(M)Ein Sommer in der Provence: Ein Liebesbrief

Ich weiß nicht, was mich geritten hat, mal eben ein Ferienhaus für 10 Personen in der Provence zu buchen. Und dann den Menschen, die man gerne um sich und dabei haben möchte zu sagen: Hey People, kommt vorbei! House of open doors! Und sich dann eine Gemengelage aus zufällig zusammen gewürftelten Menschen, die gerade Zeit und Lust hatten auf einen 1000-Kilometer-Ritt, aus Family, erweiterter Family und Friends mit blassen Beinen und Bäuchen in Bikini, respektive Badehose, an und im Pool tummelt. Mit denen du mal eben Urlaub machst. Freunde der provenzalischen Sonne, ich hatte mein eigenes Sommerhaus der Stars! Ich hatte mein Sommerhaus unter den Sternen.

“Crazy Community-Urlaub“, ein schönes, verrücktes und wunderbares Einfach-Mal-Machen-Ding. Das Delikate: Die Reisegruppe bestand aus mir und meinem siebenjährigen Sohn. Meinem Herzmann und seinem Hund. Meiner Mama (aka „Nonna“) und ihrem Partner. Meinem Papa (getrennt von Mama) - aka „Nonno“. Meinem Noch-Bald-Ex-Mann. Meinem Hund. Meiner Freundin S. Meiner Freundin N. samt Gatte und 4jährigem Sohn. Und dann sitzt du irgendwann mit deinem Sohn, deinem Papa, deinem Noch-Bald-Ex-Gatten und deinem Herzmann an einem Tisch und spielst „Scotland Yard“ (genau das Scotland Yard, das Papa seit 25 Jahren im alten Spieleschrank hortet und du seit genau eben dieser Zeit nicht mehr gespielt hast). Würde man solch eine Konstellation bei einem Drehbuch für eine Real-Life-Fiction-Doku oder Romantic Comedy absegnen? Ich glaube nicht. Zu bekloppt. Und viel zu unrealistisch. Die schönsten Geschichten schreibt eben doch das Leben.

Mit vielen Fragen im Gepäck anreisen. Und dann, relativ schnell, gar keine Antworten  und Gründe brauchen. Nichts mehr suchen. Einfach halt DA sein. Den schönsten Sommer seines Lebens haben. Sterne gucken. Händchen halten. Rosé trinken. Den es in allen nur erdenklichen Farbvarianten (hell wie Weißwein) und kilometerlang in Supermarktregalen gibt. Und Champagner, den man hier für ab 13€ die Flasche bekommt. Man ist quasi zum Champagner-Trinken verurteilt. Baguette futtern. Meersalzbutter. Croissants essen. Und TRÜFFEL! Pain au Chocolat. Austern, obwohl man gar keine Austern mag, aber hier schmecken sie einfach. Muscheln. Und Schnecken probieren, sie für gar nicht so schlimm befinden. Käse, logo. Barbecue-Lachs. Überhaupt: Essen! Really tout le temps! 2,5kg in 13 Tagen zulegen. Aber: Egal. SCHEISSEGAL. Tanzen. Zikaden lauschen, die permanent und 24/7 zirpen. Nichts tun. Siesta. Hitzesirrende Nächte unter weißen dünnen Laken. Und erst an Tag 5 entdecken, dass dein Zimmer eine Klimaanlage hat. Das Kind vorm iPad abhängen lassen. Den ganzen Tag. Keine Lust auf Pädagogik und Erziehung. Tischtennis spielen, dabei 20 Bälle verbrauchen und zerstören, weil der Hund so gerne mit- und „fang-und-knack-den-kleinen-weißen-Ball“ spielt. Der Hund, der dich immer wieder aus dem Pool retten will. Der Hund, der sämtliche Pool-Toys zerstört - aber hey, es ist sein Job, das Zeug immer wieder aus dem Wasser zu holen, das gehört da halt auch einfach nicht rein! Der eine Hund (Labrador), der wie ein Robben-Otter geschmeidig-grunzend-elegant durchs Wasser pflügt. Und der andere Hund (französische Bulldogge), der das Im-Pool-sein panisch meidet und sich lieber lässig auf Luftmatratzen übers Wasser transportieren lässt. Im Sonnenuntergang Boccia spielen. Mückenstiche. Hitze. Und wenn es nur noch 28 Grad hat, und der Mistral bläst, sich beschweren, dass es echt frisch ist. Küssen. Lieben. Glücklich sein. Und unendlich dankbar.

