Philosophie mit Merci

Merci Schokolade

Heute Abend, mein Mann kommt von einer seiner Vortragsreisen nach Hause und stellt eine XXL-Packung Merci auf den Tisch. Er hat die schokoladige Dankesgeste, samt einer weiteren Packung Lübecker Marzipan, von einem seiner Kunden geschenkt bekommen. 

Das hat sich mittlerweile so eingebürgert bei uns, dass ich ihm, wenn er loszieht, mit auf den Weg gebe, bloß nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen. Ich bin nämlich verwöhnt, ziemlich oft kommt er mit Wein- und Schaumweinflaschen, Geschenkkörben, Wurstpaketen oder ganzen Bierkästen nach Hause. Kommt er mit leeren Händen zurück, ziehe ich eine Schnute. Scheint entweder noch ein Relikt aus Kindertagen zu sein, Mama und Papa auf Dienstreise, und das erste, was wir Kids brüllten, wenn sie zur Türe rein kamen: „Mama, hast du uns was mitgebracht?“. Nun muss eben der Ehemann diese Rolle erfüllen. Oder es ist etwas evolutionsbiologisches? Frau in Höhle, Mann kommt mit Mammut nach Hause.

Jedenfalls liegt da diese Monstertafel Merci-Schokolade auf unserem Tisch, und das erste, was ich denke, ist: Jippieh, endlich wieder Schokolade im Haus! Die Weihnachtssüßigkeiten sind schon lange aufgebraucht, und wir trauen uns nach all der Kalorien- und Zuckerschlacht nicht so wirklich, selbst via Einkauf im Supermarkt für Nachschub zu sorgen.

Und so stürze ich mich ausgehungert über das Schokozeug. Und plötzlich denke ich: Wow. Merci Schokolade ist so genial. Die hätte ich auch gern erfunden. Der Erfinder oder die Erfinderin ist sicher ein reicher Mensch, ein sehr reicher Mensch.

Merci-Schokolade ist eigentlich so belanglos und so unspektakulär. Aber gleichzeitig so famos. Auf die Idee muss man schließlich erst mal kommen! Menschen lieben Schokolade. Und die meisten Menschen tun sich durchaus sehr schwer damit, einfach Danke zu sagen (wenn sie müssen, wollen oder sollen), und statt dessen stammeln sie einfach nur ungeschickt herum. So ist es doch geradezu eine erleichternde Angelegenheit, jemandem einfach eine Packung Schokolade in die Hand drücken oder vor die Tür stellen zu können und nichts weiter sagen zu müssen. Denn die Schokolade übernimmt den sonst stets so peinlichen Dankesbotschaftsdienst. Merci!

Und dank der ausgeklügelten Marketingstrategie, dem Verbraucher einen über Jahre, ach, was sage ich, über Jahrzehnte hinweg bestehenden Ohrwurm ins Hirn zu pflanzen (Sie wissen schon: Merci, dass es dich gibt ...), summen wir automatisch diesen Song, sobald wir eine Merci-Packung vor uns haben. Und schon fühlen wir uns wertvoll. Toll. Jede Packung Merci trägt also ein Mem mit sich (Sie wissen nicht, was das ist? Hier ein genialer Vortrag über Meme), welches sich in unserem Hirn festgefressen hat. Die von Merci sind echt raffiniert! Sind am Ende Außerirdische am Werk? 

Wir alle kennen die Merci-Schokolade, wir alle wissen, wie die Packung aussieht, wir alle wissen, wie die kleinen unterschiedlichen Riegelchen schmecken, wie sie aussehen, wie sie verpackt sind. Und wir alle haben immer noch eben diesen schmalzigen, kitschigen und doch so schönen Ohrwurm im Kopf „Merci, dass es dich gibt!“. Hier ein Beispiel, Achtung, Schmalzalarm!

