enorm. 

Also: Ich bin gewappnet. Weihnachten, du kannst kommen. Ich freu´ mich auf dich. Und all deine herrlichen Katastrophen! In diesem Sinne: Let the Glocken läut and the Weihnachts-Spiele begin!