Liebe Zen-Mönche, ihr habt echt keine Ahnung

ZenMönch


Ein guter Mensch zu sein, oder zu werden, ist echt schwer. Ich versuche eigentlich immer, ein besserer Mensch zu werden. Das klingt jetzt total nobel, ist es aber gar nicht. Denn primär geht´s mir dabei in erster Linie nur um mich. Ich will mich von all dem Seelenballast befreien, der einen so manchmal mehr, manchmal weniger, nach unten zieht. Ich will all diese schlechten Gefühle nicht haben, die manchmal, oder öfter, in einem hoch kriechen und dafür sorgen, dass man sich innerlich so merkwürdig und eklig bitter fühlt. Wut, Neid, Eifersucht, Überforderung, Traurigkeit, Angst, Sorgen.

Ich weiß natürlich auch, dass das Leben keine große Happy-Hippo-Show ist, und man nicht immer mit süßem Schokoladengefühl in Bauch und Herz und Hirn herumrennen kann. Dennoch wünsche ich mir, diese fiesen Gefühle irgendwie in den Griff zu bekommen. Dass ich mit ihnen leben kann, aber dass sie mich nicht vollends in Beschlag nehmen. 

Und so lese ich regelmäßig alle möglichen Bücher aus den Ratgeber-Abteilungen: Wie wird man erfolgreich, wie führt man eine tolle Beziehung (die hält), wie ist man eine gute Mutter, wie erzieht man sein Kind, wie erzieht man seinen Hund, wie bleibt man rank und schlank, wie schafft man das was man will und so weiter und so fort. Letzlich steht in allen Büchern immer wieder das Gleiche. Und obwohl ich all das, was in den Büchern steht, schon längst weiß, und teilweise auch lebe, merke ich immer wieder, wie schnell man doch in Sachen Emotionen an seine Grenzen kommt. Diese kleinen fiesen Biester!

 

Emotionen, diese kleinen, fiesen Biester!

 

Und ich meine, das Problem erkannt zu haben. Es ist nämlich so: Wenn es uns gut geht, bejahen wir all das, was in Ratgeberbüchern steht, malen uns die wichtigsten Stellen rot an, und fühlen uns dann gewappnet mit AHA-Effekten für die nächste große Krise. Und wir liken und sharen mit Begeistertung all die vielen philosophischen Sprüche, die stündlich über unsere Facebook-Timeline flattern (komisch, oder, dass alle so auf Sprüche bei Facebook stehen ...). Und großspurig geben wir auch all unseren Freunden all die klugen Weisheiten mit auf den Weg, wenn es ihnen mal schlecht geht. Aber wehe, wir stecken in der Scheiße. Mittendrin. Dann sind wir doch oft dermaßen von unseren schlechten Gefühlen übermannt, dass wir absolut nicht in der Lage sind, all unsere klugen Strategien, die wir uns vorher theoretisch angeeignet haben, auch praktisch anzuwenden. 

Ehekrach: Wir wissen, dass wir nicht "NIE KÜMMERST DU DICH UM MICH!" oder "IMMER KOMMST DU ZU SPÄT!" sagen dürfen, das steht in jedem Ehe-Ratgeber. Oder dass wir niemals ohne Gute-Nacht-Kuss ins Bett gehen sollten. Dass wir nicht alles auf die Goldwaage legen sollten. Und doch — wenn wir sauer sind auf den anderen, da können uns diese verfickten Tips doch echt gestohlen bleiben, oder? Liebe Ehe/Beziehungs-Ratgeber-Schreiber: Zeigt mir nur ein Paar, bei dem auch nur 30% von dem, was ihr da schreibt, in der Praxis funktioniert! 

Ärger mit dem Nachwuchs: Wir wissen, dass wir geduldig sein müssen, nicht rumschreien. Und doch: Wenn der Zweijährige einen (zumindest für Erwachsenenverständnis) grundlosen Tobsuchtsanfall bekommt, da können wir manchmal nicht anders, als in Turbo-Lautstärke "JETZT IST ABER SCHLUSS!" zu kreischen, so laut, dass sogar schon der Hund anfängt zu zittern vor Angst. Es fällt so schwer, cool zu bleiben. Liebe Kinder-Erziehungs-Ratgeber-Schreiber: Zeigt mir nur ein Paar Eltern, bei dem auch nur 30% von dem, was ihr da schreibt, in der Praxis funktioniert! 

Unzufriedenheit mit sich selbst: Wir wissen, dass wir toll sind wie wir sind.  Aber wenn da dieses Top-Model um die Ecke kommt, fühlen wir uns doch wie die letzte fette mausgraue Trulla. Und Neid und Eifersucht piesakt in uns. Dann zu denken, och, ich kann aber ganz toll kochen und bin total nett, ist schier unmöglich. Es hilft in diesem Moment absolut gar nichts, das ramponierte Selbstbewusstsein wieder auf Vordermann zu bringen. 

