Warum es gut ist, schlimme Dinge bei Facebook zu posten

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Sind Sie auch so genervt, wenn Ihre Facebook-Timeline mit diesen "Die-Welt-ist-so-schlecht-Posts" verstopft wird? Wenn Sie morgens mit Ihrem Kusmi-Detox-Tee vor Ihrem Mac-Book sitzen, die Social-Media-Lage checken, und dann in Ihre heile Welt Bilder von gequälten Hunden, von der Fukushima-Katastrophe radioaktiv-verseuchtes Wasser, das nun ins ganze Welt-Meer schwappt, von abgeschlachteten, blutenden Lämmern, deren Fell für die Produktion des Fashion-Hits Ugg-Boots verwendet wird, platzen, wie geht es Ihnen dann? 

Meine Reaktion ist so: Iihh! Weg! Ich will das nicht sehen! Ich will das nicht wissen! Und dann meldet sich auch mein innerer Zyniker zu Wort, der sofort lospoltert: "Also, dieser Hans, der geht mir sowas von auf die Nüsse mit seiner Weltverbesserungssscheiße!" Und weiter: "Das ist doch eh alles Fake! Und nur Propaganda!" Oder "Was regen wir uns so auf, die Welt war schon immer schlecht, seit Menschen Gedenken schlachtet man sich gegenseitig ab, das war schon immer so. Und wird sich auch nicht ändern, die Welt ist halt schlecht." Und dann beiße ich in mein Butterbrot und kommentiere und like die anderen, lustigen Posts. 

Facebook ist das Happy-Hippo-Land. Immer Sunshine, immer Spaß. Nichtssagende Daddelei, Ablenkung und Zerstreuung, den ganzen Tag. Da ist kein Platz für Anklagen gegen was auch immer. Und doch trauen sich doch immer wieder regelmäßig ein paar der digitalen Freunde, Links zu verstörenden Artikeln und Bildern über Greueltaten gegen Mensch und Tier zu posten. Meistens werden sie mit null Likes, der Währung im Kampf um die Social-Media-Aufmerksamkeit, abgestraft. Klar, wie soll man das auch "liken", sieht komisch aus, wenn man sein Like unter einen Hunde-in-Rumänien-Tierquäler-Post setzt. Auch wenn man damit eigentlich meint, dass man es anerkennt, dass derjenige das postet, sich damit offensichtlich auseinandersetzt, und seine Freunde darauf aufmerksam machen will. Ganz selten werden diese Art Posts mit einem "Schlimm!!" oder einem " :-( " kommentiert, was sich aber jedes Mal ziemlich komisch anfühlt. Man heuchelt Betroffenheit. Dann lieber gar nichts sagen. Und so stehen diese Posts stumm und unkommentiert in der Timeline, still erhobene Zeigefinger, die uns daran erinnern, dass eben nicht alles Happy Hippo ist. 

 

"Also, dieser Hans, der geht mir sowas von auf die Nüsse mit seiner Weltverbesserungssscheiße!"

 

Was ich mich manchmal in diesem Zusammenhang frage, wie hat man das früher gemacht, in der Prä-Facebook-Zeit? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass morgens auch nur irgendjemand ins Büro oder in die Uni kam, sich in die Mitte gestellt und dann laut lospolterte und auf die Missstände dieser Welt aufmerksam gemacht hätte. Ungefähr so: "Hallo liebe Kollegen, ich will euch euren Guten-Morgen-Kaffee nicht verderben, aber ihr müsst wissen, dass in Russland Tanzbären gequält werden. Und so sieht das aus, ich habe hier ein Bild von Mischa, dem armen Tanzbär. Schaut euch das mal an. Und denkt mal drüber nach." Und dann hält der Kollege ein Pappschild hoch. Und alle gucken betroffen, wissen aber nicht was das soll, gucken sich ratlos und schulterzuckend an. Und dann macht sich der anklagende Kollege vom Acker. Und der Tag geht ganz normal weiter. Absurd, oder? Weil, was soll ich nun mit dieser Information? Anders sähe es aus, wenn der Kollege sich dann auch entsprechend weiter engagieren würde. 

Und genauso absurd ist es bei Facebook. Denn gerade bei Facebook ist es so einfach, einen auf Gutmensch zu machen und mit dem Finger auf das Elend der Welt zu zeigen. Ich wasche meine Hände in Unschuld, ich hab´doch allen gesagt, wie schlimm es ist. Es ist wie Rummotzen und Kritik an einem Problem, aber ohne einen Lösungsvorschlag zu unterbreiten. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand Artikel postet, die die Hintergründe der Ugg-Boots-Produktion aufdecken - aber statt polemisch "Alle, die Ugg-Boots tragen, sind ugly!!!" in die Welt zu tröten, vielleicht vorher mal die eigene Garderobe checken. An jedem Kleidungsstück klebt tierisches und menschliches Blut (siehe weiter unten). Und was tut ihr, die ihr solche Dinge postet, sonst noch, um die Welt zu verbessern? Glaubt ihr, damit ist es getan? 