Die Provence, die hat es in sich. Lass die Provence mal machen. Die regelt alles. Aber auch wirklich alles. Als hätten wir unsere eigene RomCom gedreht. So wie die beiden großartig-wundervollen Filme – „Ein Sommer in der Provence“ und „Ein gutes Jahr“ – bei denen die Storyline identisch ist: Menschen landen per Zufall mit ihrem Rucksack an schweren Themen in der Provence. Und sie verwandeln sich. Von hart. Zu weich. Von Kopf zu Herz. Und wie geht das? Keine Ahnung. Es ist die Provence! Mit all ihren magischen Zutaten. (Beide Filme: Anguck-Befehl!) Und es ist GENAUSO wie im Film, dort in der Provence. Wo Filmkitsch kein überzogener Kitsch ist, sondern nicht zu fassende echte Realität. Man ist hin und weg und sturzverliebt. Und immer wieder Sehnsucht: „Ich will da wieder hin!“. 

So vieles. So viele Eindrücke. So vieles, was bewusst unbewusst sich einfach seinen Weg gesucht hat. Dinge, die einfach von sich aus gerade und an die richtige Stelle gerückt wurden. 

Das zauberhafte Haus (von Vermieter Jean-Yves und seiner Frau „ma chérie“, zuckersüß und zauberhaft) etwas außerhalb von Saint-Rémy de Provence. Saint-Rémy de Provence, per Zufall dort gelandet, weil das Haus auf Airbnb einfach so schön aussah. Um dann zu lernen, aha, hier hat Prinzessin Charlotte von Monaco kürzlich geheiratet. Aha, hier wurde Oberseher Nostradamus geboren und chillte hier sein Leben. Aha, hier in der Gegend kreativwütetete Vincent van Gogh. Ja. Das passte alles zu unserer crazy Fronkreisch-Community. 

Die Garage des Ferienhauses voll mit Fahrrädern, also morgens schnell durch Olivenhaine ins Dörfchen radeln, um Croissants, Baguette und Pain au Chocolat zu holen. Und überall freundliche und zauberhaft schöne Menschen. Die sich gar keine Mühe geben, schön zu sein. Sondern, die einfach schön sind. Verdammt, das Klischee von den effortless wunderschönen Französinnen, egal, welchen Alters, es ist auch das kein Klischee. Es ist so. Unverschämtheit. 

Der Vermieter, der uns im Dorf abfängt und zu sich nach Hause zu Kaffee einlädt. Und nein, du hast keine Chance zu widersprechen. Auch wenn du gerade eine Flasche Rosé intus hast. Und es 13 Uhr mittags ist. Und du leicht schwankst. Du versuchst mit deinem eingerosteten Französisch dem Vermieter zu verklickern, dass man leider gerade etwas angeschäkert ist – und sein lapidarer Kommentar: „Mais, c´est normal ici!“. Der dich dann auch noch mit selbstgemachtem Limoncello abfüllt, und dann sitzt du da in einer fremden Küche, und der von der Siesta aufgewachte Oppa kommt einfach reingeschlürft, sagt Hallo, man stellt sich vor (lallend) und du feierst ihn, denn Oppa hat den Limoncello gemacht. Aber du feierst ihn auch, weil er nur im Schlüpper bekleidet vor dir steht und dir seinen kugelrunden nackten Oppa-Bauch entgegen streckt. Und in dem Moment gluckst du nur noch vor Glück und Seligkeit. Genau solche Momente sind es, um die es im Leben geht. 

Die Zikaden, der Wind, die Gerüche, die Hitze, die Landschaft, die Mücken, die Zäune überall von den Stierrennen. Ja, in der Provence sind Stierkämpfe das, was bei uns die Bundesliga ist. Stimmen meine Recherchen, alles unblutig. Man tobt nur mit den Stieren. Keine Dolche, keine Messer, keine Toten. Die besten Stiere bekommen sogar Denkmäler gesetzt. 

