Unser böses Essen gib uns heute

BösesEssen


Ich bin jemand, der sich mit dem Thema Ernährung durchaus intensiv auseinandersetzt. Zum einen hat das, ich gebe es ganz offen zu, ganz eitle Gründe, ich will rank und schlank bleiben/werden/sein, so wie fast jede Frau eben auch. Zum anderen will man natürlich nicht nur schön sein, sondern auch gesund und fit bis ins hoffentlich hohe Alter. Man will leistungsfähig sein und sich entsprechend mit dem richtigen Benzin betanken.

Ich koche gern und inhaliere News aus dem Lifestyle-Sektor. Bei den neuesten Trends in Sachen Ernährung bin ich immer ganz vorne mit dabei. Wenn Madonna auf Goji-Beeren schwört, dann latsche ich ins Reformhaus und hole mir so eine Packung der kleinen harten leicht bittrigen Beeren. Wenn Attila Hildmann auf allen Kanälen zum Veganismus bekehrt, bin ich neugierig und probiere das auch gleich aus. Wenn man Manuca-Honig unglaubliche Wunderkräfte nachsagt, dann hole ich mir ein Glas, 250 Gramm zu 39,90 Euro wohlgemerkt. Man kann es auch so sagen: Ich bin das Kaninchen vor der Marketing-Schlange. 

Ich finde das aber gar nicht so schlimm, denn dadurch ist es recht bunt und abwechslungsreich bei uns in Kühl- und Vorratsschrank. Ist ja auch spannend, so eine Lebensmittel-Odyssee, hier und da mal alles Mögliche ausprobieren, immer neugierig bleiben und nicht nur Kroketten mit Dosen-Rahm-Erbsen zu servieren.

 

Was es heute alles zu essen gibt, ist der Wahnsinn. 

 

Was es heute alles zu essen gibt, ist der Wahnsinn. Sowohl in Sachen Industrie-Fraß - also Knorr, Maggi und Tütensuppen-Co. lassen grüßen - als aber auch auf dem Markt der bio-öko-vegan-glutenfrei-Lebensmittelpalette, tut sich ständig was. Die Obst- und Gemüseabteilungen in den Supermärkten platzen vor Vielfältigkeit. Neulich sprach mich im Supermarkt eine ältere, nun, eigentlich eher greise Dame an, zeigte auf eine Mango und fragte mich, was das ist und wie man das verzehrt. Ich war ganz verdutzt. Für mich ist eine Mango mittlerweile so normal wie eine Orange. Aber ich bin ja auch ein Ernährungsstreber. In den Milchregalen reihen sich Kuhmilch neben lakosefreier Milch neben Sojamilch neben Mandelmilch neben Haferdrink neben Kokos-Reis-Milch ein (alles schon ausprobiert). In der Kühltheke gibt es eine ganze lactosefreie Abteilung - denn Lactose ist das ADHS der Lebensmittelbranche. Der neueste Schrei: Glutenfrei. Von Light- und Diät-Produkten ganz zu schweigen. Ich frage mich, was als nächstes kommt, von dem handelsübliche Lebensmittel befreit werden müssen. Überhaupt frage ich mich, wie es wohl wäre, eine Hausfrau aus den 60ern mal in einen Supermarkt von heute zu schicken. Die denkt bestimmt, sie ist auf dem Mond gelandet.

 

Überhaupt frage ich mich, wie es wohl wäre, eine Hausfrau aus den 60ern mal in einen Supermarkt von heute zu schicken.

