Im Osten gibt´s auch nette Menschen

Neulich hatte ich eine Vortragsbuchung im tiefsten Osten. Es ist irgendwie witzig, sich selbst zu beobachten, wie man auf geografische Lagen emotional reagiert. Allein schon, dass man sagt „Ohje, ich muss in den tiefsten Osten!“ 

Ich wurde für ein Firmen-Event in Freyburg an der Unstrut gebucht, was, wie ich dann schnell lernte, Heimatort der Rotkäppchen-Sektkellerei ist. Na, das passt ja prima, dachte ich, von Zeit zu Zeit Partygirl und Schnapsdrossel, und sah mich schon abends unterm Sekt-Fass einen picheln. 

Und irgendwie ertappte ich mich immer wieder dabei, wie Bilder aus den Medien der letzten Wochen und Monate in meinem Hirn aufploppten: Der ätzende Ost-Anti-Flüchtlings-Mob, Freital, dumme Ossis, die noch dümmere Dinge tun. Und all das eben. Oh Gott, und da muss ich hin?! Zu diesen blöden Menschen, wo in Sachen politischer Bildung, Anstand und Moral Hopfen und Malz verloren ist? 

Ich bin gebürtig auch „Ossi“, bin ein DDR-Kind. Und obwohl ich jetzt schon viel länger „im Westen“ lebe und die DDR-Zeit eine recht kurze Episode in meinem Leben war, so hat mich meine Kindheit hinter der Mauer doch ziemlich geprägt. Wenn ich daran zurück denke, ploppen Erinnerungen auf, von denen ich manchmal gar nicht glauben kann, dass es wirklich so war, was ich da alles erlebt habe. Das kommt mir mit dem Blick von heute alles so surreal vor. Wie ein komischer Film. Der sich beim Anschauen merkwürdig anfühlt, und doch weiß man, ja, das gehört alles zu deinem Leben dazu. Die Welt damals war eine komplett andere. Und ich frage mich bis heute, was aus mir geworden wäre, stünde die Mauer immer noch.

Ich schweife ab. Jedenfalls. Als ich in Erfurt aus meinem Zug ausstieg und umstieg, hatte ich noch etwas Zeit. Ich hatte Hunger und holte mir an einem kleinen Stand was zu futtern. Da gab es „Kartoffel-Stampf To-Go“, mit allerlei leckeren Toppings. Kartoffelbrei zum Mitnehmen, wie geil ist das denn, in Zeiten von Quinoa-Wrap, Chia-Pudding und Sushi-Box doch mal was richtig Ehrliches! Ich bestellte also meinen Hausmannskost-Snack und beobachtete die Damen hinter der Theke. Ich weiß, es klingt total despektierlich, aber ja, sie alle hatten irgendwie was unverkennbar „ostiges“ an sich. Wie sie aussahen, irgendwie noch gefangen in den 90ern, die Frisuren, die Klamotten, ich kann es schwer beschreiben, woran man erkennt, dass jemand Ossi ist. Aber man erkennt es. 

Aber, und das hat mich so verzückt, die waren alle unfassbar nett. Also richtig nett. Und herzlich. Die ältere Dame, die mir meinen Kartoffelbrei zubereitete, war wie eine geschäftige Oma. Sie fragte mich immer wieder, was ich noch möchte als Topping, und jede meiner Antworten konstatierte sie mit einem niedlichen „Abor gerne, freilich, das machen wir!“ Da war kein genervtes Grummeln und Abarbeiten der Kunden, nein, das kam irgendwie alles von Herzen. Ich hätte die Dame knuddeln können. Die waren alle irgendwie so drollig. 

Im Regional-Express von Erfurt nach Naumburg herrschte auch eine seltsam gelassene und herzliche Atmopshäre. Zugfahren ist normalerweise Kampf, Abschotten, Genervt-von-den-anderen-Menschen-um-sich-sein. Aber da war das irgendwie anders. Die Fahrkartenkontrolleurin, ein junges, hübsches Mädchen, begrüßte jeden Gast mit einem fröhlichen „Hallöchen, zeigen Sie mir bitte Ihre Fahrkarte?“. Die Leute unterhielten sich. Miteinander. Es war total nett, in diesem Zug zu sitzen und diese netten Menschen zu beobachten. Wo gibt´s denn sowas? 