Du läufst fast den ganzen Tag ungeschminkt und im Bikini rum und findest dich so schön wie schon lange nicht mehr. Und dieses Örtchen, Saint-Rémy de Provence, Gott, ist das zum Niederknien drollig und schön und relaxt. Die kleinen Läden, die kleinen Restaurants und Cafés, und alle sind sie so unglaublich nett. Eines der Highlights: Da sitzen wir an diesem wunderschönen kleinen Platz vor dem Musée des Alpilles, im Bistro einer völlig durchgeknallten Köchin, die uns Gemüse und Käseplatten hinstellt wie aus einem Rembrandt-Gemälde (die Dame war jeden Tag ziemlich dicht .. aber egal … die war so cool!). Während wir alle ihre Kreationen feiern bis zum riennevaplus, holt uns mein Papa, aka „Nonno“, pragmatisch und bodenständig wie er ist, auf eben diesen, den Boden der provenzalischen Tatsachen zurück: „Naja. Ist halt ein Abendbrot.“ Recht hat er. Wir bekommen Brot. Käse. Wurst. Gemüse. Nicht Mehr. Nicht weniger. Aber das schönste der ganzen Welt. Und dann, während die Hitze um dich flirrt, die betrunkene Köchin-Kellnerin-Hausherrin in Personalunion immer mehr Köstlichkeiten auf den Tisch stellt, platziert sich ein DJ am Brunnen und spielt die groovigste Funk-Musik

Und plötzlich stehen alle Leute auf, Omis, Opis, Kids, Teenies, und alle tanzen! Und das total selbstverständlich und cool. Als würden sie ihr Leben nichts anderes machen als während des Abendessens mitten auf einem Marktplatz zu funky music zu tanzen. Das kannste dir nicht ausdenken, wie in einem kitschigen Film. Und wir? Tanzen mit.

Und dann. Das Essen. Ey, was haben wir gefuttert in der Zeit. Und, ohje, getrunken. Fünf Flaschen Rosé an einem Tag, hier und da noch ´ne Flasche Champagner und Pastis. Ein Dauerrausch. Auch sonst: Müßiggang. Kein Sport. Nur eben der provenzalische Thriathlon: Essen, Schlafen, Trinken. So gut wie nichts unternehmen. Obwohl man wahrlich viel unternehmen und entdecken könnte. Aber die Provence hatte uns voll in ihrem magischen Tunnel. Kaum online, kein Handy, keine Mails, nichts. Soll die Welt da draußen doch machen was sie will, ich bin jetzt hier. Und alles ist perfekt. Wie wunderbar herrlich man den Tag rumkriegt mit Nichts-Tun und der einzig relevanten Frage: Ey, wer besorgt Rosé? 

Sommer. Und Pause. Sommerpause. Einfach nur Rumpimmeln. Zwei Wochen lang.

Und dann: Das Zwischenmenschliche. Kurz zuvor hatte ich doch Muffensausen, nach dem Motto, bist du denn bekloppt, das geht nie gut, ein wildes Sammelsurium aus Family und Friends, ein Kommen und Gehen, bin ich denn bekloppt?! Natürlich auch die eine oder andere etwas delikat-pikante Konstellation. #Patchwork. Surrender. Hingeben. Sich all dem ergeben. Geschehen lassen. Whatever happens, happens. Und dann - auch hier, die Provence regelt das. Und alles ist gut.

Das Konzept, eine große Bude zu holen und jeder kommt und geht, war großartig. Es gab spannende und schöne Konstellationen. Und jeder der Gäste hat für sich immer wieder einen neuen, schönen Aspekt rein gebracht. Und wenn der abgereist war, hat man ihn total vermisst. Das ist einfach nur … schön.

Und jetzt: Lese ich Peter Mayles Klassiker „Mein Jahr in der Provence“. Man sagt dem Buch nach, es hätte überhaupt erst den Tourismus in dieser wunderbaren Gegend ins Rollen gebracht. Und bei jeder Seite denke ich: Das gibt´s doch nicht. Es ist GENAU SO. Genau so ist es wirklich, wie auch dieser Artikel es beschreibt. 

Und dann: Eine Nacht alle zusammen auf der Wiese im Garten und Sternschnuppen gucken. Beziehungsweise auf Sternschnuppen warten. Aber keine kommen. Aber das ist auch egal, weil da liegen Menschen und Kinder und Hunde auf und übereinandergestapelt, gucken betrunken in den dunklen Himmel, lassen Elton-John-Hits (Rocketman! Was sonst bei so einem Moment?!) die sonst nächtliche Stille durchbrechen, labern Komplett-Blödsinn, lachen und kichern und gackern, lassen sich von Mücken auffressen. Betrunken zum Kühlschrank in der Küche torkel-tanzen, Blödsinn machen, mit dem Arsch wackeln. Und deinen peinlich-berührten Sohn sagen hören: „Oh mein Gott, das glaubt mir keiner, dass das meine Mutter ist.“ Glücklich sein. Ein Glück, für das man keine Sternschnuppen braucht. Weil es einfach schon da ist.

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