 

Grundsätzlich ist gegen diese Evolution in den Lebensmittelregalen und auf den Esszimmertischen auch eigentlich nichts einzuwenden. Das ist der Lauf der Dinge. Der Mensch entwickelt sich immer weiter, also entwickelt sich auch das weiter, was jeden Tag in seine Futterluke kommt. Trotzdem merke ich, dass ich immer verunsicherter werde. Denn genau diese kaum mehr überschaubare Vielfalt an Lebensmitteln bringt mich langsam zum Durchdrehen. Mein gesunder - haha - Menschenverstand sagt mir, von allem etwas, und du kannst gar nichts falsch machen. Die berühmte Dosis, die das Gift macht. Logisch. Und da hat der Verstand sicherlich auch recht. Dennoch fällt es wahnsinnig schwer, hier gelassen zu bleiben. Denn jeden Tag wabern neue "News" durch die Info-Kanäle. Immer wieder neue Lebensmittelskandale. Immer wieder neue Erkenntnisse, Behauptungen und Diskussionen. "Fett macht dick!" "Nein!" "Doch!" "Vielleicht!". Es ist nicht die Vielfalt der Produkte, die mich echt kirre macht, sondern die Vielfalt der Meinungen darüber.

 

Es ist nicht die Vielfalt der Produkte, die mich echt kirre macht, sondern die Vielfalt der Meinungen darüber.

 

Zu jedem Nahrungsmittel gibt es Pros und Kontras. Immer wieder ploppen neue "wisschenschafltiche" Erkenntnisse auf, die vermeintlich Altbewährtes und Altbekanntes widerlegen. Ich bin, wie wahrscheinlich so viele andere Menschen auch, in dem absolut unerschütterbaren Glauben aufgewachsen, dass Milch gesund ist. Die gute Milch eben. Die Milch macht´s und so. Im Leben nicht wäre ich auf die Idee gekommen, dass Milch "böse" ist. Doch mein persönliches Monument der Milch wird gerade erschüttert. Erst die böse Laktose. Früher hatte man Rücken, heute hat man Laktose. (Stellen Sie sich mal Horst Schlämmer vor, der "Isch hab Laktose!" keucht und sich Sojamilch in seinen Ruhrpottkaffee kippt.). Ich gebe zu, ich habe auch nie hinterfragt, woher die Milch kommt. Ja, von der Kuh. Klar, das war mir bewusst. Aber wie genau, da hörte meine mentale Schnipseljagd auf. Milch gibt ein Säugetier, wenn es schwanger war. Ergo. Genau. Schluck. Und dann schrieb Attila Hildmann in einem seiner Vegan-Bücher auch noch, dass kein Säugetier dieser Welt die Milch eines anderen Säugetiers trinkt - und schließt daraus, dass Milchtrinken wider unsere Natur ist. Klingt logisch. Aber ist das wirklich "richtig"? Aber kein Säugetier dieser Welt macht generell all die Dinge, die wir als Mensch so machen. Von daher hinkt der so oft bemühte Vergleich. 

 

Früher hatte man Rücken, heute hat man Laktose.

 

Denn genau darum geht es mir. Ich will mich "richtig" ernähren. Ich will keinen Dreck fressen. Ich will nichts essen, was moralisch/ethisch/ökologisch verwerflich ist. Aber ich weiß in diesem Dschungel der Meinungen über Nahrungsmittel einfach nicht mehr, was richtig ist. Ja, es gibt zu allem Studien. Aber wir wissen alle: Studien sind für´ n Arsch. Nämlich genau für den Arsch, der sie bezahlt und in Auftrag gegeben hat. Und diese Studien finden dann genau, na hoppla, das Ergebnis heraus, was der Auftraggeber bestätigt haben wollte. Es geht nur noch um Interessen verschiedener Für- und Wider-Parteien, die wiederum mit wirtschaftlichen Interessen eng verknüpft sind. Wobei ich nichts dagegen habe, dass man Geld verdient. Lebensmittel sind ein Markt, und auf einem Markt geht es um Angebot und Nachfrage, um Kohle zu machen. So weit so gut, so unschlimm. Aber das ganze Thema hat mittlerweile so ketzerische Züge angenommen, dass Ernährung immer mehr zu einem Kriegsfeld mutiert. Einen wunderbaren Beitrag dazu gibt es übrigens hier >> Essen ist Religion.

