Guckt mal alle her, ich bin nackig!

NackigSex


Sex sells ja bekanntlichermaßen. Aber nun wurde und wird Sex überall und ständig eingesetzt, dass sich der Sell- und Aufmerksamkeitsfaktor doch eigentlich rapide abnutzen müsste. Aber mitnichten.

Ich müßte mich nur nackig machen, und diesen Artikel mit dem Bild von mir als Nackedei verzieren. Und schwupp, hätte ich massig Aufmerksamkeit. Ich verwette meinen derzeit noch bekleideten Hintern, dass es so wäre. Nicht, weil ich nackig so bombastisch und atemberaubend aussehen würde, mitnichten, sondern einfach nur, weil die Nacktheit per se immer noch einen Aufschrei wert ist. Ob es irgendein Promi-Busen auf den Playboy-Titel geschafft hat, Lady Gaga sich entblößt, Miley Cyrus nackig auf ´ner Abrißbirne turnt, in einem 3000-Seiten starken grauschattigen Schinken ein paar SM-Spiele gespielt oder in einem kleinen rosa feuchten Buch eine Frau ein sehr eigenes Verhältnis zu ihrem Körper und all ihren Körperausscheidungen hat - alle reden drüber. 

 

Es ist wie im Kindergarten. Ein Kind sagt "KACKA!"
und alle liegen am Boden vor Lachen.

 

Es ist wie im Kindergarten. Ein Kind sagt "KACKA!" und alle liegen am Boden vor Lachen. Alle Unter-6-Jährigen wohlgemerkt. Wenn Sie Eindruck bei einem Kind hinterlassen wollen, dann sagen Sie so oft Sie können "KACKA!". Wenn Sie Aufmerksamkeit wollen, dann zeigen Sie Ihre Brüste. Oder steigen Sie so aus dem Auto aus, dass man Ihr unbedecktes Sparschwein sehen kann. Wir sind wie das Krümelmonster. Statt dass wir uns auf KEEEEEKSE! stürzen, stürzen wir uns auf BRÜÜÜÜÜSTEEE! 

Aber warum? Es ist so durchschaubar, es ist stets der kalkulierte Skandal. Es ist so vorhersehbar. Und doch fallen wir jedes Mal drauf rein. Ist das was Biologisches? Können wir nicht anders? Sind wir so doof? Pawlowsche Hunde, die sofort sabbern, sobald ein paar Nippel um die Ecke kommen? 

Dabei müßten wir doch gerade heute, in der, Achtung Anklage, "übersexualisierten Gesellschaft", was blanke Brüste und Sex-Szenen in Büchern angeht, doch aus dem Gähnen nicht mehr rauskommen. Denn während man sich früher all die versauten Dinge nur unter Einsatz seiner Integrität besorgen konnte, in Videotheken, und in der Hoffnung, bloß nicht vom Kollegen erwischt zu werden, bietet uns das Internet Schrillionen von mehr oder weniger erotischem Bewegtbildmaterial, Terrabytes an Wichsvorlagen, kostenfrei, ohne Zugangsschutz, anonym, wann immer und wo immer wir wollen. Hallo Youporn.com, das Paradies einsamer Höschen. Und dennoch: Ein bisschen Peitschen hier, ein bisschen Genitalsekret da, und schon schreit alles auf, was bei drei nicht unterm Keuschheitsgürtel versteckt ist.

Verwundert bin ich auch, dass derzeit anscheinend ein regelrechter Aufklärungs-Wahn ausgebrochen ist. Auf allen Kanälen werden wir in die Kunst der Liebe eingeführt. Paula Lambert, Buchautorin und Sexpertin, zieht bei Sixx in ihrer Sendung "Paula kommt" durch deutsche Betten. RTL hat bei "7 Tage Sex" Ehepaare in einem "Doku-Format" dazu angestiftet, jeden Tag Sex zu haben. Die Sex-Therapeutin Ann-Marlene Hennig hat einen Aufklärungs-Bestseller geschrieben und flimmert derzeit mit ihrer Aufklärungs-Serie "Make-Love" beim MDR über den Bildschirm. Und auch ProSieben fährt auf dem Sex-Zug mit, und will nicht nur aufklären, sondern sucht gleich den perfekten Sex in der Doku "Unter fremden Decken". Soviel geballter Sex im TV gab´s zuletzt in den 90ern, als sich "Wahre Liebe", "Liebe Sünde", "Peep" und "Emanuelle" noch die Klinke in die Hand gaben. Und alle reden drüber. 