Im Job: Wir wissen, wir sollten Position beziehen, und nicht über andere Kollegen lästern. Aber natürlich tun wir es. 

Wenn die schlechten Gefühle einmal da sind, kommt man einfach nicht mehr aus der Nummer raus. Wie die Totesser bei Harry Potter haben sie uns dann im Griff, saugen alles, insbesondere unsere Vorhaben, wie wir mit schlechten Gefühlen umzugehen haben, aus uns raus. Und dann sind wir schwarz und bitter. 

Ich frage mich zum Beispiel immer, wie Ehe-Therapien funktionieren sollen. Wenn man den anderen so doof findet, dass man mit ihm/ihr eine Therapie machen müsste, dann findet man den anderen doch so doof, dass man doch gar keine Lust darauf hat, dass die Chose wieder funktioniert. 

Wenn man mitten im Auge des Sturms steht, mitten in der Scheiße sitzt, kommen einem all die Ratgeber plötzlich so lächerlich vor. Vor allem der Ratschlag "Such das positive an deiner beschissenen Situation!". Man reagiert regelrecht zynisch darauf, meistens mit "Die haben gut Reden!" oder "Die haben doch keine Ahnung!" oder "Ja, wenn das so einfach wäre!". 

Und wissen Sie, woran das kliegt? Das kann ich Ihnen sagen. Die meisten Lebensweisheiten finden ihre Basis im Zen-Buddhismus. Beim Dalai Lama und so. Und jetzt, Verzeihung, muss ich gegen all die Herrschaften, die ihr Dasein in abgeschotteten Hochgebirgs-Klöstern fristen und nichts anderes machen als den ganzen Tag mit Reisigbesen die Klostertreppen zu fegen, zu meditieren und die Erleuchtung zu finden, echt mal stänkern. Denn, mit Verlaub, es ist echt verdammt leicht, da oben in den Bergen bei den sieben Zwergen, sich von allen bösen Gefühlen zu befreien, wenn man so weit weg ist vom ECHTEN Leben. Doch was den dort entstandenen Theorien (Sei weise, ärger dich nicht, verzeihe, sei liebevoll mit dir und anderen etc ...) absolut fehlt, ist Best-Practice, um es mit Manager-Sprech auszudrücken. 

 

Hattet ihr schon mal Ärger mit eurem Boss? Oder Ehekrach? Oder geht ihr auf dem Zahnfleisch, weil euer Baby seit Monaten nachts 7 mal bespaßt werden will?

 

Ich selbst bin großer Fan all dieser Theorien, das Leben im JETZT, das Steuern der Gedanken etc, und versuche, danach zu leben, stelle aber immer wieder fest, dass es echt verdammt schwer ist. Vor allem eben, wenn man mitten drin steckt, in allen möglichen Lebensschlammasseln. 

Und deshalb würde ich den Herren Zen-Buddhisten gern mal folgenden Brief schreiben: 

Liebe Zen-Mönche, die ihr eure Weisheiten in die Welt posaunt, es ist alles sicher schön und gut, was ihr lehrt. Aber ihr habt echt gut Reden! Ihr seid da in eurem Himalaya-Kloster, abgeschieden von der Welt, und mit Verlaub, ihr habt echt keine Ahnung, wie der Hase hier unten in der echten Welt läuft. Hattet ihr schon mal Ärger mit eurem Boss? Oder Ehekrach? Oder geht ihr auf dem Zahnfleisch, weil euer Baby seit Monaten nachts 7 mal bespaßt werden will? Oder habt ihr unlösbare Konflikte in der Familie, der sich wie ein Klumpen in euch festsetzt?

Ja, es ist beeindruckend, wie ihr euch selbst beherrschen könnt, und ganze Nächte nur mit einem orangenen Laken bekleidet bei Minus 20 Grad in Eis und Schnee übernachtet und morgens aufsteht, als wär´ nichts gewesen. Aber ganz ehrlich: Das ist nichts gegen eine Nacht mit einem schlaflosen Baby. Oder eine Nacht mit auffressenden Alltags-Sorgen im Kopf. Dagegen ist eure Himalaya-Challenge echt Ponyhof. 

Ihr lebt da oben in eurer Wolke, und ja, ihr seid so klug und weise. Und ihr habt sicher Recht mit allem, was eure Theorien von uns Menschen fordern. Aber sorry, es funktioniert im echten Leben überhaupt nicht gut. Könntet ihr eure Theorien vielleicht noch mal in der Praxis in einer Studie erproben und überarbeiten und für das echte Leben DA DRAUßEN anpassen? Das wäre sehr nett.

Vielen Dank und viele Grüße aus dem echten Leben, Henriette Frädrich