 

Studien sind für´ n Arsch. Nämlich genau für den Arsch, der sie bezahlt und in Auftrag gegeben hat.

 

Wenn es um Ernährungsphilosophien geht, bemüht man immer gern das Argument "früher". Obst hatte man früher auch nicht. Also braucht der Mensch kein Obst, genauso gelesen in "Der 4-Stunden-Körper" von Timothy Ferriss.Getreide gabs früher auch nicht. Also braucht man das auch nicht. Mit "früher" kann man alles wegverargumentieren im Fliegenklatschenstyle. Patsch! Da haste dein Argument. Man nennt sowas übrigens Plattitüden. Aussagen, die man nicht verneinen kann. Denen man nur zustimmen kann, weil sie faktisch richtig sind, aber keinerlei weitere Aussage-Kraft haben. Übrigens: Internet und Smartphones hatte man früher auch nicht. Also weg damit.

Völlig verunsichert von der Kuhmilch-Chose süffel ich also hin und wieder Sojamilch. Aber Obacht! Die Sojabohnenfelder zerstören ganze Landstriche. Na gut, dann eben Mandelmilch. Aber Obacht! Die soll ja auch nicht so ohne sein, wegen der Blausäure und so. Ich nehme Agavensaft statt Zucker. Aber Obacht! Agavensaft ist ja noch viel schlimmer als Zucker, hab´ ich neulich gelesen. Ich esse ganz viel Obst und Gemüse, vor allem auch wegen der berühmten Antioxidantien, die ja quasi alles können sollen, vor allem Krebs vorbeugen. Und nun lese ich, dass genau diese kleinen Nahrungsgötter angeblich Teufelszeug sind. Die sollen nämlich Tumorzellen größer machen als kleiner. Hab´ ich neulich hier gelesen. Ich lese, das Kakao, also der pure, reine Kakao (nicht das Kaba-Zeug) megasupergesund ist, rühre mir selbst einen tollen Kakao an und denke, das ist jetzt was gutes. Und dann lese ich wenig später, dass Kakao und Milch sich eigentlich gar nicht vertragen, weil die Stoffe in der bösen Milch die guten Stoffe im Kakao hemmen und der Körper die guten Stoffe in der bösen Milch nicht verwerten kann. Wir werden zugeschissen mit diesen Informationen, die nicht etwa dazu beitragen, aufzuklären, sondern im Gegenteil, die uns immer weiter verwirren. Wie Geisteskranke tapern wir planlos durch den Wald der Ernährungsphilosophien. Und da soll man bitte schön nicht durchdrehen?! Ich könnte schreien. Ich schließe mich am besten gleich der Sekte an, bei der man Kraft des Glaubens nur von Luft und Liebe lebt. Wobei, die Luft, die ist ja auch nicht mehr das, was sie mal war.

Beweise für all das? Geben Sie einfach ein Produkt Ihrer Wahl und dann "schädlich" bei Google ein. Und dann zum Vergleich: Genau das selbe Produkt und dann "gesund". Hah. Und jetzt kommst du. Viel Spaß beim Entscheiden, ob Sie das besagte Produkt nun verteufeln oder vergöttern wollen. Was mir fehlt, ist eine vertrauenswürdige Instanz, die mir sagt, was richtig ist. Und nein, damit meine ich nicht Institutionen wie Stiftung Warentest, Ökotest und all diese anderen komischen Vereine. Wetten, dass auch hier bald die einen oder anderen kleinen Skandälchen à la ADAC ans Tageslicht kommen? Ich wünsche mir eher einen Gandalf oder einen Professor Dumbledore, der mich durch das ganze Dickicht lotst und dem ich wirklich vertrauen möchte.

