"Blind zu sein ist das Beste, was mir passiert ist!" – Unternehmer, Querdenker & Abenteurer Erich Thurner // Interview (11)

Interview Henriette Frädrich Erich Thurner

Ende Oktober 2018. Ich stehe wartend am Bahnsteig des Flughafen Köln-Bonns und beobachte, wie eine Flughafenmitarbeiterin einen offensichtlich blinden und offensichtlich ziemlich gut gelaunten Mann zum Bahnsteig begleitet. Die beiden unterhalten sich angeregt, scherzen, lachen. Ich will mich schon wieder meinen eigenen Gedanken zuwenden, da kommt die Frau mit dem Mann im Arm schnurstracks auf mich zu. “Fahren Sie nach Köln?”, fragt sie. Ich: “Äh, ja.” Sie: “Na dann nehmen Sie den jungen Mann mal mit, er muss zum Hauptbahnhof.” Ich war völlig verdattert. “Äh, okay.” Und dann stand er da, neben mir, der lebenslustige, wortgewandte und rotzfreche Erich. Wir fingen sofort an zu quatschen, ich fragte ihn frei raus, warum er blind sei. Nachhaltig hängen geblieben ist mir seine Antwort: “Blind zu sein ist das beste, was mir passiert ist.”

Da warten 100 andere Leute am Bahnsteig – und ausgerechnet mich hat das Schicksal rausgepickt, Erich ein Stück begleiten zu dürfen. Die coolsten Begegnungen sind die Unverhofften. Als wir am Hauptbahnhof ankamen, war klar, ich muss Erich interviewen. Er hat so viel mehr Lebensfreude, so viel mehr Lebenslust, so viel mehr Mut zum Risiko und so viel mehr “positive Beklopptheit” als 100 sehende Menschen zusammen. Danke für diese Begegnung.

Ich bin echt froh, dass ich die ganzen schlecht gelaunten Berliner Winterdepri-Gesichter nicht sehen muss!

Im Interview erzählt Erich, wie er mit dem Blindsein klar kommt. Wir machen Witze darüber, reißen politisch nicht korrekte Behinderten-Sprüche. Denn für Erich ist klar: Wir Deutschen gehen viel zu kopflastig mit diesen Themen um. Wir müssen darüber lachen können. Alle zusammen. Eigentlich ging ihm blind zu sein “am Arsch vorbei”, wie er selbst sagt. Es hatte Vorteile, er durfte als Jugendlicher noch mehr. “Aber meine Eltern waren so traurig, also legte ich mir eine Geschichte zurecht, eine Legende, und tat so, dass ich auch am Boden zerstört war. Aber ich war es gar nicht. Ich tat das nur, um Erwartungen zu erfüllen.”

Wir dürfen für jeden Rotz, der uns passiert, dankbar sein. Es ist ein Geschenk, auf die Nase zu fallen – sei dankbar, dass du eine Nase hast!

Der Vater von zwei Kindern schöpft das Leben voll aus und lässt sich durch den Nebelschleier vor seinen Augen nicht einschränken. Im Gegenteil. Er fährt mit Vollkaracho mit dem Rad durch Berlin und mit dem Quad durch die Wüste. Nur eines von zig Abenteuern, in das er sich fast täglich bewusst stürzt. “Wir brauchen Umwege, wir sind heute alle viel zu bequem geworden! Ich will laufen, um hinzufallen, um dann wieder aufzustehen und weiter zu laufen! Wir müssen auf die Schnauze fallen! Wir sind heute alle viel zu bequem und weich gespült!”, schimpft er. Für ihn ist ein Tag ohne Kampf kein guter Tag. Nur beim Fliegen nutzt er die “Vorteile” des Blindseins fürs Priority-Boarding und andere Annehmlichkeiten gnadenlos aus.

Erich ist ein Querdenker und Freigeist, lässt sich schon mal bei Ankunft mit dem Flieger in Köln erst mal auf die Knie fallen und küsst den Boden. Warum? Warum nicht, seine Antwort. Schiebt dann aber hinterher, dass er sich einen Spaß daraus macht, dass es dem mitreisenden Kompagnon äußerst peinlich ist. Er macht sich auch einen Spaß daraus, eine Gesellschafterversammlung im Berliner Nobel-Spa Vabali abzuhalten und seinen ebenfalls blinden Gesellschaftern lustige Bademäntel mitzubringen. “So sind wir drei blinde Vögel dann als Chewbacca, Batman und Superman durch den Spa stolziert, das war ein Spaß!”.

Die haben bei SAP Transgender-Toiletten, aber keine 100prozentige Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer. Das kann doch nicht sein!

Erich ist Gründer des Unternehmens MindTags GmbH, welches spezialisiert ist auf die Entwicklung und Implementierung von "Inklusiven Informations- und Wegeleitsystemen". Auch wenn Erich sich nicht einschränken lässt, beschäftigt er sich intensiv mit “Inklusion” und “Barrierefreiheit”. “Inklusion ist ein bescheuerter Begriff. Das geht ja davon aus, dass man raus ist. Und vorher auch schon raus war”, sagt Erich. Ganz ehrlich, es geht hier nie um den Menschen, sondern immer nur um wirtschaftliche Interessen”, sagt er und macht deutlich, wieviel absurde Dinge ein behinderter Mensch jeden Tag im Alltag erleben muss. Erich wünscht sich, dass alle mehr mitdenken und Rücksicht nehmen. Nicht zu verwechseln mit Mitleid. Das hilft niemandem. “Wir müssen Lösungen finden, die für alle gut sind und funktionieren. Wenn etwas nicht für alle funktioniert, ist es nicht gut.”


HIER ⬇️ DAS INTERVIEW (ca. 30min)


Mehr von und über Erich Thurner: 

  • Erich Thurner (*1968 / Jurist, Dolmetscher und Übersetzer / blind) ist Geschäftsführer der MindTags GmbH. Das junge Unternehmen ist spezialisiert auf die Entwicklung und Implementierung von "Inklusiven Informations- und Wegeleitsystemen" in Gebäuden. Seit 2004 lebt er in Berlin, wo er das mehrsprachige Kulturportal "CarpeBerlin" gründete und sich auf die Entwicklung des sensorbasierten Informationssystems für Alle, MindTags, konzentrierte. Zwischen 2010 und 2014 leitete er die technische Umsetzung des Forschungsprojektes "Episteme in Bewegung" im Museum für Islamische Kunst (FU "FSB980", Pergamon Museum, Berlin). Davor wirkte Herr Thurner im juristischen Kontext bei Clifford Chance (London) und am Internationalen Gerichtshof (Friedenspalast, Den Haag). Zudem bekleidete er acht Jahre den Lehrstuhl für Englische Rechtsterminologie am Dolmetscherinstitut in Saarbrücken. (via re-publica.com)

  • Erichs Unternehmen: MindTags GmbH


Menschen, die ungewöhnliche Dinge tun und ungewöhnliche Wege gehen: Freigeister, Querdenker und Regelbrecher, die ihr eigenes Ding machen, Konventionen den Stinkefinger zeigen und damit trotzdem, oder gerade deshalb, erfolgreich sind. Und für die Erfolg nicht zwingend "viel Geld haben" bedeutet, sondern einfach das machen zu können, was sie wirklich von Herzen machen wollen. Genau darum geht es in meinen Interviews. 

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