 

Wir sind wie Pawlowsche Hunde, die sofort sabbern,
sobald ein paar Nippel um die Ecke kommen.

 

Und ich frage mich: Häh?! Wat´n hier los? Hab` ich was verpasst? Gibt´s irgendwas neues in Sachen Beischlaf? Und ich komme zu der Erkenntnis: Nee. Eben nicht. Seit Oswald Kolle und dem Kinsey Report, damals tatsächlich revolutionär, hat sich doch eigentlich nichts weiter getan in Sachen Sabber-Knutsch-Fummel-Rein-und-Raus. Es ist immer noch das selbe rein und raus. Es gibt verschiedene Körperöffnungen, die dafür geeignet sind, manche mehr, manche weniger. War schon immer so. Schon damals in der Höhle praktizierten Steinzeit-Horst und Höhlen-Uschi die Freuden der körperlichen Liebe auf diese Art und Weise. 

Und so werden uns doch tatsächlich immer wieder die gleichen Tips serviert, wie wir unser Liebesleben aufzupeppen haben: Benutzen Sie Gleitgel. Probieren Sie mal Dildos und Vibratoren. Setzen Sie mal eine Maske auf. Probieren Sie mal Fesselspiele. Machen Sie Dirty Talk. Gehen Sie mal in einen Swinger-Club. Eine Frau braucht mehr Gedöns als nur Rammeln. (Alles aus der ProSieben-Sendung "Unter deutschen Decken"). Mönsch, Leute, das haben Lilo Wanders und Verona Feldbusch schon 1997 in ihren Sendungen "Wahre Liebe" und "Peep" erzählt. Gähn. Mal gänzlich davon abgesehen, dass ich stark bezweifle, dass auch nur 80% dieser Tips realitätstauglich sind. 

Das Ganze vermittelt nur eins: Wir müssen ständig und überall fantastischen Sex haben. Wir müssen unser Liebesleben aufpeppen. Der Optimierungswahn, vorher in Sachen Lebenslauf/Karriereplanung und Kindererziehung omnipräsent, hat nun die Betten erreicht. Bringen Sie mehr Pep in Ihr Schlafzimmer (mir liegt gerade ein Witz auf der Zunge, der mit dem ehemaligen Trainer vom FC Bayern zu tun hat), reden uns alle ein. Und ich frage mich: Wieso? Wer sagt denn, dass unser Liebesleben nicht gut ist, wie es ist?

Und so müssen wir immer wollen. Wer keinen Vibrator hat, ist oldschool. Und wer noch nie ein selbstgemachtes Video bei Youporn hochgeladen hat, ist prüde. Zu Weihnachten schenkt man sich das Shades-of-Grey-Starterset mit Polyester-Maske und Samt-Peitsche. Und zum romantischen Dinner kocht man sich Penis-Nudeln. 

 

Und zum romantischen Dinner kocht man sich Penis-Nudeln.

 

Dabei ist das größte Tabu heute, keinen Sex zu wollen. Oder nur "normalen Sex", einmal die Woche, im Bett, ganz ohne Peitschen, Maske und "Hallo, darf ich Sie festnehmen"-Spiele. Das größte Tabu ist, keine Lust zu haben oder zumindest nicht so viel, wie es überall propagiert wird. 

Deshalb plädiere ich für den kinkerlitzchenfreien Sex. Ganz normal. Ohne Gedöns. Lassen Sie sich bitte bloß nicht verrückt machen.