Und, noch eine Bitte: Allzu schnell verbreiten wir heute Stories, oft nur kurz gelesen, und so gut wie nie recherchieren wir nach, ob das denn wirklich stimmt, was da in die Welt gesetzt wird. Wie schnell sind heute irgendwelche Geschichten in die Welt zu setzen, hier und da noch ein paar schockierende Bilder dazu, und schwupp, ab in die Social-Media-Umlaufbahn, wo die Gutmenschen sich empören und teilen und teilen und teilen. Ein berühmtes Beispiel für gefakte Negativ-PR ist die Müller-Milch-Ist-Nazi-Geschichte, die immer wieder durch die Netze flirrt, seit Jahren schon. 

Bei Facebook ist es so einfach, einen auf Gutmensch zu machen und mit dem Finger auf das Elend der Welt zu zeigen. 

 

Und so bin ich eigentlich genervt von diesen Posts. Aber ich habe heraus gefunden, woran das liegt. Ich bin deshalb genervt, weil diese Posts etwas bei mir bewirken. Und ich das nicht wahr haben will. Meine Welt ist doch so schön, ich will nicht sehen, dass sie woanders nicht so schön ist. Obwohl ich das natürlich weiß. Trotzdem will man bitte schön damit nicht konfrontiert werden. Denn plötzlich kommt da dieses Unbehagen, weil wir auf Kosten anderer, ob Mensch, ob Tier, leben. Ob die Posts nun wahr sind oder nicht, ob mich das Gutmenschen-Anklag-Anklag-mit-dem-Finger-auf-andere-zeig-Gehabe nun nervt oder nicht, ich merke, wie ich ein anderes Bewusstsein für die Dinge entwickele. Ich bin Millionen Meilen davon entfernt, ethisch und moralisch und ökologisch hundert Prozent korrekt zu leben, aber ich fange an, darüber nachzudenken - und hier und da das eine oder andere Verhalten zu verändern. Und das tat ich früher nicht. Und deshalb sind diese Posts und die Bad News gut. 

 

Früher fand ich die Welt verbessern zu wollen, uncool. Heute bleibe ich paralysiert spät abends beim Zappen an einer Doku hängen, die zeigt, unter welch schockierenden Umständen Jeans - ob für Billigmarken wie KIK oder H&M, aber auch für "Edelmarken" wie Guess und Co. hergestellt werden (Hier angucken, und Sie werden nur noch Öko-Jeans tragen wollen ...). Schockierende Arbeitsbedingungen, schockierende Auswirkungen auf die Umwelt. Ich schaue an mir runter, und mir ist klar, dass die Jeans, die ich gerade anhabe, mit 100prozentiger Sicherheit auch unter solchen Umständen entstanden ist. Und es ist egal, ob die Jeans im Handel 15,00 Euro oder 250,00 Euro kostet - ALLE Jeans der großen Marken dieser Welt werden so hergestellt. 

Aber es sind nicht nur die Jeans. Jedes Kleidungsstück made in China/India/Bangladesh, das wir günstig kaufen, ist Schuld an der Misere. Wir, die das kaufen, sind Schuld an der Misere. Bei C&A staune ich über die günstigen Preise, besonders für Kinderklamotten, und ich trage mit dem Berg an neuen Klamotten für meinen Sohn auch einen Berg schlechtes Gewissen nach Hause. Da hat sie wieder zugeschnappt, die Konsumfalle. Und die Ausrede der Unternehmen, die Verbraucher wöllten es ja so. Und dann kaufe ich sehr viel teurere Kindermode, gerade weil ich es absurd finde, dass mein Sohn in Bodies und Hosen und Pullovern steckt, die unter schockierenden Umständen hergestellt wurden, u.a. bei Johnny Boden, wo man für ein einziges Teil so viel bezahlt wie für 5 C&A-Teile, und dann stelle ich entsetzt fest, dass auch hier überall Schilder mit "Made in India" dran kleben. Ich habe absolut nichts gegen Herstellung in China und Indien. Aber ich habe etwas dagegen, wenn die Unternehmen Margen von mehreren 1000 Prozent einstreichen und nichts von dem, was man als Verbraucher bereit ist, mehr zu zahlen, an die Arbeiter abgeben oder für bessere Arbeitsbedingungen sorgen. Ist das naiv von mir gedacht? 

 

Dabei haben wir die Macht, die Dinge zu verändern.

 

Ich schäme mich plötzlich auch für meine Fellkapuze an meiner Jacke. Mit echtem Fell. Ich fand das immer schick. Habe es aber nie hinterfragt. Ich trage Ugg-Boots, weil sie so schön warm sind, auch barfuß, im Winter. Und habe Lammfell-Handschuhe. Wahrscheinlich würde nichts in meinem Kleiderschrank (und mit Sicherheit auch nichts in meinem Kühlschrank) einer ethisch-ökologisch-moralischen Kontrollinstanz stand halten. 

Manchmal denke ich, wir leben wirklich wie im Film "Die Tribute von Panem", die einen im Dreck, die anderen im Glitzerglamour, ohne zu wissen, bzw. ohne wissen zu wollen, was da passiert bei denen im Dreck. 

Und dabei haben wir die Macht, die Dinge zu verändern. Wir müssten es nur wollen. 

Deshalb motze ich nicht mehr über die Spielverderber-Posts bei Facebook. Denn auch wenn es so aussieht, als würde niemand sie wahrnehmen, weil niemand sie liked, kommentiert, teilt, so scheinen sie doch eine Wirkung zu haben. Und das ist gut so.