Ich erinnere mich, zu akut pubertären Zeiten, ich hatte mit den schlimmsten Auswüchsen hormonell bedingter Gefühlsduseligkeit zu kämpfen, wie mich der Merci-Werbespot jedes mal zu Heulkrämpfen spektakulärster Art brachte. Sobald ich nur dieses „Du bist der hellste Stern .... blabla ... du bist in meinem Lieblingslied die Melodiieeeeeeeee, Merci dass es dich gibt!“ hörte, musste ich flennen. Und dann noch dieser süße Typ mit den Wuschelhaaren in den Bluejeans und dem weißen T-Shirt, der im Regen seiner im Käfer davon fahrenden Freundin nachrennt und ihr durch die Scheibe die Merci-Packung durchreicht, ach, nee, wat war dat schön!

Merci-Schokolade ist uns allen doch irgendwie total vertraut, oder? Und wissen Sie, woran das liegt? Seit Jahren hat man nichts, aber auch rein gar nichts, an ihr verändert. Und das ist ein wahres Wunder. In Zeiten, wo man sich ständig neu erfinden muss, Innovation hier, Relaunch dort, hat man im Hause Merci die Zeit, entgegen allen Regeln des Marktes, einfach angehalten. Gleiche Rezeptur (nichts mit „Jetzt mit neuer Rezeptur!“), gleiches Design, gleicher Look. Wir alle wissen immer noch, dass Milch-Nuss die mit der grünen schrägen Schrift ist, Marzipan die beige, Milchpraline die helle lilane, braun die Nougat-Creme. Und das ist auch gut so. Stellen Sie sich mal den Aufschrei vor: Als Haselnuss-Liebhaber greift man blind in die Packung, zieht den Riegel mit der grünen Schrift raus, beißt rein, und plötzlich ist es Banane-Erdnuss! Wie schrecklich! Also lieber alles so wie immer. Ist das nicht herrlich, diese sture Beständigkeit in Zeiten des Immer-schneller-immer-weiter-immer-besser?

Jeder hat doch auch seine eigene Reihenfolge, welche Sorten zuerst und welche Sorten am liebsten gar nicht, und wenn, dann nur im allergrößten Schokoladen-Heißhunger-Aus-Mangel-an-Alternativen-Notfall, gegessen werden. Ich esse zum Beispiel immer zuerst die grünen, Milch-Nuss. Schon von Kindheit an war das immer meine Lieblingssorte. Dann kommen die beigen, Marzipan. Das sind meine beiden Lieblingssorten. Eine Stufe tiefer kommen dann „herbe Sahne“ (dunkellila), „Milch-Praline“ (helllila), „Edel-Rahm“ (blau), „Haselnuss-Creme“ (hellbraun) und „Dunkle Mousse“ (rot). Die gehen alle so. Man isst sie, aber nicht mit der gleichen Freude wie die beiden Sieger-Sorten. Auf dem letzten Platz steht eindeutig „Kaffee-Creme“ (dunkelbraun). Die geht gar nicht.

Wahrscheinlich könnte man ein Orakel darauf begründen. Sag mir, welche Sorten du als erstes isst, und welche Sorten du liegen lässt, und ich sage dir, wer du bist. Das Merci-Orakel!

Merci ist eigentlich total uncool, wenn wir ehrlich sind. Es ist so 80er. Man belächelt es irgendwie, oder? Aber bekommt man so eine Packung geschenkt, ist man doch gerührt. Denn kein Mensch kauft oder verschenkt Merci einfach so. Niemand würde auf die Idee kommen, einfach so Merci zu kaufen, wegen der leckeren Schokolade. Nein, wer Merci kauft, hat immer eine Mission. Er will Danke sagen. Ist das nicht schön? Merci als Sinn stiftendes und Nächstenliebe vergrößerndes Naschwerk.

Zum Hintergrund:

Gibt es seit 1965. Die erste Geschenkschokolade zum Dankesagen überhaupt. Gibt es in über 70 Ländern. Und, ich revidiere, ein klein wenig Innovation gab es schon: 1994 kam merci Crocant dazu, und seit 1995 auch merci Petits. Quelle: Storck