Warum man sich berühmte Orte nicht anschauen sollte

Hollywood ist hässlich

Als letzte Woche mal wieder die Oscars verliehen wurden, sah man in den Medien (TV, Web, Zeitschriften) wieder unzählige Bilder von Hollywood: Die Stadt L.A., Rodeo Drive, den Hollywood-Boulevard, das Kodak-Theatre (was nicht mehr Kodak-Theatre heißt), den Walk of Fame, Beverly Hills, die Hollywood-Hills, das Hollywood-Zeichen und und und. All diese Bilder haben wir schon tausende Male zuvor gesehen, in Zeitschriften, in Filmen, in TV-Serien. 

Und wir alle haben eine ganz bestimmte Vorstellung wie diese Orte sich anfühlen müßten, sollten wir einmal tatsächlich und wahrhaftig da sein. Diese Orte sind nämlich WOW! Glitzer! Glamour! Magie pur! Es riecht dort nach Rosen, und Goldstaub perlt vom Himmel. Ist doch so, oder?Und jetzt das: Bei mir ist diese Hollywood-Magie total weg. Ich war nämlich da. Und seitdem weiß ich genau, wie es vor dem Kodak Theatre aussieht (schäbig!), dass der Walk-of-Fame entlang einer ziemlich usseligen viel befahren Straße entlang führt, und dass L.A. einfach nur eine laute, hektische, hässliche und uncharmante Stadt ist. Meine Illusion ist weg. Ich kann keinen Bericht über L.A. und Hollywood mehr unvoreingenommen gucken, denn zu tief sitzt die Enttäuschung. Die Enttäuschung darüber, dass der Ort, an dem einmal im Jahr das größte Medien-Tohuwabohu herrscht, eine unspektakuläre Straße ist und dass das berühmte Kodak-Theatre eine stinknormale Einkaufsmall ist.

Am allergrößten aber ist die Enttäuschung darüber, dass ich so gar nichts fühle. Wir alle haben vorgenormte Gefühlswelten, beeinflusst und verursacht durch die Medien und das Bild, das diese von diesen berühmten Orten vermitteln. Und so tut sich bei mir in Sachen WOW! GLITZER! GLAMOUR! so gar nichts. Ich schreie mich innerlich selbst an: "Halloooo!! Du bist auf dem Walk-of-Fame! Los, jetzt flipp endlich aus!" Aber nichts passiert. Ich bin total nüchtern und ernüchtert. Fühlt sich alles genauso an, als würde ich irgendwo in Bielefeld spazieren gehen: Völlig unspektakulär.

Genauso verhält es sich mit anderen "berühmten Orten". Ich war als kleines Mädchen bei den Pyramiden von Gizeh. Und schon als sehr kleines Mädchen bekommt man mit, dass das ein hammermäßig historischer Steinhaufen ist. Vor allem aber erlangte er bei mir besondere Aufmerksamkeit durch den Comic "Asterix und Kleopatra". Hier spielen die Pyramiden und die berühmte Sphinx ja eine ganz entscheidene Rolle. Jedenfalls stehe ich dann da vor den Pyramiden, und war zum einen verwundert darüber, dass die Pyramiden quasi mitten in Kairo stehen (naja, gut, am Stadtrand), denn ich dachte, die Dinger seien irgendwo mitten in der Wüste, Zivilisation weit und breit keine und so. Aber Pustekuchen. Voll mitten drin. Und das passte so gar nicht zu "meinem Pyramidenbild". Und dann die ganzen Händler, der Krach, der Lärm, das Touristentheater. Schrecklich! Jedenfalls waren die Pyramiden überhaupt nicht so, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte.

Oder als ich zum ersten mal in New York war. Hier das gleiche Phänomen: Man "kennt" die Stadt aus so vielen Filmen und von so vielen Bildern. Und dann stehste da, und nichts rührt sich. Als ich in NY lande, sage ich mir mantraartig immer wieder vor: Du bist in NY! Los, jetzt freu dich! Aber ich bin und bleibe irgendwie cool und unberührt. Was Touristenattraktionen angeht, habe ich wohl ein Herz aus Eis. Es bleibt kalt in mir. Keine aufgeregten Hitzewallungen, keine Gefühlsausbrüche. Natürlich ist alles spannend und ich bin neugierig auf die fremde berühmte Stadt. Aber meine medial verursachte völlig überzogene Erwartungshaltung verursacht eine Enttäuschung nach der anderen. Das ist also das Empire State Buildung. Cool. Aha. Soso. "LOS JETZT FÜHLE DAS EMPIRE STATE BUILDING!", schreit es in mir. Ach, und das ist also Ground Zero. Krass. "LOS JETZT SEI BETROFFEN!" blökt es in mir. Ach guck, und das ist die Freiheitsstatue. "LOS, JETZT SEI BEEINDRUCKT, VERDAMMT!" mosere ich mich selbst von innen an. Aber ich kann mich selbst anschreien, wie ich will, es tut sich nichts. Keine Magie weit und breit. Und dabei sollte sich doch alles irgendwie so intensiv und dramatisch anfühlen. Tut es aber nicht.

Ich bin in San Francisco, fahre über die Golden Gate Bridge, und ich denke mir "Oha, die Golden Gate, is ja mal n Ding, und ich fahre da jetzt grad drüber. Is ja ulkig".

Ich bin auf dem schönsten Fleck der Erde, den Malediven, es sieht alles genauso aus wie auf diesen Fernweh provozierenden Kalenderbildchen, aber ich fühle: Nichts. Natürlich genieße ich das herrliche Stück Paradies und habe Spaß. Aber es fühlt sich eben nicht wie die Erfüllung aller Sehnsüchte und Träume an - die man eben so hat, wenn man zum Beispiel in einem Lagunen-Bildband oder Reisekatalog blättert, wo einen das Fernweh fast zerfrisst.

Vielleicht ist genau das die Enttäuschung? Dass die "berühmten Orte" letztlich genauso normale Orte sind wie jeder andere Fleck auf der Welt auch? Dass die Illusion weg ist. Oder liegt es an der Wunscherfüllung, die letztlich Träume "zerstört"? Man hegt immer den Traum, einmal auf die Malediven, einmal nach Kalifornien, einmal nach New York, und dann biste da und fühlst dich eben nicht anders oder toller oder besser. Sondern ganz normal.