Als ich in Naumburg ausstieg, wollte ich mir ein Taxi nehmen für die letzten Meter nach Freyburg. Es stand aber nur ein Taxi da. Welches mir ein junger Mann im Anzug vor der Nase wegschnappte. Dachte ich. Aber die Taxifahrerin, eine ältere Lady, plapperte schon munter auf mich ein, wohin ich müßte, und ich solle warten, sie würde erst ihren ersten Fahrgast fahren, und dann gleich wiederkommen. Natürlich mit herrlichstem thüringischem Akzent. Daraufhin meinte der junge Mann, ach Quatsch, ich könne doch direkt mitkommen. Und das tat ich. Und ich, normalerweise Smalltalk-mit-fremden-Menschen-vermeidend, stieg in das Taxi ein, und die Taxi-Fahrerin und der junge Mann und ich, wir plauderten einfach fröhlich drauf los, und es war irgendwie total nett, unsere kleine illustre Fahrgemeinschaft. Als der Mann sein Ziel erreichte, verabschiedete er sich bei mir mit den Worten „Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute!“ Und das kam von Herzen. Und irgendwie berührte mich das. Ich wünschte ihm das auch und musste lächeln, als wir weiter fuhren. So fühlt sich Glück an, kleines, schönes Glück, unverhoffte Begegnungen, die nichts weiter sind, als einfach nur nett. Und ich wünschte mir in diesem Moment, dass jeder Mensch jeden Tag solche kleinen, wunderbaren und unvorhergesehenen Momente erlebt und wahrnehmen kann. Denn wenn man sich all die ätzenden News jeden Tag so anschaut, wer wieder wo wem einen auf die Fresse gehauen hat, verliert man den Glauben daran, dass die Menschen gut sind. Und doch sind sie es. Und wie. 

Meine Taxifahrerin dreht sich zu mir um, und sagte mit ihrem süßen Thüringen-Dialekt (oder war es Sachsen-Anhalt? Herje, meine Geografie-Kenntnisse lassen sehr zu wünschen übrig!) „Ich hob de Taxi-Uhr jetze wiedor uff null gestellt, also nich dass se denken, sie müßten die ganze Strecke bezohln. Und außerdem drehe ich jetze noch ne gleene Runde mit Ihnen durch Naumburg und zeig Ihnen den Dom. Ohne Taxi-Uhr nadürlisch.“ Und ich muss schon wieder lächeln. Und lasse mir gern von meiner kleinen Taxi-Oma Naumburg zeigen. Ich war noch nie hier. Und wer weiß, wann ich hier je mal wieder her komme. Also nutze ich die Gelegenheit, einen Blick auf ein neues Stück deutsche Heimat zu erhaschen. Ich stelle fest, ich bin in einem Wein-Gebiet gelandet, alles grün hier, kleine Weinberge. Wusste ich auch nicht, und ich lerne, dass die Gegend hier die Toskana des Ostens heißt. Ach guck, noch nie gehört. Die Städtchen und Dörfchen sind teilweisesehr hübsch, teilweise lugen noch grau-beige Osthäuser dazwischen hervor, die mich an meine Kindheit erinnern. Eine Kindheit in grau-beige. Die wir uns aber trotzdem bunt gemacht haben. 

Die Quittung, die mir die Taxi-Fahrerin schreibt, ist korrekt und ordentlich ausgefüllt, jede einzelne Zeile. In Köln krieg ich immer einen unleserlichen Schrieb, wo nur der Fahrtpreis hingerotzt ist, mehr nicht. 

Im Hotel werde ich ebenfalls von unglaublich netten und herzlichen Menschen begrüßt. Ja, im Hotel sollte man nett sein, das ist deren Job. Aber es ist hier irgendwie so anders. Ich kann es kaum beschreiben, was es ist. Auch am nächsten Tag erwische ich eine Taxi-Fahrerin, die wieder zum Piepen ist, und über die ich mich beömmeln könnte, im positiven Sinne. 

Mein Mann, der mit seinem Wohnmobil von Vortrag zu Vortrag reist (er hasst Züge, Hotels etc), erlebte ebenfalls eine ganz besondere Begebenheit „im tiefsten Osten“. Er parkte sein Wohnmobil abends in einer kleinen Seitenstraße in einer kleinen Ortschaft und schlief dann da. Darf man eigentlich nicht, aber in der Regel stört das niemanden. Am Morgen klopfte es an seiner Scheibe, und er dachte sich schon, ohje, jetzt motzt jemand, weil ich hier geschlafen habe. Er fuhr also die Scheibe runter, und da stand ein älterer Herr, der ihn fröhlich begrüßte: „Ja Gudn Morgen, ich wollte frogn, ob se vielleicht frische Semmeln haben wolln? Ich bringe Ihnen gerne welche!“ Mein Mann war ziemlich verdattert, das hatte er auch noch nie erlebt. Und mein Mann schrubbt seit Jahren zigtausende Vortrags-Kilometer und hat schon an allen möglichen Stellen und den verschiedensten Ortschaften übernachtet. 

Und genau das erlebt man nur dort. Im tiefsten Osten. Wo es sehr viele außerordentlich (und das ist hier tatsächlich mal wörtlich zu nehmen) nette und herzliche und offene und aufeinander zugehende und aneinander interessierte Menschen gibt. 

Und ich frage mich, die Menschen in Freital, die Menschen, die sich vor Flüchtlingsheime stellen und randalieren, die Menschen, die sich vor Flüchtlings-Busse stellen und Angst und Schrecken verbreiten, was ist das? Wie kann das sein? Sind das Aliens? Zombies? Wo kommen die her? Und warum kriegt man so wenig von den vielen tollen, unglaublich netten und hilfsbereiten Menschen mit, von denen es dort, im tiefsten Osten, so viele gibt? 

Und ja, ich weiß, Idioten gibt es überall. Aber eben auch tolle, nette, gute Menschen.