29200 Tage Leben

CarpeDiem


Ein Phänomen sowohl in den Social- als auch in den "normalen" Medien ist das Veröffentlichen, Liken und Teilen von rührigen "Leute-das-Leben-ist-zu-kurz-macht-das-beste-draus-Stories".

Ob es die Brief-Botschaft von einem verstorbenen Mädchen ist (Briefe an sich selbst: Zeilen eines toten Mädchens bewegen das Netz), Randy Pauschs berühmte "Last Lecture" (Abschiedsvorlesung: Ein todkranker Professor rührt Amerika), Tips eines unheilbar kranken Jungen (Ratschläge eines Sterbenden: Akzeptiere deine Grenzen und schau immer nach vorn), Bücher wie "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen", Julia Engelmanns Poetry-Zukunfsangst-Slam (Oh Baby, sei doch glücklich) oder all die mehr oder weniger kitschigen Lebensweisheiten-Kalender-Sprüche, die jeden Tag die Facebook-Timelines zukleistern - alle haben die gleiche Message: Leute, macht was tolles aus eurem wunderbaren Leben. 

 

Wir verdatteln unser Leben. 

 

Auch ich schaue ich mir einen Großteil dieser Videos an und lese diese Bücher und Artikel. Auch ich bin gerührt. Und das meine ich ohne Ironie und ohne Zynismus. Wir können nicht anders, es geht uns nah, wenn uns unsere Endlichkeit so vor Augen geführt wird - und wir in unserer jämmerlichen Alltagsroutine ein Leben jenseits von Glanz und Gloria führen. Wir nehmen uns vor, mehr zu wagen, mehr zu genießen, uns allem viel mehr bewusst zu sein. Im berühmten Hier und Jetzt ganz vollkommen und im Reinen mit uns Selbst das Leben einatmen und Dankbarkeit spüren. Nur um dann doch wieder ein Trottel durch den immer wieder selben Alltag zu schlurfen, der alles kaputt trampelt. Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir wie in Wartehallen auf Flughäfen die Zeit bis zum Abflug tot schlagen. Nur warten wir nicht auf den Flieger, sondern auf den Tod. Wir verdatteln unser Leben. 

Wir alle haben Angst vor dem Tod. Und noch viel mehr Angst als vor dem Tod haben wir davor, zu versagen, nichts aus unserem kostbaren Leben zu machen. Und doch machen wir alle irgendie nichts aus unseren Leben. Nichts Spektakuläres. Kein Glanz. Kein Gloria. Wie das Kaninchen vor der Schlange, gelähmt, sitzen wir da und lassen das Leben wie eine Schlange langsam an uns vorbeikriechen. So, wie wir abends auf der Couch rumgammeln, gammeln wir durch unsere durchschnittlich 29.200 Tage Lebenszeit. Wie viele Tage davon haben wir schon verplempert? Verplempert mit peinlichen Sörgchen und popeligen Problemchen, die wir so darstellen, als wären es Monster.

 

29.200 Tage Lebenszeit. Wie viele Tage davon haben wir schon verplempert?

 

29.200 Tage. Das klingt nach ganz und gar nicht so viel, oder? Scheiße, ist das wenig, oder? Das sind umgerechnet 80 Jahre. Wir alle glauben, wir hätten Millionen Tage noch vor uns. Aber da machen wir uns echt was vor. Wenn Sie 40 sind, haben Sie noch 14.600 Tage vor sich. Wenn Sie 60 sind, noch 7.300. Wenn Sie 20 sind, noch 21.900. 

"Aber, aber, aber", hallt es immer wieder aus unseren Mündern, oder "Die anderen!", "Die böse Welt!", "Ich kann nicht!". Und dann sitzen wir erschöpft von erschöpfenden unerfüllten Tagen da und suchen verzweifelt den Sinn des Lebens. Komisch.

Und dann müssen es wieder andere richten. Dann müssen die Toten und Sterbenden und Kranken ran und uns daran erinnern, endlich unseren Arsch hochzukriegen, mit dem Jammern aufzuhören und Jippieh-Juchhee-mäßig durchs Leben zu hopsen. Und ich frage mich, warum? Warum brauchen wir immer einen Gong mit der Bratpfanne? Warum müssen uns Tote, Kranke und Sterbende davon berichten, wie schön das Leben ist? Warum rührt uns das so? Und warum sind wir nicht vom Leben an sich ohne Wink mit der Totenmann-Sense gerührt? 

Ist das vielleicht biologisch? Irgendwie ist es doch bei uns Menschen symptomatisch, ein Muster. Wir haben Behandlungs-Medizin statt Vorsorge. Wir lutschen solange Bonbons, bis wir Zahnschmerzen haben. Wir fangen erst mit Umweltschutz an, wenn es fünf vor 12 ist. Wir wollen leben, also richtig leben, wenn wir krank sind oder kurz bevor wir sterben. Wir brauchen immer den Vorschlaghammer, um in die Gänge zu kommen. Wir verordnen uns selbst die Prügelstrafe. Mann, sind wir doof. 

Witzig zu beobachten ist übrigens, dass meistens genau die als erstes all diese Rührstücke posten, die, vermessen formuliert, recht wenig Spannendes aus ihrem Leben machen. Die alle einen netten Job haben, eine kleine Familie, aber das war´s auch schon. Natürlich spricht nichts gegen einen gemütlichen Angestellten-Job und gegen eine schöne, kleine Familie. Aber es sind genau die Typen Menschen, die ihre großen Träume und Sehnsüchte mit den vielen "Ja, abers" begraben und erstickt haben und einen Alltag wie aus dem Ikea-Katalog leben. Wie viele Millionen anderer Menschen eben auch. Austauschbar. Ohne Fallhöhe. Ohne Risiko. Mit Sinn?  

Und ich frage mich, warum liken und teilen diese braven "Durchschnitts-Menschen" das so gerne, leben es aber nicht?

Worte sind das eine, Taten aber das Entscheidende. Und "Tat" heißt hier noch lange nicht, mahnende Worte bei Facebook zu teilen. Wir müssen das wirklich tun, was uns die Sterbenden und Kranken und Toten sagen.