Und überhaupt ist ja heutzutage alles, was wir machen, schädlich. In einer der letzten Ausgaben der Mens Health gab es einen langen Artikel zum Thema "Sitzen". Zusammengefasst sagte dieser Artikel aus, dass langes Sitzen, so wie wir es in der Industriegesellschaft jeden Tag tun, absolut schädlich ist. Schädlich für alles: Prostata, Stoffwechsel, Muskeln. Kurzum: Sitzen ist tödlich. Und nicht mal wer viel Sport macht, könne das ausgleichen. Denn am besten wäre, man würde quasi gar nicht sitzen. 

 

Ich wünsche mir eher einen Gandalf oder einen Professor Dumbledore, der mich durch das ganze Dickicht lotst und dem ich wirklich vertrauen möchte.

 

Und dann hat man sehr schnell dieses Gefühl der Ohnmacht. Denn wie man´s macht, macht man´s falsch. Denn, wir wissen ja alle, Sport ist Mord. Und Joggen ist ja auch total schädlich, sagt man. Und Kraftsport auch, was man sich da nicht alles verheben kann. Man resigniert. Und fragt sich, warum soll ich mich mit dem ganzen Quatsch weiter auseinander setzen, wenn doch eh alles irgendwie schädlich ist? Lohnt sich das?

Wobei am Ende des Tages eben alles tödlich ist. Jede Tätigkeit, die wir tun, ist schädlich oder tödlich. Das liegt in der Natur der Sache. Weil wir alle nur eine begrenzte Zeit haben. Und jede Sekunde, die verrinnt, ist also per se schädlich. Egal, was wir essen oder trinken oder tun oder eben nicht tun.

Neulich bin ich mit der Deutschen Bahn gefahren und hatte immensen Hunger. Ich also ins Bordbistro und mir einen Salat und belegte Vollkornbrote geholt. Denn ich glaube immer noch, dass Vollkornbrot gesund ist. Und hey, immerhin gibt es dort Vollkornbrot und nicht nur belegte Matschbrötchen. Als ich mir das DB-Mahl also zu Gemüte führte, fiel mein Blick auf ein kleines Büchlein, was auf allen Tischen im Bordbistro lag. Ich dachte, es sei die Speisekarte. Aber nein. Es war sowas wie ein kleines Lexikon mit dem Titel "Zutaten und Allergene des aktuellen Speisenangebots". Und da wird einem doch gleich anders. Das ist so, als würden auf dem Essen "Achtung-Tödlich!"-Aufkleber wie auf den Kippen-Packungen kleben. Irgendwie empfinde ich das alles so absurd. Ja, es gibt Menschen mit Allergien. Sicher. Aber irgendwie hat man immer mehr das Gefühl, dass Essen was ganz schlimmes ist. Früher starb man, weil man nichts zu essen hatte. Heute stirbt man offensichtlich, weil man isst. Absurd.

Vor einiger Zeit habe ich beim Motivationstrainer Christian Bischoff diese schlauen Sätze gelesen (es ging, passenderweise, um die derzeit tobende Auseinandersetzung, ob Fluorid nun gesund ist, wie immer angenommen, oder eben doch nicht):

"Zu ALLEM im Leben gibt es zwei Seiten. Im Zeitalter des Internets wird es immer schwieriger eine eigene Meinung zu bilden, weil Du immer das an Belegen findest, was Du gerne finden möchtest. Es ist wichtiger als jemals zuvor, permanent den eigenen Kenntnisstand und das eigene Weltbild durch möglichst breitgefächerte Meinungen von Menschen AUS DER PRAXIS zu überdenken!"

Ergo: Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als unser eigener Gandalf, unsere eigene Vertrauens-Instanz zu werden. Niemand wird uns mehr sagen können, was nun richtig oder falsch ist. Als mir das klar wird, halte ich plötzlich inne. Und denke mir, hey, ich lebe ja noch. Ich bin gesund. Alles gut. Mach dich locker. Darauf einen Milchkaffee.

Apropos: Wussten Sie, dass Kaffee total gesund ist ....?